Der Lochstab aus Elfenbein, der wohl zur Hertellung von Seilen diente, wurde im Hohle Fels in Schelklingen (Alb-Donau-Kreis) g
Der Lochstab aus Elfenbein, der wohl zur Hertellung von Seilen diente, wurde im Hohle Fels in Schelklingen (Alb-Donau-Kreis) gefunden. (Foto: Simone Dürmuth)
Schwäbische Zeitung

Bereits vor 40 000 Jahren haben die Menschen Seile benutzt, das ist bekannt. Zwar haben die Archäologen noch nie Seile gefunden, aber sie werden in Kunstwerken dargestellt und Abdrücke in gebranntem Ton lassen darauf schließen. Jetzt ist auch klar, wie die frühen modernen Menschen diese für sie lebensnotwendigen Gegenstände herstellten: Im Hohle Fels in Schelklingen (Alb-Donau-Kreis) ist bei archäologischen Grabungen im vergangenen Sommer ein Werkzeug gefunden worden, ein sogenannter Lochstab, der aller Wahrscheinlichkeit nach genau diesem Zweck diente. Der Fund wurde jetzt an der Universität Tübingen vorgestellt.

Bereits zu Beginn der Grabung im vergangenen Sommer sei ein großer Teil des Werkzeugs gefunden worden, erklärt Nicholas Conard, unter dessen wissenschaftlicher Leitung die Grabungen seit 20 Jahren stattfinden. Die restlichen Stücke seien dann am 5. August gefunden worden. Aus 15 Bruchstücken setzt sich der Lochstab zusammen. Dass da etwas Besonderes vor ihr liegt, dass sei ihr sofort klar geworden, so Laura Bauer, die das Stück im Hohle Fels ausgegraben hat. Doch um was genau es sich handelt, das sei nicht sofort klar gewesen. „Es war eine sehr fundreiche Schicht, es gab auch viel unbearbeitetes Elfenbein“, erinnert sich Bauer.

In derselben Schicht, in etwa 3,65Metern Tiefe, wurde im Jahr 2008 die Venus vom Hohle Fels gefunden, die älteste bekannte Darstellung eines Menschen, genauso wie eine Gänsegeierknochenflöte, ebenfalls das älteste bekannte Musikinstrument. Die Fundstücke aus dieser Schicht sind alle etwa 40 000 Jahre alt.

„Ein ähnliches Fundstück gab es auch im Geißenklösterle im Lonetal“, so Conard. Doch die Funde von dort seien viel stärker verwittert und außerdem weit unvollständiger. „Es ist also wohl nicht das erste Werkzeug dieser Art, das entdeckt wurde, aber das erste identifizierte Stück.“ Dieses und ähnliche Fundstücke wurden bisher für Hebelwerkzeuge, Musikinstrumente oder Kunstwerke gehalten.

Jahrzehntelanges Rätsel gelöst

Auch der Lochstab vom Hohle Fels wurde nicht sofort identifiziert. Ersten Thesen zufolge hätte es sich auch hierbei um ein Hebelgerät, ein Schwirrholz oder ein Kunstwerk handeln können. Doch diese Thesen hätten sie bald verworfen, so Conard, und ein Expertenteam von der Universität Lüttich wurde zurate gezogen. Dieses Team rund um Veerle Rots konnte experimentell nachvollziehen, dass man damit Pflanzenfasern zu Seilen drehen kann. „Dieses Werkzeug beantwortet die Frage, wie im Paläolithikum Seile hergestellt wurden“, schlussfolgert Rots, „ein Rätsel, das Wissenschaftler für Jahrzehnte beschäftigt hat. Besonders bemerkenswert seien die Kerben innerhalb der Löcher, so Grabungsleiterin Maria Malina, da diese die Fasern bereits in die richtige Richtung lenken und so das doppelte Verzwirbeln der Fasern ermöglichen, das für die Seilherstellung notwendig ist. „Wir hoffen natürlich, dass wir noch die restlichen Stücke finden“, so Conard. Aber ein Fund sei fast nie vollständig.

Das Werkzeug zur Herstellung von Seilen und Schnüren ist ab dem heutigen Samstag, 23. Juli, und voraussichtlich bis Ende November als „Fundstück des Jahres“ im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren ausgestellt. Etwa zehn Kilometer weiter in Schelklingen befindet sich die Fundstätte, der Hohle Fels von Schelklingen.

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