Bob Dylan live: Konzert zwischen Euphorie und Enttäuschung

Lesedauer: 6 Min

Wegen absoluten Fotoverbots gibt es eine Zeichnung von Bob Dylans Auftritt in Neu-Ulm.
Wegen absoluten Fotoverbots gibt es eine Zeichnung von Bob Dylans Auftritt in Neu-Ulm. (Foto: Michael Scheyer)
Schwäbische Zeitung

Natürlich könnte man jetzt wieder davon anfangen, dass Bob Dylan nicht singen kann. Dass seine Stimme mehr nach verschleppter Nasennebenhöhlenentzündung klingt statt nach Musik. Dass er seinem Publikum gerne den Rücken zukehrt, sich bisweilen zu verstecken sucht. Dass er kein Wort zu den 3700 Menschen in der Ratiopharm-Arena in Neu-Ulm während seines exakt 104 Minuten zählenden Auftritts sagt.

Fotos verboten

Es böte sich an zu monieren, dass der Mann jetzt mit 76 nun wirklich in den Ruhestand gehört, wenn er doch offenbar keine so rechte mehr Lust hat, unter Menschen zu gehen. Darüber hinaus gebe es genug zu kritisieren an Bob Dylans Foto-Phobie, die inzwischen soweit geht, dass selbst Pressefotografen kein einziges Foto mehr schießen dürfen. Getreu dem alttestamentarischen Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Ja, ja – zu schimpfen gibt es eine ganze Menge an diesem Donnerstagabend. Aber da ist noch etwas anderes.

Antibakterielle Distanz und Herz für Rock'n'Roll

Etwas nämlich, was die Zuschauer trotz der fast antibakteriellen Distanziertheit, die Bob Dylan zu seiner Anhängerschaft pflegt, berührt und anfasst. Da ist dieses Aufglimmen in den Augen der mehrheitlich älteren Konzertbesucher, die in der Halle ein Stück dessen zu finden hoffen, was sie in ihrer Jugend einmal an diesen Bob Dylan verloren haben: ihr Herz für den Rock’n’Roll. Und davon bekommen sie zunächst sogar eine anständige Portion zurück, als Dylan begleitet von seinen fünf unerschütterlichen Musikern mit einem prickelnd-beschwingten „Things Have Changed“ beginnt. Auch das „Don’t Think Twice, It’s All Right“ im Anschluss verfängt mit engagierten Singversuchen des Literatur-Nobelpreisträgers.

Zwar verschluckt er auch beim Klassiker „Highway 61 Revisited“ ganze Silbengruppen. Doch wie Dylan da so wippend am Flügel abwechselnd steht und sitzt, lässt sich seine Spielfreude nicht wegdiskutieren. Das Bemühen um stabilen Gesang wirkt tatsächlich so, als mache er sich doch noch Gedanken darüber, wie er klingt und wirkt.

Gefährlich gemütlich

Im mittleren Teil des Konzerts wird die Vorstellung dann zusehends gefährlich gemütlich, bis sich die Band samt Bandleader in eine Art Tanztee-Belanglosigkeit einplätschert, getragen von alten Sinatra-Songs wie „Melancholy Mood“. Wenigstens passt die Kulisse aus riesigen Stoffbahnen dazu, trübe erhellt von Lampen, die wie Gaslichter in das schummrige Halbdunkel blinzeln. Die Band trägt Schwarz, wie Dylan auch. Bewegung ist wenig auf der Bühne. Eher eine gewisse Ölgötzenhaftigkeit. Ewig schade ist es um das an sich geniale „Tangled up in Blue“, das der Künstler zu einem breiigen Blues verrührt, in dem seine Stimme fast gänzlich ohne Variation kaum mehr an Gesang erinnert.

„Desolation Row“ und „Love Sick“ markieren ein Zwischenhoch, wenn auch ein etwas Düsteres, im Verlauf des Abends, an dem vereinzelt Zuschauer ungeduldig werden und auf den unbequemen Mehrzweckhallen-Stühlen im Innenraum herumrutschen. Vermutlich brennt manchen in ihren Hosentaschen der Phantomschmerz der fehlenden 120 Euro, die sie für das Konzert ausgegeben haben. Enttäuschung und Euphorie liegen in der Menge des Publikums jedenfalls nahe beisammen, wenn auch die positiven Stimmen lauter sind.

Bittersüße Nostalgie

Keine Frage des Geldes sondern allein eine von guter Musik ist die finale Zugabe „The Ballad of A Thin Man“ aus dem Jahr 1965. Mit einer gewissen Wucht, die davor selten aus dem routinierten Ensemble heraus schallte, liefert dieser Titel noch eine Extradosis von der bittersüßen Nostalgie, nach der so viele Zuhörer an diesem Abend gieren. Das Lied ist erkennbar und Bob Dylan strengt sich an. Mehr kann man vielleicht nach einer weit über 50 Jahre währenden Bühnenkarriere nicht erwarten.

Damit ist aber auch klar: Den Maßstäben einer herkömmlichen Konzertkritik entzieht sich eine Legende wie Bob Dylan, die längst unter musikalischem Denkmalschutz steht. Vor allem dann, wenn einer sich wie kein zweiter so viel Mühe gibt, dass sich auch ja niemand ein klares Bild von ihm machen möge.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen