Der Lauteracher Linsenpapst erhält die Staufermedaille

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Friedrich Hog

Biobauer Woldemar Mammel erhielt am Dienstag aus den Händen von Landrat Heiner Scheffold die höchste staatliche Auszeichnung des Landes Baden-Württemberg, die Staufermedaille. In der annähernd vollbesetzten Lautertalhalle gab es viel und lange anhaltenden Beifall und mehrfach stehende Ovationen für „Wolde“, wie ihn seine Freunde liebevoll nennen. Alle waren sich einig: Wenn einer die höchste Auszeichnung des Ministerpräsidenten verdient hat, dann er.

„Studienrat Woldemar Mammel hatte genug von der Stadt, der Schule und unserer ganzen Zivilisation. Nach den Sommerferien ging er nicht mehr ans Humboldt-Gymnasium in Ulm zurück. Er ist Bauer geworden! Kleinbauer.“ So ist es in der „Bild Zeitung“ vom 31. August 1977 nachzulesen. Diese Worte scheinen einen Aussteiger zu beschreiben. Die Zeit hat gezeigt, dass der inzwischen 77-jährige Woldemar Mammel intuitiv die richtigen Schritte unternommen hat.

„Es geht ihm um die Sache, er ist ein Überzeugungstäter und beharrlicher Botschafter seiner Überzeugung“, betonte Bernhard Ritzler. Der Bürgermeister erinnerte an das Jahr 1975, als die Familie Mammel in Lauterach ankam: „Alles schien in Ordnung zu sein. Dann kam Woldemar Mammel mit einer gänzlich anderen Philosophie.“

Landrat Heiner Scheffold bezeichnete Mammel als Pionier für die Wiederbelebung des Alblinsenanbaus im Alb-Donau-Kreis mit viel Gespür und Geduld. Auch mit seinen Tipps für andere Erzeuger handle er beispielhaft und vorbildlich im Sinne der Regionalität. „Gesunde Ernährung, traditionelle Feldfrüchte und moderne Landwirtschaft sind für Woldemar Mammel keine Gegensätze, er hat mit den Albleisa eine zentrale Marke geschaffen“, so der Landrat.

Biologie und Chemie studiert

Scheffold berichtete aus der Vita von Woldemar Mammel, der in Tübingen und München Biologie und Chemie studiert hat, und als Lehrer in Reutlingen und Ulm tätig war. 1975 hat er in Lauterach den landwirtschaftlichen Betrieb gekauft und zunächst im Nebenerwerb bewirtschaftet, ehe er 1977 zum Vollerwerb übergegangen ist. „Das war eine mutige Entscheidung zu einer Zeit, als Biolandwirte noch unbekannt waren“, so der Landrat.

„Aus dem Arme-Leute-Gericht wurde eine Spezialität mit festem Platz in der Gastronomie“, sagte er über die Linse, die Mammel ab Mitte der Achtzigerjahre angebaut hat, zunächst aus französischem Samen. Ab 2001 habe er die Öko-Erzeugergemeinschaft „Albleisa“ aufgebaut, die heute 80 Biobauern umfasst. Gemeinsam mit Franz Häußler aus Schwörzkirch habe Mammel 2006 die ursprüngliche Albleise in der Saatgutbank im russischen St. Petersburg entdeckt. Mammel habe persönlich je 100 bis 200 Samenkörner für die beiden Späth‘schen Alblinsenarten dort abgeholt.

900 Einzelhändler wollen die Linsen

260 Hektar Albleisen und 20 Hektar Buchweizen baue er heute an. Seine Produkte verkaufe er nicht nur im Hofladen, sondern liefere sie an 900 Einzelhändler und 350 Gastronomen. „Das ist eine echte schwäbische Erfolgsgeschichte“, so der Landrat. Nachdem 2008 die Söhne Max und Lutz den Betrieb übernahmen, habe sich Woldemar Mammel bis heute nicht aus der Arbeit zurückgezogen. Zudem habe er den Alblinsen-Förderverein für alte Kulturpflanzen auf der Schwäbischen Alb gegründet. Auch habe er für die Linse oft vor der Kameralinse gestanden und ein Buch über sie geschrieben.

Abschließend nannte Heiner Scheffold die Leistung Woldemar Mammels einen „großen Beitrag zur Artenvielfalt“ und Mammel selbst als „erfolgreichen Kämpfer für Biodiversität, der seit 2009 der Biosphärengruppe Lauterach ein Gesicht gegeben hat“. Seine Verdienste um das Land Baden-Württemberg reichten weit über die beruflichen Pflichten hinaus. „An dieser Ehrung gibt es keinen Zweifel, das ist eine ausgesprochen verdiente Ehrung“, so der Landrat, der Woldemar Mammel auch als „Markenzeichen des Landkreises und wichtigen Botschafter für den Kreis und das Land Baden-Württemberg“ bezeichnete. Die Überreichung der Medaille und Urkunde war mit stehenden Ovationen und lange anhaltendem Beifall verbunden. Musikalisch umrahmt wurde der Abend vom Chor der Biobauern, der auf die Melodie von „Lollipop“ von den Chordettes ein Loblied auf die „Leisasupp“ sang.

„Wenn es einer verdient, dann er“

Franz Häußler sagte: „Wenn es einer verdient hat, dann er.“ Er warf per Beamer eine Schülerzeitung an die Leinwand, die den angehenden Biobauern auf der Titelseite in Aktion zeigt. „Aus Kopfschütteln wurde Nachdenken und später klammheimliches Schämen“, beschrieb Häußler die Reaktionen. „Woldemar hat Alternativen auf den Weg gebracht. Damit hat er die Selbstwertschätzung gestärkt, etwas das die jetzt in Berlin demonstrierenden Bauern suchen, aber nie finden werden.“

Woldemar Mammel selbst erinnerte sich in seiner Rede an die Zusammenarbeit mit dem Weltladen. Sein Motto sei immer gewesen „gute Ware lobt sich selbst, gute Arbeit lobt sich selbst“. Bei Theo Düllmann und der „gentechnikfreien Region (um) Ulm“ und Ruth Tippe und ihrem Verein „Kein Patent auf Leben“ bedankte er sich besonders, sie hätten wesentlich dazu beigetragen, gentechnisch verändertes Saatgut aus der Region fernzuhalten. „Die Gefahr ist nicht gebannt“, lautete die These des Geehrten. Seine wichtigste Botschaft betraf die Linsenäcker. „Diese sind die artenreichsten Äcker überhaupt, besser als jeder Blühstreifen. Auf den Linsenäckern gibt es Insekten und die größte Anzahl von Wildkräutern“, so Mammel. Er kritisierte die aktuelle Förderung, die pro Hektar Blühstreifen 710 Euro, pro Hektar Linsenacker nur 230 Euro betrage. „Blühstreifen sind ein Feigenblatt. Wir Landwirte wollen Nahrungsmittel anbauen, wir wollen die Welt mit Linsen ernähren“, sagte er und erhielt einmal mehr stehende Ovationen.

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