„Die Regulatorik muss man mit Humor nehmen“

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Jakob Mayer ist auch als Ruheständler noch am Schreibtisch anzutreffen.
Jakob Mayer ist auch als Ruheständler noch am Schreibtisch anzutreffen. (Foto: Schneider)
Schwäbische Zeitung

Jakob Mayer hat sein ganzes Berufsleben der Berghüler Raiffeisenbank gewidmet. Mit nur 25 Jahren wurde er ihr Vorstand. Nun, nach 48 Jahren im Beruf, geht der gebürtige Bühlenhausener in den Ruhestand. SZ-Redakteur Christoph Schneider hat ihn in seinem Büro in der Bank besucht und mit ihm über den Ruhestand und über sein Leben für und mit dem kleinen Geldhaus gesprochen.

Herr Mayer, wir sitzen in ihrem Büro in der Raiffeisenbank Berghülen und Sie scheinen noch zu arbeiten. Wie passt das zu Ihrem Ruhestand?

Ich bin zwar seit 31. Oktober im Ruhestand, aber auch noch geringfügig bei der Bank beschäftigt. Es ist nicht ganz einfach, einen Übergang nach so einer langen Zeit in einer so kleinen Bank wie unserer zu gestalten. Deswegen machen wir das fließend. Seit Februar habe ich meine Stelle schon auf 80 Prozent reduziert und nun stehe ich den Kollegen weiterhin stundenweise zur Verfügung. Nach so einer langen Zeit bin ich dem Haus natürlich auch emotional verbunden.

Wie klein ist denn das Haus?

In der Raiffeisenbank Berghülen arbeiten acht Menschen, verteilt auf 7,4 Stellen. Das schließt die beiden Vorstände mit ein. Es müssen immer mindestens zwei Vorstände sein, damit das Vieraugenprinzip gewahrt ist. Die aktuellen Vorstände sind Roland Rasch, der schon seit dem Jahr 2000 dabei ist und zum 1. Juli dieses Jahres wurde Daniel Berweck zum Vorstand berufen. Die Bank ist personell sehr straff proportioniert. Da muss das Verhältnis stimmen zwischen Kosteneinsparung und der Möglichkeit, die Geschäfte gut abzuwickeln.

Wie sind Sie zur Raiffeisenbank gekommen und wie wurden Sie jüngster Bankvorstand Baden-Württembergs?

Ich begann meine Lehre zum Bankkaufmann 1971 mit 15 Jahren. Einige Jahre nach dem Ende meiner Ausbildung gab es personelle Verwerfungen, in deren Folge der Aufsichtsrat beschloss, dass mein Kollege Adolf Fuchs und ich in den Vorstand der Bank berufen werden sollen. Aber Vorstand wird man nicht so einfach. Man muss praktische und theoretische Prüfungen ablegen. Dafür haben Adolf und ich samstags gebüffelt. Die Prüfungen haben wir bestanden und so bildeten wir mit Walter Müller zusammen mehrere Jahre den dreiköpfigen Vorstand der Raiffeisenbank Berghülen. Herr Müller war einige Jahre zuvor durch die Fusion mit der Raiffeisenbank Bühlenhausen zu uns gekommen. Das war bisher auch unsere einzige Fusion.

Gab es denn Fusionsüberlegungen?

Wir fühlten uns bisher immer sehr aufnahmefähig. Aber eigentlich fühlen wir uns in unserer Selbstständigkeit sehr wohl und auch stark genug.

Was sagen denn die Zahlen über die Stärke der Bank?

Nehmen wir die Bilanzsumme, die ist sehr beliebt, um die Stärke einer Bank zu verdeutlichen. Sie ist bei uns über die Jahre stark gewachsen. 1971 waren es gerade mal 1,5 Millionen DM, also rund 750 000 Euro, 1981 lagen wir bereits bei 15,5 Millionen DM und aktuell liegen wir bei 0,0623 Milliarden, also bei 62,3 Millionen Euro. Eine andere Zahl: Die Gemeinde Berghülen hat rund 1930 Einwohner. Wir haben aber 2300 Kunden, fast 800 von ihnen sind Mitglieder unserer Genossenschaftsbank. Mit solch einem Marktanteil können auch Großbanken nicht aufwarten.

Was macht diesen Erfolg aus?

Man muss das hier mit Leib und Seele leben – und diese ausufernde Regulatorik mit Humor nehmen.

Inwiefern?

Wir sind eine sehr kleine Bank – eine „Tiny-Bank“ sozusagen. Für uns gelten dieselben Regeln wie für Großbanken, die sich ganze Abteilungen leisten nur für das Lesen und Erstellen von Berichten, die hunderte, teils sogar tausende Seiten umfassen. Oft bekommt der Kunde von den Regeln entweder nichts mit oder sie bringen ihm nichts. Der Offenlegungsbericht beispielsweise, der auf unserer Homepage steht, dürfte für die allermeisten Kunden völlig unverständlich sein. Andere Auswirkungen der Regulatorik sind einfach nur noch skurril. Vor ihnen sitzen in diesem Moment nämlich gleich vier Beauftragte: für Geldwäsche, für Datenschutz, für Compliance und für IT-Sicherheit. Die berichten an den Vorstand. Ich berichte mir also eigentlich die meisten Zeit selbst.

Sind Sie mal dagegen vorgegangen?

Als kleine Bank bekommen sie kein Gehör in der Politik. Deswegen haben wir uns zur Interessengemeinschaft kleiner und mittlerer Genossenschaftsbanken zusammengeschlossen. Ihr gehören 400 Banken aus ganz Deutschland an. Ich war fast 15 Jahre Regionalsprecher für Baden-Württemberg. Mit dieser Gemeinschaft im Rücken haben wir Zugang zu wichtigen Gremien und können sogar einen gewissen Einfluss nehmen auf wichtigen Entscheidungen.

Wie geht es in Berghülen jetzt weiter?

Der neue Geschäftsführer ist der neue Vorstand und ich stehe ihm bis auf weiteres zur Verfügung mit meiner Erfahrung. Ich habe hier auch noch einige Sachen so aufzuarbeiten, dass auch andere Leute sie verstehen.

Haben Sie sich in den vergangen zwei Ruhestandswochen schon ein entspannendes Hobby zugelegt?

Nein, dafür hatte ich bisher noch keine Zeit. Meine anderen Hobbies wie Tennis, Ski und Radfahren mache ich weiter. Aber ab jetzt habe ich immerhin mehr Zeit für die Familie.

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