Viel Arbeit für Pfarrer Wilhelm Lutz

Lesedauer: 6 Min

Foto von der Schlacht um Verdun.
Foto von der Schlacht um Verdun. (Foto: AFP)
Heinz Surek

Sommer 1918: Nach wochenlanger Trockenheit sorgt Regen im Juni auf der Laichinger Alb für das Gedeihen der Garten- und Feldfrüchte. Auch das Getreide steht gut auf dem Halm, so dass die Ernteaussichten dieses Mal nicht so übel wie in den Jahren zuvor sind. Im Juli fällt die Lindenblütenernte besonders üppig aus, und in den Wäldern erkennt man, dass bald eine gute Ernte an Bucheckern und Eicheln zu erwarten ist. Davor ziehen aber die Schulkinder unter Führung ihrer Lehrer durch die Wälder, sammeln Laub auf und verstauen es in Säcken. Das Laub wird geschrotet und dient als Futterzusatz für Militärpferde. An der Westfront wird immer noch die „Frühjahrsoffensive“ der „Obersten Heeresleitung“ unter der – wie die Kriegspropaganda weismachen will – genialen Leitung der Generäle Hindenburg und Ludendorff durchgeführt.

Und wieder einmal ist das Leid in den Familien unermesslich: So hat Gemeinderat Matthäus Hascher nun auch seinen zweiten und letzten Sohn, Christoph, bei Ypern verloren. Auch Schirmmacher Andreas Schwenk beim „Föllthor“ muss bei der „Frühjahrsoffensive“ den letzten seiner drei Söhne, den Mechaniker Gustav Schwenk, hergeben. Ebenso verlieren Andreas Lecher und Ludwig Stuke aus Suppingen ihre drei Söhne für „Kaiser, Volk und Vaterland“ auf dem „Felde der Ehre“.

Dies bedeutet gleichzeitig viel Arbeit für Pfarrer Wilhelm Lutz, der den trauernden Familien mit Vorstellungen vom „Heldentum im Feindesland“ und Auffassungen vom „Tod fürs Vaterland“, Anstand und Ehre, Trost zu spenden versucht. Dies tut er auch in den wöchentlichen Kriegsbetstunden. Am Sonntag, 23. Juni, wird in der St.-Albans-Kirche ein weiterer Trauergottesdienst für die Opfer der „Frühjahrsoffensive“ abgehalten. Um ihre vaterländische Gesinnung unter Beweis zu stellen, können die Trauernden nach dem Gottesdienst ihr Scherflein für die „Ludendorff-Spende“ abgeben.

Der „Homöopathenhäuptling“

Weshalb man überhaupt in Frankreich, auf dem Balkan, in Mazedonien, in der Bukowina, am nördlichen Eismeer, in Bulgarien und noch vor einem halben Jahr auch in Russland gegen eine „Welt von Feinden“ kämpft und das Vaterland verteidigt, ist den meisten deutschen „Landsern“ nicht mehr zu vermitteln. Die 17- und 18-jährigen Soldaten haben den Beginn des Krieges vor vier Jahren ohnehin nur als Kinder erlebt, und die Älteren erinnern sich noch an den Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, an die Ermordung des österreichischen Thronfolgers und den übereilten Eintritt der Mächte Europas, allen voran des Deutschen Reichs, in diesen Krieg, den man bald – natürlich siegreich – beendigen wollte.

Einer dieser im Sommer 1818 nachdenklichen Soldaten ist der Laichinger Lehrer Eugen Rinker, der spätere Rektor der Volksschule und „Homöopathenhäuptling“ der Mittleren Alb. Er liegt mit seiner Einheit bei dem Dorf La Motte vor Amiens und verfasst ein Stimmungsbild über die Situation im „Feindesland“ – „ein Trockental, ein Steinbruch, ein hübsches Dörflein am Hang gegen den Feind. Der Talhang unsere Brustwehr, der Steinbruch ein Totenfeld, das Dorf ein Schutthaufen. Nur das Kirchlein steht noch – zum Tode wund... Beim Eingang in das Dorf halb verweste Pferdeleichen. Puh! Entsetzlich! Im Dorfe selbst ein Wasserbrunnen. Das Wasser güllefarben; darum und darin verwesende Ratten – Spül- und Waschwasser für deutsche Krieger! Oh, dieser Krieg!“ Wie sich die Bilder gleichen: 26 Jahre später, im Zweiten Weltkrieg, müssen Eugen Rinker und seine Frau Margarete ihre beiden Söhne, Heinrich und Erich, der 19, der andere 24 Jahre alt, für „Führer, Volk und Vaterland“ hergeben.

Um aber im Sommer 1918 den Siegeswillen beim Deutschen Volk nicht zu gefährden, fährt der Laichinger Lehrer Christian August Schnerring schweres literarisches Geschütz auf: Es erscheint sein Dorfroman „Du suchest das Land heim“ im Buchhandel. Darin hat er seine gefälschte „Laichinger Hungerchronik“ literarisch verarbeitet. Es handelt sich nicht um sein bestes Werk, wohl aber um das auflagenstärkste. Gleichwohl obsiegt in Schnerrings Roman das Gute, genauso wie es auch im Weltkrieg anno 1918 geschehen soll. Der „Jud“ wird vernichtet und kann sich nicht mehr erheben. Für Schnerring spielt es keine Rolle, dass im Ersten Weltkrieg über 12 000 deutsche Juden an den Fronten im „Feindesland“ gefallen sind. Es spielt keine Rolle, welch Leistungen jüdische Wissenschaftler, Ärzte, Schriftsteller, Kulturschaffende – man denke nur an Namen wie Karl Marx, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Franz Kafka, Albert Einstein und Sigmund Freud – für die Menschheit erbracht haben. Für Schnerring zählt nur: „Die Juden sind unser Unglück!“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen