Wenn Jäger ihre Beute in die Enge treiben - so läuft eine Drückjagd

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„Hopp, hopp“, tönt es aus den Wäldern des Tiefentals. Kurz darauf sind Schüsse zu hören. An den Wegen weht rot-weißes Flatterband und dient als Warnung: Hier findet eine Drückjagd statt. Spaziergänger sollten das Gebiet lieber meiden.

Solche Bewegungsjagden sind im Herbst nun häufiger der Fall. Die Drückjagd-Saison hat begonnen. Die „Schwäbische Zeitung“ war bei einer Jagd dabei.

Die Sonne ist gerade aufgegangen. Es ist feucht, regnet aber nicht. Vor einem Bauwagen in der Gemarkung Ingstetten bildet sich eine Schlange. Die Männer, die dort warten, tragen Hut, häufig orangefarbene oder braun-grüne Jacken und Stiefel. 43 Jäger haben sich für die Drückjagd angemeldet. 35 so genannte Treiber sind dabei. Bevor die Jäger ihre Positionen zugewiesen bekommen, steht eine wichtige Formalie an. Die Teilnehmer müssen sich anmelden, ihren Jagdschein zeigen und auch einen Schießnachweis erbringen. Das heißt: Die Jäger müssen 15 Schuss auf bewegliche Ziele nachweisen, um überhaupt an der Drückjagd teilnehmen zu dürfen.

Große Fläche wird bejagt

Die Gruppe ist allerdings nicht alleine unterwegs. Insgesamt sind es vier so genannte staatliche Jagdbögen, die beteiligt sind. Gut 100 Schützen kommen zusammen. Zusätzlich sind auch noch private Jagdbögen am Drücker. „Wir haben eine große Fläche, die wir gemeinsam bejagen wollen“, erklärt Matthias Bechler. Der Ingstetter Revierförster betreut 1800 Hektar Wald. Bei der Drückjagd wird im ganzen Tiefental auf 3700 Hektar Waldfläche gejagt.

 Mit Jägern unterwegs.
Warnhinweise machen deutlich: Hier wird scharf geschossen. (Foto: Scholz)

Das Hauptziel: In erster Linie Schwarzwild – also Wildschweine – sowie Rehwild. Die Schonzeit für diese endete am 1. September. „Dann darf man alles außer auf Muttertiere schießen. Am 31. Januar setzt die Schonzeit wieder ein“, zeigt Bechler auf. Beginnt die Schonzeit, sind die Tiere nicht mehr für den Abschuss freigegeben.

Die Jäger kennen sich untereinander. „Viele wird man an den kommenden Wochenenden immer wieder sehen“, erzählt Bechler. Die meisten der Teilnehmer an der Drückjagd kommen aus dem Alb-Donau-Kreis. „Dann sind noch Kollegen aus Biberach und Reutlingen dabei und ein befreundeter Jäger aus Nordrhein-Westfalen“, erzählt der Revierförster und fügt an: „Mir gefällt hier gut, dass wir als Förster mit den Privatjägern ein gutes Verhältnis haben. Man hat Verständnis füreinander. Wir müssen zusammen und nicht gegeneinander arbeiten.“

Sicherheit geht vor

Zusammen geht es dann auch los. Die Jagdleitung hat Stefan Tluczykont. Er erklärt die Regeln, weist auf die wichtigsten Informationen noch einmal hin. „Es kann auch sein, dass man nichts schießt. Die Sicherheit geht vor“, verdeutlicht er. Das Rathaus Ingstetten ist Rettungspunkt. Im Notfall wird der Rettungswagen dorthin gelotst und dann von den Jagd-Teilnehmern eingewiesen. „Das passiert äußerst selten, dennoch sei darauf hingewiesen“, macht Tluczykont klar.

Jäger notieren Beobachtungen

Im Einsatz ist bleifreie Munition. Die Jäger notieren sich Uhrzeit und was sie geschossen haben. Außerdem werden die Beobachtungen genauestens festgehalten. Wer hat wann Schwarzwild gesehen und in welcher Stückzahl? Ist angeschossenes Wild gesichtet worden? In diesem Revier sind Rehwild und Schwarzwild freigegeben. Der Fuchs ist es nicht. Ebenso Muffelwild. Waschbär und Marderhund sind wiederum zum Abschuss freigegeben. Tluczykont spricht eine weitere Warnung aus: Trotz der Absperrungen könnten Spaziergänger mit oder ohne Hund durch den Wald gehen. Es gelte, sein Umfeld stets im Blick zu haben. Auch aus Sicherheit für die Treiber. Während des Treibens wird der Stand von den Jägern nicht verlassen.

 Mit Jägern unterwegs.
Im Dickicht. (Foto: Scholz)

„Die Treiber sollten laut treiben“, zeigt wiederum Bechler auf. Es gehe nicht nur darum, die Tiere damit in ihren Verstecken aufzuschrecken, sondern auch um die eigene Sicherheit. In jeder Treibergruppe gibt es auch Hundeführer. Außerdem ist die Rettungshundestaffel Ulm mit von der Partie. Die Tiere tragen die Handynummern ihrer Besitzer auf Halsband und Schutzmantel.

