Verträge laufen aus: Zukunft der Integrationsarbeit ist ungewiss

Lesedauer: 8 Min
Beate Kast (links) mit der Familie Alahmadi aus Syrien. In Munderkingen haben sie ihre neue Heimat gefunden, Beate Kast hilft vo
Beate Kast (links) mit der Familie Alahmadi aus Syrien. In Munderkingen haben sie ihre neue Heimat gefunden, Beate Kast hilft von Anfang an in allen möglichen Belangen mit. Dafür ist die Familie unheimlich dankbar. Deshalb gibt es auch mal ein üppiges Essen als Dank. (Foto: Selina Ehrenfeld)

Mit strahlenden Augen rennt der zweijährige Sam Beate Kast entgegen. Kurz darauf steht die restliche Familie im Flur, um die Flüchtlingsbeauftragte der Verwaltungsgemeinschaft Munderkingen (VG) zu begrüßen. „Ibrahim, ich habe dir doch gesagt, ihr sollt nichts kochen“, sagt Kast mit Blick auf den reichlich gedeckten Tisch anlässlich ihres Besuchs. Doch Ibrahim Alahmadi winkt nur ab. „Wer zu mir kommt, der muss auch essen“, sagt der Familienvater.

Die Familie Alahmadi aus Syrien ist eine von vielen weiteren, die Beate Kast seit knapp drei Jahren betreut. Eigentlich ist sie für das Organisatorische in der Integrationsarbeit zuständig. „Aber vor allem zu Beginn meiner Zeit hier war ich eigentlich ständig bei den Flüchtlingen und habe ausschließlich Sozialarbeit geleistet“, erklärt Beate Kast. Während die Kinder Sam, Maria und Ahmad fröhlich durch das Wohnzimmer springen, spricht die 55-Jährige Ibrahim Alahmadi auf seine Schwestern in der Türkei an. Mit der Hilfe von Beate Kast will der Syrer seine Geschwister nach Deutschland bringen. Doch ob sie diese Angelegenheit noch rechtzeitig regeln kann, ist fraglich.

Bisher noch keine Zusage für Fördermittel

Denn offiziell läuft der Vertrag von Beate Kast als Flüchtlingsbeauftragte bei der VG Ende April aus. „Vom Land gibt es zwar eine vage mündliche Zusage, dass die Stelle für ein viertes Jahr gefördert wird. Aber bisher floss noch kein Geld“, erklärt Kast. Und ohne Förderung vom Land auch keine Flüchtlingsbeauftragte mehr bei der VG.

Ich sehe viele Dinge anders als zu Beginn. Für mich ist klar, dass es immer Problemfälle geben wird. Damit muss auch die Gesellschaft klar kommen.

Beate Kast

Das bestätigt auch Bürgermeister Michael Lohner: „Wir haben mehrfach bezüglich weiterer Fördergelder nachgefragt. Letztmals am Dienstag. Eine mögliche Fortführung ist dort nicht bekannt“, sagt Lohner. Er hofft, dass die Stelle noch für ein weiteres Jahr gefördert wird oder eine andere Stellenkonstellation in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt befunden wird. Damit die Arbeit eines Flüchtlingsbeauftragten für die VG erhalten bleibt.

290 Flüchtlinge in der VG

Beate Kasts Bilanz nach nun knapp drei Jahren ist gemischt. Viele der rund 290 Flüchtlinge, die in Munderkingen und den anderen Gemeinden der VG untergebracht wurden, seien noch weit entfernt von einer guten Integration in die Gesellschaft. „Ich sehe viele Dinge anders als zu Beginn. Für mich ist klar, dass es immer Problemfälle geben wird. Damit muss auch die Gesellschaft klar kommen“, sagt Kast.

Dennoch, ein klares Fazit könne sie nicht ziehen. „Es gibt welche, die auf einem guten Weg sind, eine Arbeit haben und die Sprache können. Dann gibt es aber auch das komplette Gegenteil.“ Der Teil derjenigen, die auf einem guten Weg sind, sei momentan noch der kleinere.

Manche sagen da auch ganz ehrlich, dass sie keine Flüchtlinge, Ausländer oder Muslime wollen.

Beate Kast

Die Probleme bei der Integrationsarbeit: Zum einen sei es immer schwerer, Wohnraum zu finden. „Manche sagen da auch ganz ehrlich, dass sie keine Flüchtlinge, Ausländer oder Muslime wollen“, so Kast. Problematisch sei aber auch die Eingliederung in eine Schule, wenn die Kinder nicht in der ersten, sondern in einer höheren Klasse starten. Das Tempo in der deutschen Schule sei meist zu schnell für diese Kinder.

Arbeit muss weitergeführt werden

Das Thema Bildung spiele auch bei den Erwachsenen eine große Rolle. „Es gibt viele Analphabeten. Die tun sich in der Sprachschule natürlich sehr schwer. Viele brechen ab. So auch Fatena Menlla, die Frau von Ibrahim Alahmadi. „Fatena geht kaum aus dem Haus und tut sich mit der Sprache unheimlich schwer“, erklärt Beate Kast. Sie hofft, dass Fatena in Zukunft zumindest alleine einkaufen und sich in der Schule mit den Lehrern verständigen kann.

Umso wichtiger sei es deshalb, die Arbeit in der VG weiterzuführen. Denn trotz der Ernüchterung gebe es auch Fortschritte. „Ibrahim zum Beispiel hat sich sehr angestrengt mit der Sprache. Inzwischen arbeitet er bei einer großen Firma in Munderkingen“, sagt Kast. „Und ich lerne für das Sprachniveau B1, damit ich eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommen kann“, fügt Ibrahim Alahmadi hinzu.

Das werde ich vermissen. Die Gastfreundschaft der Familien ist einzigartig.

Beate Kast

Wichtig für die Integrationsarbeit seien auch die seit Kurzem vom Helferkreis genutzten Räume am Brunnenberg, in der ehemaligen Polizeistation. „Hier findet Sprachunterricht statt und die Betreuung der Kinder.“ Um die zehn Leute seien in dem Helferkreis aktiv. Der sei inzwischen gut aufgestellt. Doch ohne eine Flüchtlingsbeauftragte sei der Helferkreis mit der Organisation und Verwaltung sowie der Vernetzung all der Projekte überfordert. Auch die zwei Integrationsmanagerinnen, die seit knapp einem Jahr im Dienst sind, könnten das nicht alleine leisten. Und auch ihre Verträge laufen, so zumindest der aktuelle Stand, 2020 aus.

„Jeden Tag gehe ich zu Frau Kast. Sie hilft mir bei allem“, sagt Ibrahim Alahmadi und streckt Kast einen Teller mit selbstgemachten Falafelbällchen entgegen. „Das werde ich vermissen. Die Gastfreundschaft der Familien ist einzigartig“, sagt die 55-Jährige.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen