Trauerbegleiter spricht über die Lust am Leben

Lesedauer: 4 Min
 Albert Rau gut gelaunt beim Männervesper in Machtolsheim.
Albert Rau gut gelaunt beim Männervesper in Machtolsheim. (Foto: Pöhler)
Schwäbische Zeitung

80 Männer waren gekommen zum Männervesper in Machtolsheim am vergangenen Freitag. Als Referent war Albert Rau zu Gast. Er ist Klinikseelsorger und Trauerbegleiter und seit 2002 an der Universitätsklinik Ulm tätig.

Der Referent berichtete zu Beginn seines Vortrags über seine persönlichen Erfahrungen mit schwerer Krankheit. So habe er als Kind an schwerer Epilepsie gelitten und eine Tuberkuloseerkrankung überstanden. Seit 30 Jahre betreue er Menschen in Kliniken, dabei treffe er immer wieder Männer, die vorher nie ernsthaft krank gewesen seien. Rau stellte sich und den Zuhörern laut Mitteilung die Frage, ob es denn gut sei, wenn man 45 Jahre immer ohne Unterbrechung funktioniere. Der Mensch sei keine Maschine. Zum Leben gehörten aber auch Unterbrechungen wie Krankheit oder Krisen. Wichtig sei es, sich darauf einlassen zu können. Krankheit bedeute die Auseinandersetzung mit dem körperlichen und dem seelischen Befinden und deren Ursache.

Sein Referat stand unter dem Thema „Lebenskrise und Krankheit als Chance – Warum es Männern schwer fällt, sich unterbrechen zu lassen“.

Verweis auf Psalm 38

Albert Rau schilderte verschiedene beeindruckende Erlebnisse und nahm die Zuhörer mit auf eine Reise, die Angst, Ohnmacht, Hilflosigkeit und Einsamkeit, aber auch Kraft und Hoffnung widerspiegelte. Das Seelenleben eines Menschen in diesen Situationen beschreibe anschaulich der mehr als 2000 Jahre alte Text aus Psalm 38, so Rau.

Häufiger Wunsch von Angehörigen sei es, dass er für die Kranken bete. Zunehmend tue er dies für Personen, die ohne Glauben aufgewachsen seien oder diesen verloren hätten und dennoch ein Verlangen nach Gott haben. In Notsituationen sei es Teil seiner Arbeit, dass Angehörige so gut wie möglich Abschied nehmen können und so den Sterbenden bewusst loslassen und Gott übergeben.

Woher aber nimmt er selbst seine Kraft?

Jeder brauche Auszeiten, Zeit um zur Ruhe zu kommen, Kraft zu schöpfen, die belastenden Situationen loszulassen. Bei seinen Bergtouren könne er beim Blick nach unten und nach oben und im Gespräch mit Gott Kraft tanken, sagte Rau.

Die Wirklichkeit von Krankheit und Lebenskrisen könnten wir nicht ändern. So sehr wir Gott auch anklagen wollen. Es gehe darum, „unser Leben neu zu sehen“ und die Lebenswirklichkeit zu akzeptieren – oder daran zu scheitern. Als Beispiel führte Rau Samuel Koch an, der lernen musste, mit seiner Querschnittslähmung weiterzuleben, das Beste daraus zu machen. Krankheiten und Lebenskrisen seien nichts Fremdes, nichts Böses, sondern Teil unseres Lebens. Sie gehörten zu uns, „wie Luft, Sonne und Wind“. Es folgte eine Fragerunde, an den Tischen wurde noch lange diskutiert.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen