Laichingen vor 100 Jahren: So war das damals kurz nach dem Weltkrieg

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 Auf dem Laichinger Friedhof ruhen Soldaten, die in Lazaretten verstorben sind und dann in die Heimat überführt wurden, aber auc
Auf dem Laichinger Friedhof ruhen Soldaten, die in Lazaretten verstorben sind und dann in die Heimat überführt wurden, aber auch Kriegsteilnehmer, die im Oktober 1918 auf „Heimaturlaub“ waren und an der spanischen Grippe starben. (Foto: sur)
Heinz Surek

Laichingen im Dezember vor 100 Jahren: Der Weltkrieg ist vorbei. Das Leid aber längst noch nicht. Nach und nach kommt Neues ans Licht.

An allen Fronten dieses barbarischen Krieges, der ausschließlich im „Feindesland“ geführt wurde, schweigen die Waffen. Der aus Buttenhausen im Lautertal stammende Zentrumspolitiker Matthias Erzberger hat im Wald von Compiegne den Waffenstillstand unterschrieben, was eigentlich die Aufgabe der „Obersten Heeresleitung“, nämlich der Generäle Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff gewesen wäre. Zum letzten Mal versammelt sich die evangelische Laichinger Kirchengemeinde am Donnerstag, 14. November, zur Kriegsbetstunde in der St.-Albans-Kirche. Nun wird aber nicht mehr für den Sieg der deutschen Waffen gebetet, sondern um einen Ausweg aus dem angerichteten Chaos und dem unermesslichen Leid, das über die Familien gekommen ist. Und so spricht der neue Pfarrer, Otto Sauter, über Hosea 6, Vers 1: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn. Er hat uns zerrissen, er wird uns auch wieder verbinden.“

Die Gemeinde erreichen weiterhin Todesmeldungen von den Fronten. Am Totensonntag, 24. November, findet der letzte Trauergottesdienst für die im Oktober und November gefallenen oder an der Grippe verstorbenen Soldaten statt. Es sind dies: Karl Lamparter, Johannes Maier, Andreas Mangold, Johann Georg Müller, Hans Salzmann und Christian Schwenk. Einen indessen hat Pfarrer Sauter „übersehen“: Im Lazarett Schwäbisch Gmünd ist am 13. November 1918 Johannes Schwenk seinen Kriegsverletzungen erlegen, und damit ist er der letzte Laichinger Gefallene des Ersten Weltkriegs. Er wird in heimatlicher Erde bestattet. 20 Soldaten gelten noch als vermisst, 31 befinden sich in amerikanischer, englischer oder französischer Gefangenschaft. Einige von ihnen werden erst im Frühjahr 1920 entlassen.

„Waren die einzigen von der Alb“

Über den „Heldentod“ des Laichinger Leinwandhändlers Johann Georg Müller berichtet sein Kriegskamerad, der jüdische Pferdehändler Moritz Levi aus Buttenhausen. In einem Brief an die junge Witwe, Christine Müller, geb. Gerstenmaier, mit ihren zwei Kindern schreibt er: „Ihr geliebter Mann ist gestern früh zwischen drei und vier Uhr, nachdem er eine Stunde vorher mit seinem Gespanne und einem Begleitsmanne unseren Biwakplatz verließ, um Munition in Stellung zu fahren, mit seinem Begleitsmann von einer feindlichen Granate getroffen und getötet worden, d.h. er starb, wie ich mir von den Kameraden erzählen ließ, nach zehn Minuten, ohne nochmals zum Bewußtsein gekommen zu sein. Meine Beziehungen zu Ihrem seligen Manne waren stets freundschaftliche; wir waren die einzigen von der Alb und hielten schon aus diesem Grunde freundschaftlich zueinander. Er erzählte mir von den vielen Todesfällen in Laichingen und klagte auch über Bauchschmerzen. Ich wollte ihn veranlassen, sich krank zu melden. Zu dem hatte er aber gar keine Lust, denn er hoffte immer, der Krieg gehe bald zu Ende und dann komme er ja nach Hause. Leider war es ihm nicht vergönnt und so musste er hier heraußen sein Leben lassen.“

Zu den heimkehrenden Soldaten gehören auch die Ärzte Dr. Glass und Dr. Mächtle. Sie finden sofort wieder Arbeit. Für die anderen muss die Gemeinde eine geeignete Beschäftigung finden, und so beschließen die bürgerlichen Kollegien, Gemeinderat und Bürgerausschuss, unter der Leitung von Gemeinderat Johannes Mangold Notstandsarbeiten für die Heimkehrer: Sie sollen im Gemeindewald 1600 Festmeter Holz schlagen, im Steinbruch arbeiten, Straßen ausbessern und dergleichen mehr tun.

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