Über die frühere wirtschaftliche Rolle der Laichinger Alb

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Am Karfreitag 1744 Mehl gebracht und Korn geladen: Es musste eine Strafe gezahlt werden.
Am Karfreitag 1744 Mehl gebracht und Korn geladen: Es musste eine Strafe gezahlt werden. (Foto: Pleul/dpa)
Stefanie Palm

Wie stand es im 18. Jahrhundert um den Handel auf der Laichinger Alb? Das arbeitet Stefanie Palm in ihrem Text heraus.

Die Ansicht, was als „entlegen“ angesehen wird, hängt bekanntlich vom Betrachtenden ab. Dass die „entlegene Geschichte“ von Laichingen, zumindest für die Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts, nicht entfernt sein musste, zeigt der Reisebericht „Eine Alb-Reise im Jahre 1790 zu Fuß von Tübingen nach Ulm“ von Friedrich August Köhler:

Von Laichingen muß ich noch anmerken, daß dieser Marktflek, der auch noch ins Oberamt Urach gehört, [...] und wegen seines reichen Heiligen oder Pii corporis, [...] allgemein bekannt ist. Sein Capital Fonds beträgt [...] 30,000. Gulden. Also betragen seine Einkünfte an Zinsen alleine 1500. Gulden.

Kircheburg unterstreicht zentrale Rolle

Laichingen geht auf eine frühe alemannische Siedlung des vierten bis sechsten Jahrhunderts zurück, deren Mittelpunkt mehrere Hülen bildeten. Es war Mittelpunktsort für die umgebenden, zum Teil jüngeren Orte Machtolsheim, Suppingen, Feldstetten, Westerheim und Hohenstadt sowie einige abgegangene Siedlungen.

Auf die zentrale Stellung des Ortes für die umliegenden Dörfer deutet auch die Kirche St. Alban mit der Kirchenburg hin, erbaut ab 1555, sowie das große Areal der Maierhöfe. Die Kirche wird zum ersten Mal in den Quellen im Zusammenhang mit der Ausstattung des neu gegründeten Klosters Blaubeuren durch die Pfalzgrafen von Tübingen nach 1085 erwähnt. Von den Laichinger Pfarrern wurden die Filialorte Suppingen (bis 1481), Sontheim (bis 1534) und Feldstetten (bis 1453) versorgt. 1534 wurde die Reformation eingeführt.

Grafen erwirken Stadtrecht für ihr Dorf

Um ihre Herrschaft sowohl gegen die Reichsstadt Ulm als auch gegen die Helfensteiner auszubauen, erwirkten die Grafen von Württemberg 1373 von Kaiser Karl IV. das Stadtrecht für ihr Dorf Laichingen, das bis auf das Marktrecht nie umgesetzt wurde. Der Ort behielt jedoch seine herausgehobene Stellung als Flecken. Deutlich wird diese Sonderstellung anhand der Wirtschaftskraft: In der gräflichen Steuerliste von 1448 erreichte Laichingen hinter den Orten Urach, Metzingen, Pfullingen und Dettingen den fünften Platz. Dieser relative Wohlstand beruhte auf einer höheren Arbeitsleistung im Vergleich zum Unterland.

Zusammen mit Feldstetten und Sontheim bildete Laichingen von 1556 bis 1808 ein eigenes Unteramt innerhalb des Oberamtes Urach. Schon 1536 war ein herzogliches Amtshaus erbaut worden, das 1598 von der Gemeinde erworben und als Rathaus und Speicher diente.

Kleine Handelsstraße wird gesperrt

In wirtschaftlicher Hinsicht spielte die Reichsstadt Ulm für den Handel mit Flachs und Leinwand eine herausragende Rolle. Laichingen lag zwar nicht direkt an der großen Handelsstraße zwischen Ulm und Urach, die über Feldstetten und Blaubeuren verlief, aber es gab eine kleine Straße für den Verkehr, die direkt von Laichingen über Berghülen ins Donautal führte. Die Straße von Ulm nach Straßburg (heutige B 28) war im 15. Jahrhundert zweigeteilt. Die kleinere, für Laichingen direkte Straße wurde 1557 für den Handel gesperrt.

Um nach Ulm zu gelangen, war nur noch die Nutzung der Straße über Suppingen und den württembergischen Grenzort Blaubeuren erlaubt. Dies bedeutete einen erheblichen Umweg und war mit Kosten verbunden, da der Hin- und Rückweg nicht mehr an einem Tag zu bewältigen war und in Blaubeuren übernachtet werden musste.

