Schelklinger will Flüchtlingen vor Afrikas Küsten das Leben retten

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Tausende Menschen versuchen jährlich auf der Suche nach einem besseren Leben von Afrika aus Europa zu erreichen. Mit Schlauchbooten von Schlepperbanden machen sie sich auf den beinahe unmöglichen Weg über das Mittelmeer. Nicht selten endet so eine Reise im Desaster – mit einem gekenterten Booten und Hunderten Toten. Jürgen Walz aus Schelklingen will dabei nicht mehr zuschauen. Die Hilfe der internationalen Gemeinschaft geht ihm nicht weit genug. Deswegen reist er nach Malta und sticht von dort als freiwilliges Besatzungs- und Vereinsmitglied der Organisation Sea-Eye in See. Zwei Wochen lang hilft er Bootsflüchtlingen, vor den Küsten Afrikas auf See zu überleben.

Im „normalen“ Leben ist der 53-jährige Schelklinger Lebensmitteltechniker. Seit zehn Jahren ist er in seiner Freizeit als begeisterter Segler auf dem Bodensee und auf der Ostsee unterwegs. „Im vergangenen Jahr war ich das erste Mal in den Gewässern vor Helgoland unterwegs“, erzählt Walz freudig. Dort hat er auch das erste Mal von der „Sea-Eye-Mission“ erfahren.

„Ich bin Segler mit Herzblut“

Auf einem Segeltörn wurde er von zwei seiner Segelkameraden, die als Kapitäne auf den beiden Rettungsschiffen des Vereins arbeiten, angesprochen, ob er nicht Teil der Mannschaft werden wolle. „Ich bin Segler mit Herzblut und weiß, was es bedeutet, allein draußen auf dem Wasser zu sein“, sagt Walz. Aus der Entfernung könne man das Elend einfacher mit anschauen und leicht auf die Untätigkeit staatlicher oder militärischer Retter schimpfen. Irgendwann sei für ihn der Punkt erreicht gewesen, an dem er sich sagte: „Jetzt ist genug mit Zuschauen, ich mach’ was.“

Seine Motivation sei vielschichtig. Einerseits möchte er den Menschen helfen und den Verein unterstützen. Andererseits sei es für ihn als Seemann natürlich technisch interessant, auf einem Schiff zwei Wochen lang auf hoher See zu kreuzen. Stimmen, die privaten und staatlichen Helfern vorwerfen, sie würden durch ihre Hilfe die Schlepper indirekt fördern, entgegnet Jürgen Walz: „Ein Arzt hilft auch immer aus der Situation heraus. Es ist erst mal egal, wie der Betroffene in die Situation gekommen ist.“ Walz sieht sich als Stellvertreter für die Menschen, die eine Spende geben und nicht auf das Schiff gehen können – nicht als Unterstützer von Schleppern.

Alle zwei Wochen wechselt die Crew auf den Schiffen

Sea-Eye fährt von Malta aus mit zwei umgebauten Fischkuttern hinaus aufs offene Meer und agiert außerhalb der Zwölf-Seemeilen-Grenze in internationalen Gewässern. Der Verein übernimmt nur die Verpflegung an Bord. An- und Abreise tragen die Freiwilligen selbst. Trotzdem verursachen beide Schiffe mit Wartung, Treibstoff und Trockendock pro Saison rund eine halbe Million Euro an Kosten, weiß Walz. Alle zwei Wochen ist Crew-Wechsel auf Malta.

Nach Rückkehr folgt psychologische Betreuung

Nach der Rückkehr wird die rund zehnköpfige Mannschaft psychologisch betreut, um das Erlebte besser zu verarbeiten. Bereits Ende vergangenen Jahres hat Walz bei Sea-Eye einen Vorbereitungskurs in Regensburg mitgemacht und viele seiner Mannschaftskameraden kennengelernt. Diese haben entweder seemännische oder medizinische Vorkenntnisse, sagt Walz und fügt an: „Ich finde es gut, wie der Verein einen vorbereitet. Nach dem ersten Kurs kann man das Erfahrene etwas sacken lassen und hat genügend Zeit, das Wissen zu vertiefen.“

Auf Malta wird es ebenfalls noch einen eintägigen Lehrgang geben. Dort würden Trockenübungen gemacht - wie beispielsweise das Beiboot zu Wasser gelassen wird und wie gerettet wird, wenn nötig. Denn die Rettung obliegt den großen Marineschiffen. Diese nehmen die Menschen im Notfall an Bord und zerstören die Schlepperboote. Die Schiffe von Sea-Eye verteilen hauptsächlich Rettungswesten, Wasser und leisten Erste Hilfe. „Wir haben auf den Schiffen gar nicht die Kapazität, die Menschen für längere Zeit aufzunehmen“, sagt Walz.

Deswegen nähern sich die Helfer den Flüchtlingsbooten in erster Linie nur mit dem Beiboot. Andernfalls wäre die Gefahr zu groß, dass die Flüchtlinge aus Panik alle auf das große Schiff drängen. Die größte Angst von Walz ist, dass die Situation den Rettern entgleitet, im Chaos ein Flüchtlingsboot kentert und Menschen ertrinken. Auf die Frage, was passiert, wenn ein Flüchtlingsboot in unmittelbarer Nähe sinkt und kein Militär in der Nähe ist, wird Walz nachdenklich. „Dann muss die Mannschaft zusammen aus der Situation heraus entscheiden, was getan wird.“

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