Daniel Raabe spürt Blindgänger auf

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Untersuchung der Baustelle zwischen der Glacis-Galerie und der Reuttier Straße.
(Foto: sz)
Schwäbische Zeitung

Wer Daniel Raabe an seinem Arbeitsplatz besucht, hat zwangsläufig ein mulmiges Gefühl. Nicht wegen des unwegbaren Geländes, auf dem der 40-Jährige meist unterwegs ist, sondern wegen dem, was darunter liegen könnte. Raabe ist Kampfmittelbeseitiger und momentan wieder in Neu-Ulms Innenstadt auf der Suche nach Bomben, die seit dem Zweiten Weltkrieg unter der Erde schlummern. Auf einer Baustelle an der Bahnhofstraße, direkt neben der Glacis-Galerie, sondiert er seit einigen Tagen das Gelände.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier etwas finden, ist relativ hoch“, sagt Raabe. Bahnhöfe waren im Krieg äußert beliebte Ziele für Angriffe. Doch längst nicht alle Bomben, die abgeworfen wurden, sind auch explodiert. Im Schnitt seien von 100 Bomben zehn bis 15 nicht hochgegangen. Allein auf Ulm und Neu-Ulm sollen in den Jahren 1944 und 1945 mehrehre Zehntausend Bomben niedergeprasselt sein. Daher ist sich Kampfmittel-Experte Raabe sicher, dass noch unzählige Blindgänger oder nur teilweise gezündete Sprengkörper im Erdreich zu finden sind. Wie gefährlich diese auch 70 Jahre nach ihrem Abwurf noch sein können, zeigen Vorfälle wie in München vor einem Jahr, als mitten in Schwabing eine Fliegerbombe kontrolliert zur Explosion gebracht wurde – und trotzdem einen erheblichen Schaden in Münchens Innenstadt anrichtete.

Daniel Raabe kennt derlei Vorfälle zuhauf. Annähernd 180 Bomben hat er in den vergangenen 15 Jahren deutschlandweit schon gefunden. Drei von ihnen auf Baustellen in Neu-Ulm. Die letzte davon, es waren die Überreste einer 250-Kilogramm-Bombe, vor rund einem Jahr nur wenige Meter von dem Grundstück entfernt, auf dem er aktuell nach kriegerischen Hinterlassenschaften sucht: auf dem Gelände der Glacis-Galerie.

Während ein Bagger Zentimeter um Zentimeter das Erdreich abschabt, steht Bombensucher Raabe ganz gelassen daneben. „Wir haben das ganze Bahnhofsgelände schon einmal großflächig sondiert“, erklärt er. Daher weiß er: Zumindest die obersten Schichten sind ungefährlich. Doch je weiter es in die Tiefe geht, desto kniffliger wird es. Insbesondere dort, wo die Ulmer Firma Munk-Immobilien ihr 14-Millionen-Euro-Projekt mit 50 Eigentumswohnungen und einer Tiefgarage plant.

An dieser Stelle verlief früher die Bundesfestung samt einem mehrere Meter tiefem Graben. Der wurde nach und nach mit unterschiedlichstem Material zugeschüttet, um dort Gleise verlegen zu können. Gleiches ist mit den Löchern passiert, die die Bomben im Krieg ins Erdreich rissen. „Schrott, Beton, Schotter, Lokomotiven – die haben einfach alles in die Löcher geschmissen, um sie wieder aufzufüllen“, weiß Raabe. Das mache die Erdarbeiten zwar einerseits spannend, „weil man nie weiß, was einen erwartet“, aber eben auch aufwendiger. Jeder Fremdkörper im Erdreich macht die Bombensuche schwieriger. Die eingesetzten Sonden messen lediglich Veränderungen des Erdmagnetfeldes. Diese können jedoch sowohl durch einen Blindgänger als auch einen vergrabenen Oberleitungsmast der Eisenbahn hervorgerufen werden. Deshalb müssen die Bagger das Bauloch mit äußerster Vorsicht ausheben und Raabe muss regelmäßig in neuer Tiefe sondieren. Rund drei Wochen soll sein Einsatz in der Bahnhofstraße voraussichtlich dauern. „Ich hoffe, dass wir spätestens bei fünfeinhalb Metern im Kies angekommen sind. Dann hören wir auf.“ Denn weiter in Tiefe schaffen es die wenigsten Bomben, schon gar nicht auf so verdichtetem Boden wie am Bahnhof.

Anders sieht es auf dem Land aus „Im Lehm können die Kampfmittel bis zu sechs Meter in Tiefe sinken“, weiß Raabe und ist sich sicher, dass daher auch im Neu-Ulmer Umland noch viel Arbeit auf ihn wartet. Luftaufnahmen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges hätten gezeigt, dass im Raum zwischen Burlafingen und der Innenstadt zahlreiche Bomben niedergegangen seien. „Oft haben die Flieger die Sprengkörper zu früh ausgeklinkt und damit ihr Ziel verfehlt“, sagt Raabe. Das habe zur Folge, dass auf vielen Feldern bis heute Blindgänger liegen.

„Die Landwirte interessiert das meistens überhaupt nicht. Sie sagen: Ich fahre seit 50 Jahren mit meinen Maschinen hier rum und es ist noch nie was passiert.“ Meist tauchen die explosiven Überbleibsel aus der Vergangenheit erst dann auf, wenn irgendwo gebaut wird. „Dann sind alle ganz überrascht“, sagt Raabe. Er ist dafür zuständig, dass es keine böse Überraschung ist. An der Bahnhofstraße ist diese zum Glück bislang ausgeblieben.

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