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Um 6 Uhr in der Früh kommt Mine Ferrara zu seinem Laster. Nach der obligatorischen Abfahrtskontrolle an seinem rechts gelenkten LKW verlässt er den Hof der Entsorgungsfirma Braig in Ehingen. Ziel ist Nellingen. Dort leert der 32-Jährige im zweiwöchigen Turnus die Hausmüllbehälter. Und das schon seit sechs Jahren. Wir sind mitgefahren.

Erste Anlaufstelle ist der große Parkplatz beim Sportheim. „Zuerst füllen wir den Pressbehälter vom Anhänger, dann kommt der auf dem Motorwagen an die Reihe“, erklärt Ferrara. Also wird zunächst der Container vom Laster abgesetzt, dann der Behälter vom Anhänger auf den Laster umgeladen und los geht die etwa 30 Kilometer lange Fahrt durch Nellingen.

Heute müssen die Müllplaketten kontrolliert werden. Ferrara darf nur die Mülleimer leeren, auf denen der aktuelle mintgrünfarbene Aufkleber gut sichtbar angebracht ist. „Wir bekommen von der Gemeinde die Nachricht, dass die neuen Müllbescheide zugestellt worden sind.“ Damit ist der Auftrag der Gemeinde verbunden, dass nur die Tonnen mit Müllmarke geleert werden dürfen. „Das kommt ja nicht von uns, das ist der Auftrag der Gemeinde. Wir sind nur die Dienstleister“, erklärt Ferrara und berichtet von zahlreichen erbosten Bürgern, die sich bei seinem Chef darüber beschweren würden, dass die Tonne nicht geleert wurde. „Die haben dann eben vergessen, die neue Marke aufzukleben“.

„Viele sammeln die Aufkleber“

Am liebsten ist es Ferrara und seinen Kollegen, wenn die Bürger nur jeweils den aktuellen Kleber auf ihrer Tonne haben, und diesen möglichst auf dem Deckel. „Viele sammeln die Aufkleber und aus den bunten Farben der letzten Jahre müssen wir dann den mit der aktuell gültigen Farbe heraussuchen. Das kostet unnötig Zeit.“ Wenn es auch nur Sekunden sind, bei rund 700 Tonnen summiere sich das. Außerdem erschwerten die Mülltonnenbesitzer den Fahrern ihre Arbeit unwissentlich – vor allem wenn es noch dunkel ist.

An diesem Morgen musste Ferrara bereits einige Tonnen stehen lassen. „Bald tauchen die ersten Leute auf“, prophezeit er. Und so ist es tatsächlich. Ein Auto kommt angefahren und parkt kurz vor dem Abfallsammelfahrzeug an den Straßenrand. „Sie haben meine Mülltonne nicht geleert.“ – „Dann hatten Sie nicht den gültigen Aufkleber.“ – „Wir haben ja gar keinen Müllbescheid bekommen.“ – „Die Gemeinde hat uns aber grünes Licht gegeben“. Eine typische Konversation im Arbeitsalltag der Entsorgungsfahrer. Diese kennen ihre Pappen(h)eimer. Diskutieren bringe nicht viel. Bei manchen klappe es eben erst, wenn die volle Tonne einmal stehen geblieben ist.

Schon ist die nächste „Problemtonne“ in Sicht: Der Deckel ist weit geöffnet, die Besitzer hatten noch eine Tüte voller Windeln hineinquetschen wollen. „Das tut mir jetzt schon leid“, meinte Ferrara, selbst Vater von zwei kleinen Kindern. „Aber wir haben den Auftrag, solche Tonnen stehen zu lassen.“ Erstens habe der Bürger nur das Volumen dieser Tonne bezahlt. Zudem könne es passieren, dass wenn die Deckel weiter als etwa 15 Zentimeter geöffnet sind, der Müll auf die Straße fällt, bevor der Eimer die Schüttungsöffnung erreicht hat. Außerdem kann der Fahrer nicht sehen, ob die richtige Müllmarke schon aufgeklebt ist. Eine Alternative wäre entweder ein weiterer oder größerer Mülleimer, oder die Verwendung der Müllsäcken, die man bei der Gemeinde kaufen kann.

Sack fällt ins Müllauto

Probleme bekommen die Fahrer auch mit Behältern, in die die Besitzer Müllsäcke gestülpt haben. „Wenn der obere Rand der Säcke dann über der Kunststoffkante hängt, an der wir mit dem Lifter einhaken müssen, um die Tonne zu entleeren, kann es Probleme geben.“ Denn dann klemmt die Aufnahme den einen Teil des Sackes an die Tonne, der Sack fällt ins Müllauto und reißt in der Regel ab. Aber wenn er stabil ist oder der Inhalt zu leicht, dann wird er mit seinem Restinhalt beim Zurückschwenken des Behälters herausgeschleudert. Und die Fahrer müssen den Abfall dann einsammeln.

