100 Jahre: Kraftwerk öffnet Türen

Lesedauer: 5 Min
100 Jahre: Kraftwerk öffnet Türen
100 Jahre: Kraftwerk öffnet Türen

- Als das Dampfkraftwerk in der Weststadt 1910 seinen Betrieb aufnahm, gab es noch keine Weststadt. Rund um die Anlage wucherten noch die Krautäcker. Doch der im zweiten Weltkrieg zerstörte Bau war eine der Keimzellen der industriellen Entwicklung Ulms. Am Samstag ist von 9 bis 17 Uhr Tag der offenen Tür.

Das Jubiläum ist Grund genug, für die Fernwärme Ulm GmbH (FUG), ein Festprogramm zusammenzustellen. Eine Feierstunde mit geladenen Gästen bildete gestern den Auftakt, heute kommen Schülergruppen zu Besichtigung.

Zu sehen gibt es am Samstag ein Kraftwerk, das sich in den Jahrzehnten seit dem Wiederaufbau nach dem Krieg gewandelt hat. Wurde früher vor allem Kohle verfeuert, liegt der Anteil erneuerbarer Energieträger bei der FUG – in erster Linie Biomasse – heute bereits bei 50 Prozent. „Da haben wir Vorbildcharakter in der Bundesrepublik“, sagt Reiner Hönes, technischer Geschäftsführer der FUG, die heute je zur Hälfte den Stadtwerken und der EnBW gehört. Mit dem Bau des neuen Biomasse-Heizkraftwerks soll dieser sogar auf 60 Prozent steigen.

Die neue Anlage soll nördlich des jetzigen Areals entstehen. In der Planung ist es schon länger, laut dem Aufsichtsratsvorsitzenden Manfred Eichkorn (EnBW) hat aber die Änderung der Förderrichtlinien für eine Verzögerung gesorgt. 2011 soll der Bau nun beginnen.

Eichkorn ist dankbar, dass von Seiten der Bürger kein Widerstand da ist. „Es ist heute sehr schwierig, einen Standort für ein Kraftwerk zu finden“, so der Aufsichtsratschef. 2700 Anschlüsse beliefert die FUG mit Wärme Die Gesamtleistung der Anlagen der FUG, die auch die Heizwerke Fortz Albeck und Donaustraße betreibt, liegt bei 693 Millionen Kilowattstunden, das Kraftwerk an der Magirusstraße bringt es alleine auf 565 Millionen. 2700 Anschlüsse werden von der FUG über ein Leitungsnetz von rund 150 Kilometern Länge mit Wärme beliefert – damit beziehen laut SWU-Chef Matthias Berz 45 Prozent der Ulmer ihre Wärme von den Unternehmen.

Kraft-Wärme-Kopplung

Kraft-Wärme-Kopplung ist das Zauberwort in der Weststadt, wobei heute die Wärmegewinnung im Vordergrund steht. Die Stromerzeugung ist nur ein Nebenprodukt. Davon war freilich 1910 nichts zu ahnen. Der Bau des Kohlekraftwerks, das damals – anders als heute – vor allem der Stromerzeugung diente, war, so OBIvo Gönner, ein „Meilenstein in der Entwicklung der Stadt“.

Söflingen war damals erst seit fünf Jahren eingemeindet, das Wohn- und Industriegebiet zwischen der Kernstadt und dem neuen Stadtteil erst im Entstehen. Gönner: „Das Kraftwerk ist ein Wahrzeichen für die Industrialisierungsphase.“ Vor allem sollte das Dampfkraftwerk die Stadt unabhängiger machen von der Wasserkraft. Im Januar 1908 war die Leistung der Kraftwerke an Donau und Illerkanal wegen Niedrigwasser und Eis so weit zurückgegangen, dass in der Stadt die elektrische Straßenbeleuchtung ausgeschaltet werden musste.

Der Historiker Dr. Uwe Schmidt, der ein Buch über die Geschichte des Dampfkraftwerks West geschrieben hat, sieht den bestehenden Standort als den damals „einzig richtigen“ – auch wegen der vorbeifließenden Blau und des Gleisanschlusses.

Der Bau des Kraftwerks sei aber auch unter Umweltschutz-Gesichtspunkten bedeutend gewesen. „Die FUG hat dafür gesorgt, dass es in Ulm weniger Nebel gibt“, so der Historiker.

Mit dem Kraftwerk verschwanden auch die qualmenden Kamine auf den Häusern und Industriebetrieben ringsum. „Für den Nebel ist heute ausschließlich die Donau zuständig“, fügt Gönner hinzu.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen