Misshandlungsvorwürfe gegen das St. Konradihaus

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In den 1950er Jahren sollen Jugendliche im St. Konradihaus in Schelklingen brutal geschlagen worden sein. Ein früherer Heimbewohner wandte sich jetzt an die Öffentlichkeit. Er ist nicht das erste Opfer. Bereits vor zwei Jahren hatte sich ein Schüler gemeldet, der ebenfalls misshandelt worden sei, bestätigte Heimleiter Joachim Landthaler.

Die aktuellen Vorwürfe betreffen laut Medienberichten den damaligen Direktor, einen katholischen Priester, der das Konradihaus in den 50er Jahren leitete. Der damalige Heimbewohner spricht von „brutaler Gewalt“, die ihm wiederfahren sei. Wegen Nichtigkeiten sei er geschlagen worden. Nach einem Fluchtversuch soll ihn der Direktor zusammengeschlagen und ihm das Nasenbein gebrochen haben. Auch sexuelle Belästigung wirft er dem Pfarrer vor.

Der jetzige Heimleiter, Joachim Landthaler, zeigte sich gestern betroffen von den Vorwürfen. Vor etwa zwei Jahren hatte sich ein ehemaliger Bewohner von sich aus beim Konradihaus gemeldet, der Ende 50er Jahre misshandelt worden sei, so Landthaler. Der Betroffene habe von Schlägen mit einem Holzstock berichtet. „Das war der erste Fall, der uns bekannt wurde.“ Vorwürfe von sexuellen Missbrauch oder sexueller Belästigung habe aber nicht gegeben, sagte Landthaler der Schwäbischen Zeitung.

Der Betroffene habe keine direkten Forderungen oder Ansprüche gegenüber dem Konradihaus geltend gemacht, sagte Landthaler, der sich mehrmals mit dem Betroffenen getroffen hatte. Eine strafrechtliche Verfolgung sei aufgrund der Verjährung nicht möglich.

Das Konradihaus stehe auch mit drei weiteren Bewohnern aus den 50er Jahren in Kontakt, die von repressiven Erziehungsmethoden berichten, sagte Landthaler. Sie hätten Einsicht in ihre Schulakten bekommen. Das sei früher nicht möglich gewesen.

Das Thema Gewalt und Heimerziehung sei nicht neu, sagte Landthaler und verwies auf einen Runden Tisch auf Bundesebene, der im vergangenen Jahr gegründet wurde. Körperliche Gewalt und Arrest galten nach Angaben des Zwischenberichts bis zum Ende der 1960er Jahre als legitime Erziehungsmittel. „Misshandlungen darf man aber nicht relativieren“, betonte Landthaler.

Gemeinsam mit der Kommission sexueller Missbrauch der Diözese will das Konradihaus den neuen Vorwürfen nachgehen. „Die unabhängige Kommission besteht seit 2002“, sagte Thomas Broch, Sprecher der Diözese. Ein Diözesanrichter befrage Opfer und Täter und erstelle einen Bericht, erläuterte Broch das Verfahren. Problematisch sei, dass viele Täter bereits gestorben sind. Handele es sich beim Täter um einen Priester, würden die Vorwürfe sofort der Glaubenskongreration in Rom gemeldet. Es käme durchaus vor, dass kirchliche Verjährungsfristen, die zwischen zehn und 20 Jahren liegen, aufgehoben würden, so Broch. Handele es sich um aktuelle Fälle, werde die zuständige Staatsanwaltschaft informiert

Der ehemalige Direktor des Konradihauses lebt heute als pensionierter Pfarrer im Allgäu und streitet die Vorwürfe ab. „Das ist totale Lüge“, sagte er der Schwäbischen Zeitung. „Warum haben sie sonst 50 Jahre lang geschwiegen?“ In seiner Zeit als Direktor -- von 1952 bis 1959 -- könne er sich an keinen Fall von Misshandlung oder sexuellem Missbrauch erinnern. Im Jahr 1959 sei er abberufen worden.

Die Kommission sexueller Missbrauch tagt am 12. April und wird sich voraussichtlich mit den Vorwürfen im Konradihaus beschäftigen, so Broch. Die Kommission sei auch Anlaufstelle für die Opfer und nehme Hinweise entgegen. Diese zentrale Anlaufstelle hält Landthaler für sinnvoller als eine Vertrauensperson vor Ort im Konradihaus. Eine neutrale Person als Ansprechpartner senke die Hemmschwelle für Opfer, sich zu melden.

Das Thema Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren soll wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Das Konradihaus beteiligt sich an einer Studie, die vom Institut für angewandte Sozialwissenschaften (Ifas) erstellt wird. Auftraggeber ist die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Joachim Landthaler bittet daher ehemalige Heimbewohner und Mitglieder des Konradihauses, ihre Erfahrungen zu schildern.

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