Laichinger handelten auch sonntags

Und die Laichinger handelten gerne und dies taten sie zum Unmut der Obrigkeit auch am Sonntag, was einem Frevel gleichkam. Die Sonn- und Feiertagsheiligung musste unbedingt eingehalten werden, sonst drohte der Zorn Gottes für die ganze Gemeinde und man arbeitete doch im Kirchenkonvent an der wehrten christl: Gemeinde zu Laichingen Cultivierung und Aufnahm, auch Besserung in Civilen so wohl alß christl. Dingen.

Also hatte der Kirchenkonvent hier einiges zu tun. Wirtschaftliche Interessen standen im Vordergrund, wenn an Sonn- und Feiertagen gearbeitet wurde, wenn Vieh verkauft und Mehl verladen wurde. So hatte 1731 Christina Widmann mit ihrem Ehemann vor dem Konvent zu erscheinen, weil sie angezeigt worden war, am Sonntag in andere Orte zu gehen und dort zu handeln. Da sie schon einmal da war, wurde auch noch gleich ihr böser Umgang mit ihrem alten Vater verhandelt. Sie wurde mit der Drohung ermahnt, dass ihr bei einer Wiederholung eine offentliche Schande vor der Kirche angethan werde.

Deftige Geldstrafen, wenn man sonntags handelte

Peter Schmid bekam 1743 eine Strafe dafür, dass er während eines Gottesdienstes Kraut verarbeitet hatte. Die Strafe durfte er als Haftstrafe verbüßen, da er ein armer Mann war. Am Karfreitag 1744 hatten doch tatsächlich drei Müller aus Blaubeuren Mehl gebracht und Korn geladen. Dafür hatten sie zusammen über 100 Kreuzer in den Armenkasten (Gelder für die Armen) zu zahlen. Die Laichinger, die beteiligt waren, erhielten auch Strafen – gestaffelt nach Mithilfe beim Ab- oder/und Aufladen – sechs oder zehn Kreuzer.

Der Gerichtsverwandte, also der Kirchenkonventsrichter Jakob Kölle hatte an einem Sonntag 1755 ein Pferd verkauft. Dafür musste er ein Pfund Heller in den Armenkasten bezahlen. Bei einer Witwe, die Gleiches am Karfreitag tat, wurde ein paar Wochen später nur die Hälfte der Summe veranschlagt.

Sonntagsheiligung gilt auch im 18. Jahrhundert

Ebenfalls an einem Karfreitag, dieses Mal 1755, gab es Ärger. Zwei Müller, Johannes Pulver Müller und Johannes Zimmermann aus dem katholischen Wiesensteig waren in den Flecken gefahren und hatten Mehl gebracht. Abermals halfen einige Laichinger beim Ab- und Aufladen mit neuem Korn. Auch hier durfte der Armenkasten von den Beteiligten bedacht werden. 1756 konnte im Gegensatz zum Ende des Jahrhunderts, als Rohstoffknappheit herrschte, noch Schneller (Flachs-Garn), aus Laichingen exportiert werden. Die Küfer, vermutlich zwei in Laichingen, transportierten das Garn neben ihren Fässern nach Blaubeuren. Und die Weber, die das Garn herstellten, brachten es den Küfern am Sonntag, zum Teil schon am Vormittag während des Gottesdienstes. Deshalb wurde am 17. Oktober von der Kanzel verkündet, dass in Futurum die Weber ihre Schneller am Samstag denen Küferleuth überbringen sollten. Ansonsten wollte man beide zur Straffe ziehen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden allgemein fast keine Fälle mehr aus dem Bereich der Sonntagsentheiligung verhandelt. Die Aufgabengebiete hatten sich zur Sozialfürsorge hin verschoben. Zwei Phänomene, die in engem Zusammenhang stehen, bildeten den Hintergrund dafür. Zum einen hatte die Obrigkeit angesichts der sich nicht einstellenden Disziplinierungserfolge an einigen Stellen resigniert. Zum anderen zog sie sich im Zuge der Säkularisierung mehr und mehr aus dem Lebensraum, dem „Alltag“ ihrer Untertanen zurück.

Die Autorin

Stefanie Palm, Jahrgang 1974, ist in Laichingen geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur am Albert-Schweitzer-Gymnasium absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Buchbinderin im Handwerk, bevor sie in Tübingen und München Geschichtliche Landeskunde auf Magister studiert hat. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über den Laichinger Kirchenkonvent im 18. Jahrhundert. Weitere wissenschaftliche Publikationen zu dem Thema folgten.

Seit Oktober 2019 arbeitet sie im Archiv der evangelischen Landeskirche in Möhringen. Dort sind die älteren Kirchenbücher des Evangelischen Pfarramts Laichingen unter der Bestandsbezeichnung LKAS Pfarrarchiv Laichingen zu finden.

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