So werben Café-Betreiber für das örtliche Angebot

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Im Café Knebel tauschten sich Bürgermeister Michael Lohner (v.l.), Ronja Kemmer, Elisabeth Meixel und Christopher Baer über die
Im Café Knebel tauschten sich Bürgermeister Michael Lohner (v.l.), Ronja Kemmer, Elisabeth Meixel und Christopher Baer über die vergangenen Wochen aus, aber auch, wie es künftig weitergehen kann. (Foto: hog)

Zu den mit am stärksten von der Coronakrise gebeutelten Berufsgruppen gehören Gastwirte und ihre Mitarbeiter. Trotz der Öffnung der Gastronomie am 18. Mai ist die Durststrecke noch nicht überwunden. Die Soforthilfen des Bundes sind angekommen und waren mehr als willkommen. Die Ulmer Bundestagsabgeordnete Ronja Kemmer kündigte am Mittwoch bei ihrem Besuch in zwei Cafés in Munderkingen ein zweites Hilfspaket der Großen Koalition an. Bürgermeister Michael Lohner sieht den Ausweg aus der Krise darin, jetzt das Angebot der Gastronomie und der örtlichen Geschäfte zu nutzen.

Bisher noch kurze Veweildauer

„Ich bin froh, dass man wieder raus kann“: Das war die Botschaft der Ulmer Bundestagsabgeordneten Ronja Kemmer (CDU) bei ihrem Besuch am Mittwoch in Munderkingen. Christopher Baer und Elisabeth Meixel begrüßten Ronja Kemmer und Michael Lohner im von ihnen seit über zwölf Jahren geführten Café Knebel.

Im Hinblick auf die Sperrung jedes zweiten Tisches im gemütlichen Café wollte Ronja Kemmer wissen, ob seit der Wiederöffnung die Gäste Lust auf einen zweiten Café hätten oder eher rasch wieder das Lokal verließen. Elisabeth Meixel, die aus der Zwetschgenstadt Bühl bei Baden-Baden stammt, beklagte, dass die Gäste tatsächlich nur kurz verweilten. An den Wein nach dem ersten Kaffee sei noch nicht zu denken, so ihre Erfahrung aus den vergangenen Wochen.

Anzahl der Besuche noch nicht auf Vor-Niveau

Wesentlich deutlicher wurde Christopher Baer. „Wir müssen Polizei spielen, das verärgert die Leute“, sagte er anhand eines beispielhaft berichteten Erlebnisses: „Ich bin als unverschämt beschimpft worden, nachdem ich Gäste auf die bestehenden Regeln hingewiesen hatte, zu denen auch das Anmelden beziehungsweise Hinterlassen von Namen und Telefonnummern gehört. Am nächsten Tag standen wir im Internet.“ Baer kritisierte, dass die Gastronomie die ihr übertragene Kontrollfunktion nicht ausfüllen könne, ohne Gäste zu verlieren. Elisabeth Meixel ergänzte hierzu: „Wer sich nicht einträgt, den dürfen wir nicht bewirten. Die Leute sind früher zwei Mal die Woche gekommen, seither kommen sie nicht mehr.“

Auch von einer älteren Dame mit Demenz wusste Elisabeth Meixel zu berichten, die täglich kommt und beim Hinweis auf die Maskenpflicht zwischen Betreten des Lokals und dem Tisch jedes Mal frage, ob „das jetzt neu“ ist. „Sie sucht Unterhaltung bei uns“, sagte Elisabeth Meixel im Hinblick auf die persönlichen Kontakte der Gäste, die nirgendwo so gepflegt werden können wie in der Gastronomie. Bürgermeister Michael Lohner sagte hierzu: „Das ist die Krux. Man öffnet, und die Gäste dürfen sich nicht zu nahe kommen.“

Kemmer kündigt weitere Hilfen an

Ronja Kemmer machte deutlich, dass die Gastronomie zwar auf die Hinterlassung der Daten der Gäste zu achten habe, aber deren Richtigkeit nicht kontrollieren muss. „Die Daten werden zum Schutz der Gesundheit der Gäste hinterlegt. Wer nicht erreichbar ist, kann im Falle eines Falles nicht gewarnt werden und ist dann selber schuld.“

Im dazugehörigen Hotel gibt es noch sehr wenige Übernachtungen, obwohl es seit Pfingstsamstag wieder geöffnet ist. Selbst jetzt kämen noch Stornierungen aufgrund von Corona. Hingegen habe sich der Antrag auf die Soforthilfe von 9000 Euro einfach ausfüllen lassen, „nur das Versenden erforderte viel Zeit und externe Hilfe“, so Baer, der zu bedenken gab, dass er den Betrag als Einnahme zu versteuern habe. „Es war aber gut, dass wir die Direkthilfe rasch erhalten haben“, so Elisabeth Meixel auf die konkrete Nachfrage von Ronja Kemmer, die die Abwicklung über die Kammern, wie sie in Baden-Württemberg vorgenommen wurde, ausdrücklich lobte.

