Christen haben im Orient nur geringe Chance auf Frieden

Lesedauer: 6 Min
Professor Wolfgang Schwaigert sprach in Munderkingen von Katholiken, Evangelischen und Muslimen.
Professor Wolfgang Schwaigert sprach in Munderkingen von Katholiken, Evangelischen und Muslimen. (Foto: Sz- khb)
Schwäbische Zeitung
Karl-Heinz Burghart

„Wir wollen den interreligiösen Dialog in der Stadt beleben“, sagte Pastoralreferentin Sonja Neumann vor knapp hundert Gästen im Gemeindehaus St. Michael in Munderkingen. Die „interreligiöse Gruppe“, bestehend aus Katholiken, Evangelischen und Muslimen, hatte zu einem Vortrag mit Professor Wolfgang Schwaigert aus Blaubeuren eingeladen.

Schwaigert ist pensionierter evangelischer Pfarrer, war Honorarprofessor an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd und lehrte dort von 1995 bis 2012 Islamwisschenschaft und Ostkirchen-Geschichte. Die Titel-Frage des Abends „Hat der Friede eine Chance?“ erweiterte Schwaigert um die Frage „Haben Christen im Orient eine Chance?“. Nach einem geschichtlichen Exkurs Schwaigerts antwortete der Professor: „Wir haben dort nur eine geringe Chance.“ Auf die Hauptfrage des Vortrags antwortete Schwaigert, dass er fest daran glaube, dass der Weltfriede eine Zukunft habe, betonte aber: „Der Friede auf der Welt ist eng mit dem Frieden im Orient verbunden.“

Bis zum Krieg in größter Freiheit gelebt

Bis zum Krieg hätten Christen in Syrien „in größter Freiheit gelebt, viel größer als in anderen arabischen Ländern“. Er sei oft in Syrien, „einem der schönsten Länder im Nahen Osten“, gewesen, aber Syrien sei längst kein Reiseland mehr. „Dass der Krieg dort kein Ende nimmt, liegt an den westlichen Ländern. Assad ist nicht die Ursache.“ Plötzlich seien „alle, die vorher gute Beziehungen zu ihm hatten, gegen Assad. Außer Russland“, sagte Schwaigert. „Aber niemand hat eine Regierungs-Alternative.“ Vor allem Saudi-Arabien, aber auch die anderen arabischen Länder seien erheblich am Konflikt in Syrien beteiligt. „Syrien steht für die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft, den Kriege zu beenden. Niemand hat ein Interesse, das Land zu befrieden“, sagte Schwaigert.

Wer derzeit die Nachrichten verfolge, gebe dem Frieden wohl keine Chance, so der Professor. Die größte Gefahr gehe von aggressiven Islamgruppen aus, die keine anderen Religionen duldeten. „Sie sind die Totengräber des Christentums im Orient“, betonte Schwaigert. Der Islam sei eine einfache, klare Religion, das Christentum sei kompliziert. „Wie wollen wir Muslimen die Dreifaltigkeit oder die Diskussion ums Abendmahl erklären?“, war eine Frage des Theologen. Historisch habe sich das Christentum durch die Philosophie prägen lassen, während der Islam bei seinem „klaren Glauben“ geblieben sei, so Schwaigert. „Wenn diesem Glauben in der Geschichte Gefahr drohte, wurde immer massiv reagiert und das ist bis heute so.“ Bis heute sei das westliche Wertebild für den Islam kein Vorbild. Der „Islamische Staat“ sei ein „aggressiver Islam, eine menschenverachtende Diktatur in vielen arabischen Ländern“ und breite sich immer mehr aus, sagte Schwaigert. „Gott muss ein Wunder geschehen lassen, um Christen im Orient überleben zu lassen.“

Mit Assad wird es keinen Frieden geben

Ein in Munderkingen lebender Syrer meldete sich am Donnerstag zu Wort: „Assad muss weg“, sagte er, „sonst wird es keinen Frieden geben. Er hat Tausende Christen getötet und der Islamische Staat zeigt, dass Assad gescheitert ist. Mit Assad hat Syrien keine Zukunft.“ Wer frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre, sei wohl noch nie in einer Moschee gewesen, um die dortige Frömmigkeit und Herzlichkeit zu erleben“, antwortete Schwaigert auf die entsprechende Frage. Gegenseitiges Interesse, aufeinander zuzugehen und intensive Gespräche seien die Basis für Integration und für den Frieden, so der Professor. Durch Begegnungen ohne Furcht lerne man sich und die Unterschiede am besten kennen. „Da ist Deutschland schon auf einem guten Weg“, sagte Schwaigert und lobte, dass einige Munderkinger Muslime vor seinem Vortrag im katholischen Gemeindehaus einen Raum für ihr Abendgebet bekamen.

Schwaigerts Vortrag sei der erste Schritt zum interreligiösen Dialog in Munderkingen gewesen, sagte Sonja Neumann am Schluss und kündigte für den 27. Juni den Vortrag eines Imams aus Ulm mit anschließenden Gespräch an.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen