Anja Hirschel bleibt den Piraten treu

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Fünf Prozent der Stimmen erhielt Anja Hirschel bei der Wahl zum Ulmer Oberbürgermeister im Jahr 2015. Nun geht sie mit reichlic
Fünf Prozent der Stimmen erhielt Anja Hirschel bei der Wahl zum Ulmer Oberbürgermeister im Jahr 2015. Nun geht sie mit reichlich Optimismus als Spitzenkandidatin in die Bundestagswahl. (Foto: Möllers)
Schwäbische Zeitung
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Bei der Oberbürgermeisterwahl 2015 erzielte sie einen Achtungserfolg mit fünf Prozent der abgegebenen Stimmen, jetzt tritt sie als bundesweit aktive Spitzenkandidatin und Direktkandidatin im Wahlkreis Ulm/Alb-Donau der Piratenpartei an: Die Ulmerin Anja Hirschel hat trotz des Sinkfluges ihrer Partei den Optimismus nicht verloren, in der Politik gestalten zu können.

Die 34-Jährige, die ihr Geld im IT-Support eines japanischen Konzerns verdient, galt vor zwei Jahren, als es in Ulm um die Nachfolge von Langzeit-OB Ivo Gönner ging, als positive Neu-Entdeckung. Sie wusste durch Kompetenz und Charme zu überzeugen.

Als Piraten-Politikerin vertritt sie Datenschutz, informationelle Selbstbestimmung und Open Data. Auch ihre Einlassungen zu Umwelt- und Tierschutz sind bestens begründet. „Stirbt die Biene, stirbt der Mensch“, zitiert die Hobby-Imkerin frei nach Albert Einstein.

Andere Parteien wollen Hirschel für sich gewinnen

Nach der OB-Wahl, die der heutige Amtsinhaber Gunter Czisch klar für sich entscheiden konnte, wurde es ruhig um Anja Hirschel. Doch die Ulmer Parteienlandschaft war auf die Newcomerin aufmerksam geworden. Regelmäßig erhalte sie Anfragen der politischen Konkurrenz, sich dort einzubringen, sagt Hirschel. Ob SPD, CDU, Freie Wähler oder Grüne Hirschel abwerben wollen, will sie nicht verraten. „Die Frau ist einfach in der falschen Partei“, kommentiert ein kundiger Beobachter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Recherchen unserer Zeitung ergeben: Alle politischen Richtungen in Ulm würden Hirschel gerne für sich gewinnen: Für die Kommunalwahlen 2019 werden jetzt erste Gedankenspiele zur Zusammensetzung der Listen angestellt.

„Keine andere Partei hätte mir die Freiheit für meine Ideen gelassen“, begründet Hirschel, warum sie sich bei den Piraten und nicht bei der Konkurrenz engagiert, „ich genieße das volle Vertrauen der Partei.“ Sie wolle den Wahltag, den 24. September, abwarten und dann, auch im Hinblick auf die Kommunalwahlen 2019, weitersehen.

Gemeinsam mit Sebastian Alscher aus Hessen und René Pickhardt aus Rheinland-Pfalz zählt Hirschel derzeit zum Spitzentrio der Piraten und ist bundesweit unterwegs. „Piraten. Freu’ Dich aufs Neuland“ ist die Wahlkampagne zur Bundestagswahl der Piraten überschrieben und stellt Bildung, Generationengerechtigkeit, Infrastrukturausbau und den Schutz der Privatsphäre in den Vordergrund.

Anja Hirschel, Spitzenkandidatin der Piraten zur Bundestagswahl, fasst die Fragen der Zeit, auf die Piraten bei der Bundestagswahl Antworten liefern, zusammen: „Wie lösen wir nachhaltig das Problem der zunehmenden Altersarmut? Wie viel unserer Freiheit wollen wir für die Angst vor Terrorismus opfern? Wie kann Deutschland Schritt halten mit den Entwicklungen in der Digitalisierung? Und wie wollen wir unsere Kinder besser fördern und auf die Anforderungen von morgen vorbereiten?“

Dass die einst als politische Newcomer gefeierten Piraten in den Bundestag einziehen, ist nach den neuesten Umfragen so gut wie ausgeschlossen. Unter „Sonstige“ werden die Piraten geführt, die sich im Mai nach einem schlechten Ergebnis bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen aus ihrem letzten Landtag verabschieden mussten. Damit ist die Partei in keinem Bundesland mehr im Parlament vertreten. Zuvor hatten sie sich aus dem Landtag in Schleswig-Holstein verabschiedet.

Die Piratenpartei hatte einst einen rapiden Aufstieg: In Berlin schaffte sie 2011 zum bundesweit ersten Mal den Sprung in ein Landesparlament. Es folgte 2012 der Einzug in drei weitere Landtage: Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen.

„Die Piraten waren eine Episode“, sagte der Düsseldorfer Politologe Ulrich von Alemann im Mai. „Manche sagen, eine sympathische – andere sagen, eine skurrile und bizarre Episode, aber sie werden sicher nicht mehr in die Parlamente kommen.“ Die erst 2006 gegründete Partei habe es nicht geschafft, ihre Ansprache über ihre Kernthemen IT und Digitales hinaus zu verbreitern.

Der Schub für die Themen Internet, Digitalisierung, Transparenz und Mitmachkultur, der von den Piraten auf andere Parteien wirkte und alle zwang, Politik auch ins Netz und die sozialen Medien zu verlagern, konnte den Abwärtsstrudel nicht bremsen. Die Mitgliederzahl der Piratenpartei sank von über 34000 im Jahr 2012 auf aktuell unter 12000.

Anja Hirschel setzt darauf, dass die Piraten verloren gegangenes Vertrauen wieder aufbauen und beweisen können, „dass wir keine Nerds sind“. Dies werde der Wähler honorieren: Wenn nicht bei der Bundestagswahl, dann bei der Kommunalwahl 2019 in Ulm.

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