„Waidmannsheil“, heißt es. Die Treiber laufen in Kette und durchkämmen Wald und Dickicht. Immer wieder kommen sie auch an den Sitzen der Jäger vorbei. Försterin Gudrun Bechler mit Hund Oskar hat in einer der Treiber-Gruppen das Sagen. Alles hört auf sie. Sie kennt die Strecke und weiß, wo angesetzt werden muss. Ihre Erfahrung sagt ihr aber auch: „In der heutigen Zeit akzeptiert die Bevölkerung Absperrbänder nicht mehr so. Deswegen ist eine solche Drückjagd auch hoch anspruchsvoll. Es geht immer darum, die Situation abzuchecken und zu entscheiden.“ Hinzu komme: „Schwarzwild ist schlau und schwer zu jagen. Die Tiere sind nachtaktiv. Die Drückjagd dient dazu, die Tiere in Bewegung zu bringen.“

Rehe, die aus dem Dickicht getrieben werden, gehen im Kreis. Wildschweine wiederum rennen und wenn sie erst einmal in Bewegung sind, legen sie auch eine ordentliche Strecke zurück. „Deswegen ist die Jagd so groß angelegt“, erklärt Matthias Bechler.

Dolinen und Wildwechsel

Im Hintergrund sind Glöckchen zu hören. Es ist ein Hund. Oskar ist es allerdings nicht. Von ihm fehlt jede Spur. Das Geräusch der Glöckchen wird lauter und plötzlich taucht einer der Hunde auf. So schnell, wie er gekommen war, ist er auch wieder weg. Immer mal wieder sind die Glöckchen zu hören, vom Tier ist allerdings nichts zu sehen. Dafür gibt es andere Entdeckungen im Wald zu machen. Ein Wildwechsel lässt sich deutlich erkennen. Dolinen liegen auf der Strecke der Treiber. Ein Mal geht es durch enges Gestrüpp, dann wiederum durch Wald mit moosigem Boden und vielen kleinen Pilzen. Auch die Wildschweine haben deutliche Spuren hinterlassen.

„Hier waren auch wieder Wildschweine unterwegs“, ruft Sieglinde Knecht aus Emeringen. Sie ist Treiberin und beobachtet ihr Umfeld sehr aufmerksam. „Mein Mann jagt. Die Jagd ist etwas Althergebrachtes und gehört dazu. Der Wald muss auch eine Chance haben. Allerdings muss das Ganze ordentlich gemacht werden. Der Treiber ist ein wichtiger Bestandteil“, sagt sie und erklärt damit, warum sie bei der Drückjagd mit dabei ist.

 Mit Jägern unterwegs.
Ein Teil der Beute an diesem Tag. (Foto: Scholz)

Um 12.30 Uhr heißt es „Hahn in Ruh“. Die Drückjagd ist beendet. Die Treiber haben ihre Arbeit bereits eine halbe Stunde zuvor abgebrochen. Am Sammelpunkt gibt es Verpflegung. Heißer Tee dampft. Dann rollen die ersten Fahrzeuge ein. Alle Augen sind auf die Anhänger gerichtet. In so manch einem Gesicht lässt sich Stolz erkennen. Das Aufbrechen der Tiere beginnt. Am Ende wird gezählt. Zwölf Rehe und drei Wildschweine sind die Bilanz. Der Jagdleiter zieht noch eine weitere: „Alle Menschen und Hunde sind unverletzt.“ Weiter: „21 Schüsse wurden für die Strecke gebraucht. Die Schützen haben verantwortungsvoll gejagt.“ Insgesamt wurden an diesem Tag von den staatlichen Jagdbögen 25 Rehe und – gemeinsam mit den privaten Jagdbögen – 30 Stück Schwarzwild erlegt.

Ein Thema, das polarisiert

Revierleiter Matthias Bechler weiß, dass das Thema Jagd polarisiert. „Auch Tierschützer haben absolut ihre Berechtigung. Es gibt einfach mehrere Meinungen“, zeigt er auf. Die Jagd erfülle trotzdem ein Ziel und mache Sinn. „Gerade jetzt, wo das Damokles-Schwert mit Blick auf die Afrikanische Schweinepest über uns hängt.“ Bei den Wildschweinen gehe es momentan nicht nur um den Schaden, den diese verursachen, sondern um die Schweinepest – gerade auch für Landwirte. Sollte eines der Tiere infiziert sein, wird eine Sperrzone eingerichtet. Die Auswirkungen, so Bechler, wären verheerend. Rehwild wiederum gehöre natürlich auch zum Wald, werde wegen der Verjüngung gejagt. Die Tiere knabbern die saftigen Knospen ab. „Deswegen wollen wir als Förster den Rehwild-Bestand niedrig halten“, erklärt Revierförster Matthias Bechler.

Jagd sei blutig. „Man tötet, das ist klar“, so Bechler. Dahingehend gebe es keine Beschönigung. Das sei Fakt. Fakt sei aber auch, dass die Tiere bis zuletzt frei und so artgerecht leben konnten. Jagdhörner erklingen. Die Strecke wird „verblasen“ und der Abschluss der Jagd eingeläutet. Ein Feuer flackert. Auch das gehört zum Brauchtum.

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