Von dänischen Musikern und chinesischen Drachen

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Zum Abheben: Das dänische Holzbläser-Ensemble „Kirin Winds“, benannt nach einem chinesischen Fabelwesen. Es hat den Kopf eines D
Zum Abheben: Das dänische Holzbläser-Ensemble „Kirin Winds“, benannt nach einem chinesischen Fabelwesen. Es hat den Kopf eines Drachen, das Geweih eines Hirsches, den schuppigen Körper eines Fisches und die Hufe eines Pferdes. (Foto: Kriegler)
Jutta Kriegler

Der Auftritt der dänischen Bläser im Alten Rathaus war etwas Besonderes, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Feurig und voller Leidenschaft hat das fünfköpfige Ensemble sein Programm präsentiert – wie der chinesische Drache „Kirin Winds“, den die Musiker zu ihrem Namensgeber gemacht haben. Neben Joseph Haydn und Jacques Ibert war auch ein Werk des dänischen National-Komponisten Carl August Nielsen vertreten, der außerhalb Dänemarks kaum bekannt ist. Zu Unrecht, wie sich gezeigt hat, denn seine Musik hat viel zu bieten. Ebenso die dänischen Musiker, die bereits in ihrem Gründungsjahr 2009 beim größten Kammermusik-Wettbewerb in Dänemark als doppelte Preisträger ausgezeichnet wurden.

Der Name des Holzbläser-Ensembles war wegweisend für die Auswahl seiner Musik, die die Dänen am Sonntag bei der Kammermusikstunde gespielt haben. Mit großer Vielfalt brachte „Kirin Winds“ die ausgewählten Kompositionen zur Geltung. Das dänische Quintett ist benannt nach einem chinesischen Fabelwesen. Es besitzt den Kopf eines Drachen, das Geweih eines Hirsches, den schuppigen Körper eines Fisches und die Hufe eines Pferdes. Als Multi-Talent kann „Kirin Winds“ fliegen, schwimmen, Feuer speien – und ist sogar musikalisch. Und auch da verfügt der Drache dank seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten über ein breites Spektrum.

Start mit „Divertimento“ von Haydn

Warm gespielt haben sich die Dänen mit einem „Divertimento“ in B-Dur von Joseph Haydn (1732 bis 1809) in vier Sätzen. Barocke Musik mit wechselnden Stimmungslagen, gespielt in einer harmonischen Einheit. Alle fünf Bläser waren hervorragend aufeinander abgestimmt. Alle Instrumente kamen gleichermaßen zur Geltung und konnten ihre besonderen Stärken und Eigenheiten entfalten: Die heitere verspielte Klarinette, die extravagante Querflöte, die geheimnisvolle Oboe, das Fagott als Meister der tiefen Töne und das goldene Horn mit seinem weichen, warmen Klang.

Danach folgte ein heiteres, beschwingtes Stück von dem französischen Komponisten Jacques Ibert (1890 bis 1962) in zwei Sätzen. Dort wurde schon angedeutet, was im Anschluss bei Carl August Nielsen (1865 bis 1931) noch deutlicher heraus gearbeitet wurde: Die Kombination der fünf Blasinstrumente bei den solistischen Einlagen. Erst spielte das Quintett gemeinsam das Hauptmotiv mit eng beieinander liegenden Tonfolgen.

Im Laufe des Spiels gab es dann spannende Doppelparts, wechselweise mit Querflöte und Oboe, Querflöte und Klarinette, Horn und Fagott. Auch als Dreiergespanne zeigten die Musiker ihr außergewöhnliches Können, zum Beispiel mit Querflöte, Oboe und Klarinette. Auf diese Weise ist es Komponist Nielsen gelungen, jedes einzelne Instrument auf unterschiedliche Weise einzusetzen, um so seinen vielfältigen Charakter und seine vielseitigen Möglichkeiten zu beschreiben.

Kompositionen erzählen Geschichten

Schwer zu spielen, aber voller Phantasie und Einfallsreichtum hat Nielsen ein großartiges Werk hinterlassen. Seine Kompositionen scheinen Geschichten zu erzählen, doch es gibt wenig Anhaltspunkte dafür, was sich Nielsen bei seiner Musik wohl gedacht haben mag. Jeder Zuhörer muss sich seine eigenen Gedanken machen. Die Motive des dänischen Hof-Komponisten bieten so viele Variationen, dass immer wieder neue Räume eröffnet werden, wie bei einem Schloss mit tausend Zimmern.

Er schöpft aus dem Vollen, baut so viele neue Elemente ein, dass man fast den Eindruck bekommen könnte, es handele sich um verschiedene Stücke, eingestreut in ein großes Gesamtkunstwerk. Aber ganz am Ende – und das soll für die Deutung angeblich eine entscheidende Bedeutung haben – treibt es Nielsen musikalisch dann doch weit hinein in die Romantik, ins Reich der Märchen, Sagen und Legenden, in die Abenteuer-Welt der Helden, Könige und Drachen: „Kirin Winds“ hat den Drachen bestiegen und das Publikum zum Abheben gebracht.

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