Auch sollte man an diesen Aufnahmeleisten an der Tonne nichts verändern, sie sind genau auf das Aufnahmesystems des Greifarms abgestimmt.

Manchmal passieren unerwartete Dinge: Ein Mülleimer hat sich ins Innere des Pressbehälters verabschiedet. Per WhatsApp ordert Ferrara Ersatz. „So was passiert gerne nach dem Winter. Bei Kälte wird der Kunststoff der Tonnen porös und bricht dann eben ab.“ Manche Eimer seien auch einfach schon in die Jahre gekommen. „Da stehen noch Tonnen aus den 70-er Jahren am Straßenrand“.

Auf dem Bildschirm seiner Kamera sieht der Fahrer gut, was sich aus den Abfalltonnen ins Innere seines Laderaums entlädt. „Da waren schon Kloschüsseln, Bauschutt und Fernseher dabei. Das darf nicht sein.“

Mit einem weiteren Problem haben die Müllfahrer zu kämpfen: Laut Berufsgenossenschaft dürfen sie keine Sackgassen befahren. Viel zu gefährlich sei es, aus dieser Straße rückwärts wieder herauszufahren. Vor allem, weil die Seitenlader nur mit dem Fahrer besetzt sind. Die Rückfahrkamera sei nur ein Hilfsmittel, bringe dem Fahrer jedoch keine rechtliche Sicherheit.

In machen Städten sei es schon so, dass die Anwohner einer Sackgasse ihre Tonnen zur nächsten Straße bringen müssen, in Nellingen ist das noch nicht der Fall. Vor allem bei Dunkelheit und wenn zum Beispiel viele Schüler unterwegs seien, ist dieser Umstand für die Fahrer ein großes Problem. Abhilfe könnte hier schon eine großzügige Wendeplatte schaffen.

Mittlerweile sind die Anwohner von Aichen und Oppingen ihren Müll losgeworden. Das Telefon hat schon mehrmals geläutet, immer mit der gleichen Frage aus der Zentrale: „In der Aicher Straße hat sich jemand beschwert, dass die Tonne nicht geleert wurde.“ – „Da war dann eben keinen Marke drauf“.

Um 9.10 Uhr ist Kaffee-Stopp bei der örtlichen Bäckerei, dann geht’s schon gleich weiter. Anfahren, Tonne auf Müllmarke prüfen, mit dem kleinen Joystick denn Müllbehälter angeln, diesen mit dem Lifter anheben, in den Pressbehälter kippen, drei mal Schütteln und wieder abstellen. Und dies allein an diesem Arbeitstag 521 Mal. Zwischendurch noch die Pressbehälter gewechselt und 45 Minuten Mittagspause im Gewerbegebiet gemacht.

Immer wieder wird’s eng – auch mal zu eng. „Bäcker und Metzger sind immer Stellen, an denen die Leute nur kurz mal ihr Auto am Straßenrand abstellen und nur kurz mal zum Einkaufen gehen. Wenn ich dann nicht mehr durchpasse, wird gehupt.“ Andere „spannende“ Situationen seien in Neubaugebieten an der Tagesordnung. Kaum fahre man um eine Kurve, stehe da die Betonpumpe oder andere Baufahrzeuge. Da hilft kein Hupen, da kann Mine Ferrara nur noch rückwärts fahren.

Den Bäpper vergessen

Schon winkt wieder ein Bürger: „Ich hab vergessen, den Bäpper auf die Tonne zu kleben. Würden Sie da bitte nochmal vorbeifahren?“, lautet die hoffnungsvolle Frage. „Wir müssen eh nochmal in die Richtung. Geht in Ordnung“, brummt Mine Ferrara. „Mit uns kann man ganz normal reden. Wenn es reinpasst, dann leeren wir die Tonne auch nachträglich. Nur ist das natürlich auch eine Zeit- und somit Geldfrage“.

Um 13.35 Uhr ist die Tour durch Nellingen geschafft. Am Sportplatz holt Ferrara den Anhänger und weiter geht es zum Müllheizkraftwerk Ulm-Donautal. Dort wird das Fahrzeug gewogen, dann der Inhalt der beiden Behälter in den Schlund des Kraftwerks geleert. 12,08 Tonnen Hausmüll sind die Nellinger heute losgeworden. Um 15.15 Uhr rollt Ferrara mit seinem Gespann wieder auf den heimischen Betriebshof. Und dann geht’s heim zu Frau und Kindern.

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