Frei.Wild-Sänger Philipp Burger wird in Laichingen rocken.
Frei.Wild-Sänger Philipp Burger wird in Laichingen rocken. (Foto: Bozler)
Schwäbische Zeitung

Die umstrittene Musikrichtung Deutschrock besitze eine „berechtigte Faszination“. Zu dieser Einschätzung kam ein Referent, der am Sonntag in Blaubeuren über die Musik der Bands gesprochen hat, die auf dem Laichinger „Rock dein Leben“-Festival (19.-21. Juli) auftreten. Micha Schradi vom Evangelischen Jugendwerk hatte eingeladen. 25 „pro“- und „kontra“-Besucher waren ins Café 4 gekommen.

Der Referent war Cord Dette vom „Albbündnis für Menschenrechte“, in dem sich die Landkreise Reutlingen, Sigmaringen, Tübingen und der Zollernalbkreis und freie soziale Träger zusammengeschlossen haben. Hauptberuflich ist Dette Jugend-Sozialarbeiter, nebenberuflich seit 20 Jahren (Punk-)Rockmusiker. Ergänzt wurden seine Ausführungen von Angelika Vogt vom Demokratiezentrum Baden-Württemberg, das gefördert wird vom Land und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Grundsätzliche Verkürzungen

Einfach machte es sich Dette nicht, er vermied eine grundsätzliche Verkürzung der Diskussion rund um Deutsch- beziehungsweise Rechtsrock und forderte dazu auf, Hintergründe zu beleuchten. Aber: „Wir können gut herausfinden, ab wann eine Band dem ,Rechtsrock’ zuzuordnen ist.“ Frei.Wild, Krawallbrüder, Unantastbar: Diese drei Bands, die in Laichingen auftreten, befänden sich zwar im „rechten Dunstkreis“, aber noch in einer Grauzone und sie hätten sich eindeutig von einer „rechtsradikalen“ Vergangenheit distanziert. Auch gehöre es zur „Kunst“, dass sie in einer Demokratie erhebliche Freiheit besitze.

„Rock Dein Leben“ darf in Laichingen stattfinden
Neben Freiwild erwarten die Veranstalter auch Gruppen wie Brennstoff, Unantastbar und Krawallbrüder. Vielen der Bands wird Nähe zu rechten Motiven vorgeworfen. Sie selbst distanzieren sich meistens von diesem Extremismus. Sepsis bleibt.

Juristen prüften jedoch die Verfassungsfeindlichkeit von Texten. Die Texte der in Laichingen auftretenden Gruppen seien aber nicht als „verfassungsfeindlich“ einzustufen. Sie hätten sich in ihren Texten aber auf „Uneindeutigkeit“ spezialisiert. Der Unterschied zwischen Gruppen des „Rechtsrock“-Spektrums und „Punkrockern“ bestehe darin, dass zwar beide gegen das System protestieren: Die „Punkrocker“ sich jedoch auf die Seite der sozial Schwachen stellten, während „Rechtsrocker“ mit geschlossenem Weltbild agitierten, frühere Zeiten verklärten und einfache Lösungen anbieten.

Als Pädagoge und Kenner von Jugendkulturen gab Dette auch zu bedenken, dass „Deutschrock“ eine berechtigte Faszination habe. Die Musik begleite eine „Passage in der Entwicklung“ ihrer (zumeist männlichen) Hörer, auf der Suche nach „Männlichkeit“. Dazu passe für manche der Sound der Krawallbrüder, eine „männliche Saufband“. Da die Weltbilder von Jugendlichen noch nicht verfestigt seien, müsse man aber tatsächlich aufpassen, dass Rechte nicht nach Anhängern fischen bei solchen Festivals.

Krisen, Liebe – und Heimat

Themen der (grauzonigen) Deutschrocker seien Freundschaft, Kameradschaft, Schicksalsschläge, Krisen, Liebe – und Heimat. Die „pädagogische Linke“ habe es nicht geschafft, den „Heimatbegriff“ in Deutschland positiv zu besetzen, wodurch eine „Leere“ entstanden sei, so Dette – Deutschrock-Bands füllten dieses Vakuum. Eine Zuhörerin meinte, dass es uns, im Gegensatz zu den Franzosen oder Italienern immer noch schwerfalle, „stolz“ auf Deutschland zu sein. Die Menschen hätten aber den Wunsch, sich „auf gute Art“ zu identifizieren mit ihrer Heimat, mit Freundschaft und Gemeinschaft.

„Rechtsrock“ allerdings greife in seinen Texten eindeutig Gewalt als Spaß- und Erlebnismoment auf, verherrliche die Wehrmacht, Geschichte werde „relativiert“, er hat klare Feindbilder wie etwa die Bundesrepublik, die „Lügenpresse“, die Linken, Flüchtlinge und Ausländer, sexuell anders Orientierte oder gleichberechtigte Frauen.

Das Fazit des Abends zog Angelika Vogt vom „Demokratiezentrum Baden-Württemberg“: „Demokratie muss bewusst weitergegeben werden. Demokratie pflanzt sich nicht von alleine fort“, appellierte sie. Deren Werte, „wofür wir stehen“, müssten aktiv vermittelt werden. Alle, die sich gegen „Rechtsrock“ und den damit verbundenen Rechtsruck in der Gesellschaft wenden möchten, seien aufgefordert, sich zu engagieren. Demokratische Spielregeln dürfen aber nicht aufgegeben werden.

Als Sozial- und Kulturarbeiter ergänzte Dette, dass es Jugendliche schwer hätten, sich Gehör zu verschaffen. Die Gesellschaft müsste mehr investieren in „partizipative Projekte“; Jugendhäuser dürften nicht einfach zugemacht werden. Weiter meinte er, dass wir „eine bessere Streitkultur“ zwischen den unterschiedlichen Gruppen entwickeln und uns fragen müssten, welche Faszination von „rechten Gruppen“ ausgehe und welche Alternativen eine Demokratie bieten könne. Einfache Lösungen würden hingegen einer komplizierter gewordenen Gegenwart nicht gerecht.

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