Studium geschmissen, Job weg, Freundin weg: Er pilgerte, um zurück ins Leben zu finden

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Auf dem „Bom Caminho“ hat Raphael Nagel (r.) die Lebensfreude wiedergefunden.
Auf dem „Bom Caminho“ hat Raphael Nagel (r.) die Lebensfreude wiedergefunden. (Foto: SZ- Kurt Efinger)
Kurt Efinger

„Bom Caminho“ – „Guten Weg“ wünschen sich Pilgerinnen und Pilger in Portugal. Vielfache Gelegenheit zum Aussprechen und Erwidern des Grußes hatte Raphael Nagel aus Oberdischingen, als er sich 2017 in der portugiesischen Stadt Porto auf den Weg nach Santiago de Compostela in der nordwestspanischen Region Galicia machte. Darüber berichtete er am Donnerstag im Oberdischinger Sportheim.

Den Entschluss, sich fern der Heimat ganz allein auf den Weg zu machen, fasste Nagel, als ihm nach Abbruch eines BA-Studiums und Verlust des Arbeitsplatzes in der Logistik auch noch die erste Freundin abhanden gekommen war und er sich fragte, was jetzt wohl noch auf ihn zukäme. „Lauf auf dem Jakobusweg!“, empfahl ihm ein guter Freund, dem er gestanden hatte, die Lebenslust ein wenig verloren zu haben.

Nagel berichtet im Sportheim

„Das Essen schmeckte auch nicht mehr“, beschrieb der jetzt 29-jährige Raphael Nagel im Sportheim seinen physischen Zustand vor Beginn der Reise. Über diese zu berichten, hatte ihn Nils Koch, der Vorsitzende des SV Oberdischingen, ins Sportheim eingeladen. Dieses schien ihm der richtige Ort für die Offenlegung des Wegs eines Fußballspielers zurück ins Leben in vertrauter Gemeinschaft. In dieser fühlt sich der zeitweilige Pilger wieder sichtlich wohl, zumal ihm das Schicksal inzwischen eine zweite Freundin beschert hat und auch sein möglicher Schwiegervater dem voraussichtlichen Familienzuwachs keineswegs abgeneigt zu sein scheint.

Von Süd nach Nord machte sich Raphael Nagel nach dem Anflug nach Porto also auf den 240 Kilometer langen Weg. Nach dem Genuss eines Glases des nach der Hafenstadt Porto benannten Weins lud sich Raphael den 14 Kilogramm schweren Rucksack auf und folgte den nach Santiago weisenden gelben Pfeilen erst der Küste entlang, dann durch das hügelige Hinterland Nordportugals und Galiciens. Mit vielen fotografischen Momenten hielt er seine Eindrücke fest – auch wenn es nur eine Katze am Weg war.

Reise in Bildern festgehalten.

Acht Euro pro Nacht bezahlte er in den Pilgerherbergen. „Die waren super lieb“, war sein Eindruck von einer Herbergsfamilie mit Kindern, die ihn besonders herzlich aufnahmen. „Total schön“ fand er es in einem alten Kloster. „Warum das alles?“, frage er sich in einer Selbstfindungsphase auf einem Waldweg. Drei „Sachsenmädels“ begleitete er, „bis ich ihnen lästig wurde“. Eine Woche nach Ostern 2017 erreichte Raphael Nagel nach zwölf Etappen sein Ziel und hatte das Gefühl, angekommen zu sein. Das ist er jetzt auch zuhause, hat außer einer neuen Freundin einen zukunftsträchtigen Job und ist zufrieden.

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