Tauschhandel am „Nordbahnhof“

Lesedauer: 4 Min

Quer durch die Laichinger Alb verlief die Zonengrenze der Besatzer nach dem Zweiten Weltkrieg. Laichingen gehörte zur französis
Quer durch die Laichinger Alb verlief die Zonengrenze der Besatzer nach dem Zweiten Weltkrieg. Laichingen gehörte zur französischen und Machtolsheim zur amerikanischen Zone. (Foto: grs)
Gabriele Reulen-Surek

Beim Vortragsabend des Geschichtsvereins Laichingen über Nachkriegszeit und Währungsreform (wir berichteten) wusste Siegfried Frank mit Geschichten aufzuwarten, welche aufzeigten, wie die Bewohner Laichingens mit Witz und Verstand viele Widrigkeiten des täglichen Lebens unter der französischen Besatzungsmacht vor der Währungsreform bewältigten. Laichingen als Grenzort befand sich in einer schwierigen Lage.

Die Grenze zwischen französischer Zone, zu der Laichingen gehörte, und amerikanischer Zone verlief zwischen Laichingen und Machtolsheim. Um in die andere Zone zu gelangen, brauchte man einen Passierschein. Ein Grenzhäuschen befand sich am Ortsausgang von Laichingen. Landwirte, deren Felder im grenznahen Gebiet lagen, benötigten eine Sondergenehmigung für die Bewirtschaftung.

Warenverkehr sehr eingeschränkt

Warenverkehr war unter diesen Bedingungen nur sehr eingeschränkt möglich. So kamen die Einwohner auf die pfiffige Idee, Handel über die „Grüne Grenze“ zu betreiben. Hauptumschlagsplatz war die unter dem Geheimwort „Nordbahnhof“ bekannte Gemarkung „Au“ zwischen Machtolsheim und Hohenstadt. Dass 70 Jahre später hier eine ICE-Trasse gebaut und in der Nähe sogar ein Bahnhof angelegt würde, konnte man damals nicht ahnen.

Ein größerer Austausch fand zum Beispiel anlässlich des 50er-Fests des Jahrgangs 1898 im Jahre 1948 statt. Für Fleisch konnte ein ortsansässiger Metzger sorgen, der dem Jahrgang angehörte. Aber woher Wein nehmen? Zwei Angehörige einer Laichinger Firma mit Beziehungen ins Unterland konnten zwei Fässchen Wein vermitteln im Austausch gegen einen Wagen Stroh. Der Tauschhandel fand am „Nordbahnhof“ in aller Heimlichkeit statt, und die Jubilare genossen dankbar den selten gewordenen Wein.

Sportgemeinschaft ohne Bälle

Wie schwierig das Zurückerlangen der Normalität unter diesen Bedingungen war, illustrierte Siegfried Frank mit einem weiteren Beispiel. Da in der Besatzungszeit alles von den französischen Besatzern geregelt wurde, durften auch Vereine nur mit deren Genehmigung gegründet werden. Als einer der ersten wurde 1946 die „Sportgemeinschaft Laichingen“, der Vorläufer des späteren TSV, gegründet. Nun fehlten aber Bälle. Ein umwegiger Tauschhandel wurde anvisiert.

Bucheckern zu Öl

Die Vereinsmitglieder sammelten Bucheckern, welche zu kostbarem Öl gepresst wurden. Danach versteckte man das Öl im Wald Asum. Nun fuhr ein Auto zur Grenze am Laichinger Ortsausgang, wo der Wagen definitiv leer war und die entsprechende Genehmigung erhielt. Von Machtolsheim ging es über die Grüne Grenze zurück nach Asum, wo das Öl eingeladen wurde.

In Augsburg wurde das Öl gegen Leder eingetauscht und schließlich in Illertissen das Leder gegen Hand- und Fußbälle. Zurück wurde der umgekehrte Weg genommen: Von Machtolsheim brachte man die Bälle in den Wald Asum, passierte die offizielle Grenze dann wieder ohne Waren und holte von Laichingen aus die Bälle heim.

Siegfried Frank zeichnete mit diesen Beispielen, die er von Zeitzeugen erzählt bekommen hatte, ein lebendiges Bild der Lebensumstände der Laichinger Bevölkerung in den ersten Nachkriegsjahren.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen