Vortrag in Öpfingen: Warum Einsamkeit eine Krankheit ist

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Bei Manfred Spitzers Vortrag über die Einsamkeit reichten die Stühle nicht aus.
Bei Manfred Spitzers Vortrag über die Einsamkeit reichten die Stühle nicht aus. (Foto: SZ- kurt efinger)
Kurt Efinger

Populärwissenschaftliche Vorträge und allgemeinverständliche Bücher sind die Spezialität des Ulmer Psychiaters und Hochschullehrers Manfred Spitzer. Am Mittwoch sprach er in der Öpfinger Mehrzweckhalle über Einsamkeit als eine sich ausbreitende Krankheit.

Spitzers Vortrag war eine Veranstaltung der Reihe „Christsein bewegt“ der katholischen Seelsorgeeinheit Donau-Riß und der evangelichen Kirchengemeinde Ersingen. Pfarrer Gunther Wruck begrüßte den Referenten und sein Publikum in der mit mehr als 400 Zuhörern voll besetzten Halle. Hier reichten die Stühle nicht für alle aus, die sich – möglicherweise aus eigener Betroffenheit – für das Thema interessierten. Als schwierig erwies sich nach der Anfahrt schon der Versuch, in nicht allzu weiter Ferne einen Parkplatz zu finden.

„Wenn wir Professoren nicht unkündbar wären, wäre ich meinen Job schon längst los“, spielte Manfred Spitzer gleich zu Beginn auf die von Berufskollegen geäußerte Kritik an der Wissenschaftlichkeit seiner Arbeit an. Er zitiere Studien höchst selektiv und lasse immer das weg, was nicht zu seinen Thesen passe, wirft ihm der promovierte Psychologe Christian Stöcker vor. An die von den Medienpsychologen Markus Appel und Constanze Schreiner bemängelten argumentativen Fehler Spitzers lässt unmittelbar dessen in Öpfingen vor vollem Haus vorgetragene Behauptung denken, im Dorf sei Einsamkeit ein kleineres Problem als in der Stadt. Im Dorf würden sich alle kennen, gibt Spitzer als Grund an. Man grüße sich und rede miteinander. Ungeachtet des längst erwiesenen Substanzverlustes des uralten Gemeinplatzes steuert Spitzer unmittelbar auf seine Kritik digitaler Kommunikation zu.

„Das Ding macht unglücklich, depressiv und einsam“, sagt der um die Gesundheit seiner Zuhörer besorgte Arzt mit Hinweis auf sein Mobiltelefon. Oder ist es ein Tablet, was er in der Hand hält? Kein Widerspruch regt sich im aufmerksamen Auditorium, als er mit wenig Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger fortfährt: „Gegen die Digitallobby ist die Tabaklobby so klein mit Hut“. Weil dem wohl so ist, nimmt man dem Professor auch die Aussage ab: „Das Tablet hat im Kindergarten und in der Schule nichts zu suchen.“ Durch zu viel Fernsehen angeblich demenzgefährdeten Rentnern empfiehlt er ohne Rücksicht auf familiäre Gegebenheiten, sich lieber um die Enkel zu kümmern.

Unabhängig davon, dass Einsamkeit sich auch in Gemeinschaft einzustellen vermag, genügt dem Wissenschaftler die Anlage des Menschen als soziales Wesen für die Folgerung, selbstgewählte Einsamkeit von Eremiten könne nur einige Jahre gutgehen.

Die These, Einsamkeit verursache Schmerzen, belegt Manfred Spitzer mit dem Ergebnis von Gehirnaktivitätsmessungen im Magnetresonanztomographen. Die Stimulation von Einsamkeitssituationen habe bei Probanden schmerzauslösende Aktivität nachgewiesen. „Einsamkeit – die unerkannte Krankheit“ ist der Titel eines von Spitzer beim Verlag Droemer Knaur zum Thema des Tages veröffentlichten Buches.

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