„Es wäre fatal zu behaupten, wir wären viel besser“

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Thomas Sinz, DFB-Stützpunktkoordinator für den Bereich des Württembergischen Fußball-Verbandes.
Thomas Sinz, DFB-Stützpunktkoordinator für den Bereich des Württembergischen Fußball-Verbandes. (Foto: DFB)
Schwäbische Zeitung

Welcher junge Fußballspieler träumt nicht davon, Nationalspieler zu werden? Doch der Weg dorthin ist weit und beginnt oft schon früh. Am Samstag treffen sich in der Sporthalle in Merklingen die besten D-Junioren der Region zum Leistungsvergleich. Sie kommen von den DFB-Stützpunkten Ulm, Ravensburg, Biberach, Unlingen und Wangen sowie vom 1.FC Heidenheim. Woran ein Talent zu erkennen ist und welche Probleme die Talentsuche hat, darüber hat Michael Kroha mit dem DFB-Stützpunktkoordinator Thomas Sinz gesprochen.

Herr Sinz, Welches Fußballtalent haben Sie schon entdeckt?

Wenn ein Spieler „oben ankommt“, beanspruchen es immer viele für sich, ihn entdeckt zu haben. Aber Spieler wie Mario Gomez, Daniel Caliguiri, Ömer Toprak, Joshua Kimmich, Sebastian Rudy, Marvin Plattenhardt, Thilo Kehrer, Timo Baumgartl, Florian Kath, Janik Haberer, Melanie Leupholz und Julia Gwinn haben wir gesichtet und zum Training eingeladen.

Was ist das Ziel von solch einem Turnier wie jetzt in Merklingen?

Das Turnier ist eine der wenigen zusätzlichen Maßnahmen zur weiteren Ausbildung der Stützpunkt-Spieler. In der Regel wird am Stützpunkt trainiert, individuell und in Kleingruppen. Gleichzeitig ist es ein Sichtungsturnier, bei dem sich die Spieler für Maßnahmen im Rahmen von WFV-Lehrgängen empfehlen können. Speziell dieses Turnier in Merklingen kürt auch noch den besten Spieler, der dann eine Einladung ins VR-Talent-Team bekommt.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Spieler zum Nationalspieler wird?

Die Möglichkeit hat jeder. Die Wahrscheinlichkeit ist natürlich abhängig von den Plätzen, die zur Verfügung stehen. Es gibt eben nur eine Nationalmannschaft verteilt auf viele Jahrgänge. Die Namen oben zeigen, dass wir sehr erfolgreich aktuelle U21-EM- und Confed Cup Sieger-Spieler bei uns gefördert haben.

Was muss ein Spieler in dem Alter können?

Sicherlich geht es hier um die aktuelle Leistungsfähigkeit. Es geht darum, Situationen im Spiel schnell und variabel lösen zu können, vor allem bei steigendem Druck. Jedoch spielt auch die perspektivische Entwicklung eine große Rolle.

Woran ist ein Talent zu erkennen?

Hier wird all zu oft ausschließlich die aktuelle Leistungsfähigkeit herangezogen, und nicht die perspektivische Leistungsfähigkeit, also nicht die Frage gestellt, wie viel Potenzial steckt da noch dahinter. Wir am Stützpunkt wollen perspektivisch ausbilden, der Talentbegriff ist ein dynamischer, es geht um Entwicklung! Aktuelle körperliche Vorteile dürfen nicht der alleinige Maßstab sein.

Wird Jugendspielern heute oft zu viel abverlangt?

Wenn es um die reine Trainingszeit geht, denke ich – vor allem im Vergleich zu anderen Sportarten – nein. Der Aufwand, um von A nach B zu kommen, ist sicherlich teils groß. Der Aufwand wird allerdings auch oft zu früh „freiwillig“ auf sich genommen.

Wie funktioniert Talentförderung beim DFB?

Wir haben Sichtungen und die Vereine werden angeschrieben, ihre besten zu melden. Dies ist der Einstieg. Vom Stützpunkt geht es dann über den WFV zu den U-Teams des DFB.

Um wie viel besser ist die Talentförderung des DFB im Vergleich zu anderen Nationen?

Die Intensivierung der Förderung hat sich ausbezahlt, vor allem die Einführung des DFB-Talentförderprogramms als Einstieg. Ziel war es, wieder Weltmeister zu werden, dies wurde erreicht. Man darf auch nicht vergessen, dass alle DFB U-Teams bei allen großen Endturnieren regelmäßig qualifiziert sind. Doch die anderen Nationen holen auf, ausruhen gilt nicht. Es wäre fatal zu behaupten, wir wären viel besser.

Haben Spätstarter wie Miroslav Klose überhaupt noch eine Chance?

Spätstarter eher nicht mehr, wohl aber Spätentwickler, und die dürfen wir nicht vorzeitig verlieren, weil sie im U11- bis U14-Bereich noch nicht soweit sind. Diesen Spielern muss die Chance gegeben werden, an ihrer Ausbildung arbeiten zu können.

Studien belegen, dass früh im Jahr Geborene häufiger in U-Nationalmannschaften spielen. Ein Problem?

Es stimmt, dass mit zunehmendem Selektionsprozess und höherem Niveau die Zahl der Spieler zunimmt, die früher im Jahr geboren sind. Am Stützpunkt gehen wir dies an, schauen bewusst auf die jüngeren Spieler, die in der zweiten Jahreshälfte geboren wurden. Beim Tag des Talents werden die Spieler auch auf getrennten Feldern nach erstem und zweitem Halbjahr getrennt gesichtet.

Für Talente der Laichinger Alb ist der nächste Stützpunkt in Ulm – zu weit weg?

Insgesamt hat der DFB im Gebiet des WFV 22 Stützpunkte, die relativ gleich verteilt sind. Dass es Unterschiede gibt in der Anfahrtsstrecke, liegt auf der Hand. Manche haben es nah, andere einen längeren Weg, der aber im Schnitt nicht weiter ist als 30 bis 35 Kilometer.

An diesem Samstag, 16. Dezember, treffen sich die besten D-Junioren der Region zum Leistungsvergleich in der Sporthalle in Merklingen. Die DFB-Stützpunkte aus Ulm, Ravensburg, Biberach, Unlingen und Wangen sowie der 1.FC Heidenheim treffen sich zum Leistungsvergleich im Rahmen der VR-Talentiade-Auswahl. Der Jahrgang 2006 beginnt um 9.30 Uhr während die Spiele des Jahrgangs 2005 um 14 Uhr angepfiffen werden. Das Ende ist gegen 17.30 Uhr.

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