Das Blöken der Schafe ist in der Region zu hören

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Zwei Lämmer tollen über die große Wiese, stupsen sich immer wieder an und schlagen mit ihren langen dünnen Beinen einen Haken nach dem anderen. Schäfer Jens Bihler hat die beiden Tiere genau im Blick. Sie gehören zu seiner Herde, die insgesamt 500 Schafe umfasst. 150 davon sind Lämmer. Hinzu kommen noch 20 Ziegen und zwei Esel, die wiederum ganz gemütlich vor sich hin trotten und sich ab und an eine Streicheleinheit bei Bihler abholen.

Jens Bihler ist Wanderschäfer. Derzeit ist der 38-Jährige zwischen Drackenstein und Widderstall anzutreffen. Gebürtig kommt Bihler aus Haiterbach im Schwarzwald. Dort ist sein und das Zuhause der Tiere. Seit April ist er allerdings unterwegs. „Dann bin ich auf die Alb gekommen. Bis Anfang Oktober halte ich mit den Schafen die Naturschutzflächen der Gemeinden frei – auf der so genannten Sommerweide“, erzählt der 38-Jährige. Dann stehe die Herbstweide an. Voraussichtlich bis Anfang Dezember. „Je nach Witterungslage. Bei Schnee gehen wir ins Albvorland“, erklärt der Schäfer. Bihler zieht dann sogar zu Fuß mit der Herde bis nach Pforzheim.

Schafe fressen sich satt

Eines bleibt immer gleich: „Wir halten die Gebiete offen. In Merklingen, Laichingen und Widderstall machen wir die Wacholderheide“, so der Schäfer. Die Ziegen fressen Blätter zurück, die Schafe sind für das Gras zuständig. „Die Gebiete können maschinell nicht bewirtschaftet werden. Deswegen kommen wir Schäfer mit den Tiere zum Einsatz“, zeigt Jens Bihler auf und fügt an: „Eigentlich sind wir Landschaftspfleger.“

In der Nacht werden die Tiere eingepfercht. Dabei geht es um Sicherheit – zum Beispiel, um Diebstahl zu vermeiden. Aber es geht auch darum, dass der Dung der Schafe nicht auf dem zu pflegenden Gebiet hinterlassen wird. „Wir sollen die Flächen ja nicht düngen.“ Vormittags lässt der Schäfer die Tiere dann raus – für etwa zwei bis drei Stunden. Dann dürften sie sich, gerade auch im Sommer, erst einmal im Schatten ausruhen, bevor sie wieder frei gelassen werden und sich satt fressen können. Drei bis vier Kilogramm frisst ein Schaf am Tag. Während Jens Bihler im Januar im Umkreis von 13 Kilometern unterwegs ist, ändert sich das zur Winterweide hin. „Dann geht man eben so weit, bis die Schafe satt sind“, erklärt er. Das könnten dann schon mal bis zu 120 Kilometer sein.

Jens Bihler hat als Schäfer eine Menge Erfahrung. Seit 18 Jahren übt er seinen Beruf aus – einer mit positiven aber auch negativen Seiten und Auswirkungen. „Wer will 365 Tage im Jahr gehen?“, fragt der 38-Jährige. Der Arbeitsaufwand sei groß, die Verantwortung hoch und der Verdienst reiche „zum Leben“. Hinzu komme die Bürokratie. „Wir müssen zum Beispiel Flächenanträge stellen. Dann gibt es noch die Vermessungen“, so Bihler. Dennoch liebt er seinen Beruf: „Ich bin gerne im Freien und gehe mit den Tieren um, obwohl ich ständig unterwegs bin.“ Die Großeltern hätten Landwirtschaft gehabt. Er sei damit aufgewachsen.

Reaktion auf Pfiff und Zuruf

Die Schafe reagieren auf Pfiffe und Rufe. Namen haben sie nicht. „Aron, zurück!“, ruft Jens Bihler und meint damit einen seiner drei Altdeutschen Hütehunde. Aron hat die Straße neben dem Weidegebiet und die Herde ständig im Blick. Er patrouilliert, hört dabei auf die Anweisungen von Bihler. Das ist wichtig. „Denn es gibt immer mehr Straßen“, erklärt der 38-Jährige. Der Verkehr werde extremer und das Verständnis der Fahrer schwinde. „Manche Fahrer halten und schauen sich an, wenn ich mit den Tieren laufe oder auch die Straßenseite wechsele, andere wiederum drohen damit, mich anzuzeigen“, sagt Jens Bihler und bemängelt: „Viele kennen die Landwirtschaft heute nicht mehr. Früher gab es mehr Schäfer. Da war das noch normal.“

Wieder ruft Jens Bihler nach seinem Hund. Die Schafe sollen auf dem Weg bleiben. „Die Hunde machen ihre Hütearbeit“, sagt der 38-Jährige. Bisher sei ihm keines der Schafe abhanden gekommen. Damit die Arbeit reibungslos funktioniert, verschaffen sich die Hunde Respekt bei den Schafen. „Die Schafe sind nämlich nicht dumm und wissen, wie weit sie beim Hund gehen können“, merkt der gebürtige Haiterbacher an.

Respekt, vielmehr aber große Bedenken, hat der Schäfer, wenn er auf Wolfsgebiete schaut. „Der Nordschwarzwald ist auch schon Wolfsgebiet“, zeigt er auf. Was, wenn Jens Bihler auch auf einen Wolf trifft? „Ich weiß nicht, was ich nach einem Wolfsangriff auf die Herde machen würde. Man kann nicht 24 Stunden Wache halten. Irgendwann kommt ein Punkt, an dem es einfach nicht mehr geht“, so Bihler und ist der Meinung: „Der Wolf wird noch einige Schäfereien kosten.“ Dabei sehe er gar nicht mal so den finanziellen Aspekt, sondern vor allem auch die Gefahr für Menschen. „Ich sperre zum Beispiel auch nahe der Autobahn 8 ein. Was, wenn ein Wolfsangriff stattfindet, die Tiere auf die Straße laufen? Es geht um Menschenleben“, zeigt der 38-Jährige auf. Doch daran möchte er jetzt nicht denken.

Jens Bihler zieht seinen großen schwarzen Hut etwas tiefer ins Gesicht und stützt sich auf seiner Schippe ab. Sein langer grauer Kapuzenmantel weht im Wind. Der Frühnebel hat sich gelegt und die Sonne scheint. Bihlers Blick schweift zufrieden über die Herde. Das Blöken der Schafe ist zu hören. Ansonsten ist es einfach nur ruhig.

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