Sie kündigte dabei eine zweite Runde der Direkthilfe an, die vergangenen Woche in der Großen Koalition beschlossen worden sei, sich an der Einkommenseinbuße orientiere und voraussichtlich wieder über die Länder abgewickelt werde.

Sehnsucht nach Normalität

Mit gemischten Gefühlen beantwortete Elisabeth Meixel die Frage, was der Gastronomie derzeit am meisten helfen würde. „Gehen Sie gerne zum Essen, wenn dauernd jemand mit Maske herumläuft?“, fragte sie und sagte weiter: „Wir werden uns daran gewöhnen müssen. Die Stimmung unter den Leuten sollte besser werden.“ Ronja Kemmer sprach von großer Akzeptanz der Maßnahmen. „Die Sehnsucht nach Normalität ist groß“, meinte sie. „Wir müssen schauen, dass die Betriebe durchkommen, die vorher gut dagestanden und nichts falsch gemacht haben“, erklärte sie.

Bürgermeister Michael Lohner hob hervor, dass in Deutschland so gut reagiert werden konnte, da es einen Vorlauf gab. „Italien hatte es früher. Dennoch kamen auch wir ins Schleudern. Am Samstag haben wir jeweils erfahren, was ab Montag gilt“, so der Schultes. Ronja Kemmer, die auch Kreisvorsitzende des DRK ist, war sichtlich erleichtert über die Tatsache, dass es in Deutschland nicht zu Situationen gekommen ist, in denen Ärzte abwägen mussten, welchem von mehreren Patienten sie das einzige zur Verfügung stehende Beatmungsgerät zuteil werden lassen würden: „Unser Gesundheitssystem hat standgehalten. Ob es eine zweite Welle geben wird, wissen wir nicht, wir sind aber gut vorbereitet.“

Kultur hat sich verändert

Christopher Baer erinnerte sich an die leeren Straßen zu Beginn der Krise und zeigte sich froh, dass in seinem Haus keine Fälle von Corona vorgekommen sind. Für die Zeit nach Corona wünscht er sich, dass sich wieder Personal fände. Die Veränderungen in den vergangenen Jahren fand auch Ronja Kemmer bedenklich: „Ich habe während meines Studiums und auch davor sehr gerne in der Gastronomie gearbeitet.“ Bürgermeister Michael Lohner zog Bilanz und sagte: „Die Kultur ist in den gut 20 Jahren meiner Amtszeit eine andere geworden. Früher saß man länger gemütlich zusammen.“

Abschließend sagte Baer: „Wir brauchen dringend wieder die Touristen vom Donauradwanderweg.“ Insoweit war er sich einig mit Sepp-Dieter und Inge Kaspar vom seit 1899 bestehenden Café Melber. „Es ist jetzt nicht wie vorher“, sagt der fast siebzigjährige Kaspar, „die Donauradweg-Leute fehlen.“ Er freute sich über den ansonsten bereits gut angelaufenen Betrieb und auch darüber, dass insbesondere die Stammgäste die Hygienevorschriften einhielten. Auch sein Betrieb hat die Direkthilfe rasch erhalten. „Vom 16. März bis 18. Mai hatten wir null Einnahmen, aber laufende Kosten. Unsere Mitarbeiterin hat Kurzarbeitergeld erhalten“, so Kaspar.

Angebote vor Ort annehmen

Über die Registrierungspflicht für Gäste sagte er: „Das handhaben wir ganz einfach. Gäste, die wir kennen, tragen wir in ein Buch ein, Fremde hinterlassen ihre Daten auf einem Block, dessen Zettel wir aufbewahren. So ist der Datenschutz gewährleistet.“ Die Zeit des Lockdowns haben die Kaspars in ihrem großen Garten zur Erholung genutzt. „Wir konnten dort dem Wachstum zusehen“, so Sepp-Dieter Kaspar. Er wünscht sich nichts mehr, als dass die Menschen sich wieder mehr zutrauen und auch ausgehen. Immerhin waren einige Gäste im Lokal, die das aktuelle Spargelangebot nutzten. Ronja Kemmer zeigte sich sicher, dass dieses und nächstes Jahr viele Leute in Deutschland Urlaub machen werden. „Es wird super“, sagte sie und auch Bürgermeister Michael Lohner sieht es so: „Die Leute müssen jetzt die Angebote der Gastronomie und der örtlichen Geschäfte nutzen, dann kommen wir über den Berg.“

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