In Rottenacker wird spannende Dorfgeschichte lebendig

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Auch die einstige Bäckerei von Konrad Roos diente als Schauplatz.
Auch die einstige Bäckerei von Konrad Roos diente als Schauplatz. (Foto: Burghart)
Karl-Heinz Burghart

Gemeinsam haben das Literaturnetzwerk Oberschwaben und der Museums- und Heimatverein am Mittwoch die Geschichte Rottenackers erlebbar gemacht. Mehr als hundert Interessierte sind mit Hermann Huber, Chef des Heimatvereins, dem Liedermacher Michael Skuppin aus Bad Saulgau und rund 20 freiwilligen Darstellern durch das Dorf gezogen, um an elf Stationen und in elf kleinen Szenen die Geschichte Rottenackers erzählt zu bekommen. Und die begann am Mittwoch mit den Fürstentagen vor rund tausend Jahren.

Wie Rottenacker zu seinem Namen kam

Schauspielerisch dargestellt erfuhren die Besucher des Dorfschauspiels, dass sich damals zwei fränkische Landadlige darum gestritten haben sollen „auf welchem Acker ihre Rotten“ die Lager aufschlagen sollen und Rottenacker so zu seinem Namen kam. Dass die evangelische Kirche im 13. Jahrhundert die Burg der Herren von Stein war, erklärte ein bewaffneter Landsknecht des Berthold von Stein den Besuchern im Pfarrhof und ein von sich und seiner Arbeit überzeugter Zimmermann lobte die freitragende Deckenkonstruktion des Kirchenbaus. Michael Skruppin mimte den Reporter des Senders „Oberschwaben TV“, der dem Experten Hermann Huber die unterschiedlichsten Informationen entlockte.

Die Separatisten und Franz-Karl Hiemer, der große Sohn Rottenackers, waren Thema an mehreren Stationen. So wollte der Reporter an der Schule wissen, warum Kinder, deren Eltern noch am Leben waren, um 1800 in Waisenhäuser gebracht wurden. „Die Separatisten haben sich der Obrigkeit nicht gebeugt und ihre Kinder nicht zur Schule geschickt. Dafür kamen sie ins Zuchthaus und die Kinder ins Waisenhaus“, erklärte Huber. Neben der Geschichte der einstigen Bäckerei von Konrad Roos, hörten die Besucher des Dorfschauspiels am „Roosplatz“, dass eine Separatistin namens Barbara 1792 nach Rottenacker kam und hier eingemauert wurde, um nicht verhaftet zu werden. 1817 wollte Barbara nach Amerika auswandern, kam dort aber nie an. „Sie ist wohl unterwegs ums Leben gekommen“, vermutete Huber.

Weg nach Übersee

Andere Rottenacker Separatisten schafften den Weg nach Übersee. „Sie gründeten die Siedlung Zoar und ihre Nachfahren kommen jedes Jahr nach Rottenacker, um nach ihren Wurzeln zu suchen“, erklärte der Geschichtsexperte. Auf ihrem Dorfrundgang begegnete die Gruppe einem „Amerikaner“, der von „wonderful Rottenacker“ schwärmte. Am Pfarrhaus trat der Vater von Franz-Karl Hiemer, einst Pfarrer in Rottenacker, auf und schimpfte über seinen Sohn, weil „der Waidag nicht die Juristerei, sondern Schauspielerei lernen“ wollte.

Später erfuhren die Besucher im Museum im „Wirtles Haus“, dass Hiemer in Stuttgart einem Theaterzirkel angehörte und dort mit seinem „Unsinns-Kollegium“ das Travestiestück „Antonius“ einstudiert haben soll. Dass Hiemer ein Freund Hölderlins war und das einzige Portrait des Dichters gemalt hat, wussten viele der Rottenacker.

Am Mittwoch erlebten sie, unter welch „streitbaren Umständen“ dieses bekannte Gemälde entstanden sein soll. Die Erinnerung an das Eisunglück an der Donau im eiskalten Winter 1709, bei dem Rottenacker 24 Tote zu beklagen hatte, gehörte genauso zur Dorfgeschichte und damit ins Schauspiel, wie die Kuriosität, dass das Wirtshaus zum „Löwen“ am Morgen Schule und am Abend Gaststätte war. „Und hier ging Hiemer zur Schule“, erklärte Hermann Huber den Gästen. Zwischendurch sorgte die Diskussion zweier Vermesser für Lacher. Die spielten die einstige Idee nach, von Rottenacker durch den Federsee bis zum Bodensee einen Kanal zu bauen. „Der sollte die Reise erleichtern, war aber letztlich zu teuer“, sagte Huber.

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