„Laichingen damals... wie Kalkutta heute“

Lesedauer: 6 Min
 Petra Durst-Benning im Gespräch mit einer Zuhörerin ihrer Lesung.
Petra Durst-Benning im Gespräch mit einer Zuhörerin ihrer Lesung. (Foto: König)
Schwäbische Zeitung

Petra Durst-Benning; „Die Wanderphotographin“, erschienen 2018 im Verlag Blanvalet München, auszuleihen auch in der Stadtbücherei, so Büchereileiterin Marion König.

„Sie müssen sich die Lebensumstände in Laichingen vorstellen – grade mal 100 Jahre her...“ Die schöne Laichinger Stadtbücherei war am Sonntag restlos gefüllt zur Lesung von Petra Durst-Benning, einer bekannten süddeutschen Autorin für historische Romane. Ihr Lieblingsprotagonist: selbstbestimmte Frauen, die unterschiedlichen Berufen nachgehen. Ihre Werke erreichten eine Auflage von mehr als 2,5 Millionen Bücher, in viele Sprachen übersetzt, und auch in Amerika gut verkauft. Das Besondere diesmal: Ihr neuer Roman „Die Wanderphotographin“ spielt in Laichingen.

Gleich zu Beginn erklärte Petra Durst-Benning, wie sie zu ihrer Leidenschaft für historische Romane kam: Ihre Eltern hatten in Kirchheim/Teck ein Antiquitätengeschäft mit An-und Verkauf. Besonders hatten es ihr „alte Photographien“ angetan. Grundlage ihrer Bücher sind gründliche Vor-Ort-Recherchen: „Nur, wenn ich eine Stadt oder ein Dorf mit eigenen Augen sehe, wenn ich die Jahreszeiten einer Landschaft erlebe, wenn ich mit den ansässigen Menschen spreche, ihnen beim Erzählen zuhöre, nur dann kann ich einen Ort lebendig werden lassen.“

Die Magd wurde zur Dame

Für ihr neues Buch hat sich Durst-Benning mit der „Photographie“ beschäftigt, die eine bahnbrechende Erfindung war – davor gab es nur kostspielige „Porträts in Öl“. Fotografiert wurde nur zu bestimmten Anlässen wie Geburten, Konfirmation oder Hochzeit. Unterhaltungscharakter hatte der Gang ins „Photostudio“, da unter zahlreichen Requisiten ausgewählt werden konnte: „Die Magd konnte sich zur feinen Dame verwandeln, der gehbehinderte Knecht zum feschen Matrosen.“ Träume wurden wahr.

Protagonistin im Roman „Die Wanderphotographin“ ist Minna Reventlow: Pfarrerstochter, die – außergewöhnlich für ihre Zeit – Abitur hat, was damals nicht möglich war in Württemberg, jedoch bei der Tante in Berlin. Dann absolviert sie eine Ausbildung zur Photographin, einer bis dato klassischen Männerdomäne. Sie arbeitet als moderne „Wander“-Photographin gastweise in Photoateliers deutschlandweit.

Petra Durst-Benning las zunächst eine Passage, in der Minna den Heiratsantrag eines Vikars ausschlägt. Minütiös und feinsinnig schildert die Autorin darin die inneren Beweggründe und Gefühle der jungen Frau. Ihr gelingen dabei sehr treffende Personencharakterisierungen und das Erzeugen einer durchgehenden Spannung im Handlungsverlauf.

Dann wurde die zweite Hauptfigur eingeführt. Evelyn, die in Laichingen lebt als Frau eines Leinenwebers, mit drei Kindern und einem Neugeborenen – das auf Anraten der Hebamme seinen Namen erst erhalten soll, wenn es die ersten die Monate überlebt hat. „Bis 1870 starb die Hälfte der in Laichingen geborenen Kinder in den ersten Lebensmonaten“, berichtete die Autorin von ihrer Recherche im 700 Seiten-Buch des Historikers Hans Medick, der einer Quelle zufolge „bei den Laichingern einen tiefgehenden Mangel an Liebe zu Kindern“ feststellte. Durst-Benning vermutet eher einen „Schutzmechanismus der Mütter“.

Die Autorin lässt die Figur Evelyn aus wohlhabenderen, gebildeteren städtischen Verhältnissen durch Heirat nach Laichingen gelangen, wo sie aber eine „Rei’gschmeckte“ bleibt. Der literarisch inszenierte Vergleich ermöglicht einen krassen Blick auf die damals herrschende Lebenssituation in Laichingen, gekennzeichnet von Armut, Hunger, auszehrender Arbeit in der Weber-„Dunk“, Kargheit der Worte. „Sie müssen sich die Lebensumstände in Laichingen vorstellen wie die heute in Kalkutta, grad mal 100 Jahre her“, erläuterte Durst-Benning den aufmerksamen (meist weiblichen) Zuhörern.

Noch vier Bände folgen

Vier weitere Bände sollen der „ Wanderphotographin“ noch folgen, der zweite erscheint im April 2019. Ihre Lesereise wird durch ganz Deutschland führen und sei bereits ausgebucht. „Ob sie das Ende der Reihe schon kenne?“ wurde Petra Durst-Benning bei der anschließenden Fragerunde gefragt. Sie bejahte entschieden und schilderte den Herstellungsprozess der Romane, den Entwurf der Charaktere („die Figuren müssen zusammenpassen wie in einem Orchester“), die Namensgebung und, wie sich Sichtweisen von Protagonisten ändern. Der „rote Faden ihrer Bücher“ sei eigentlich immer, aufzuzeigen, dass „das einzig Konstante die Veränderung ist“ – im persönlichen Leben genauso wie in der gesellschaftlich-technischen Entwicklung. In ihrem neuen Buch will sie dies am Beispiel der „Photographie“ aufzeigen.

Veranstalter waren die Stadtbücherei, die Buchhandlung Aegis (die einen Rekordabsatz der Bücher verzeichnen konnte, fast jede Zuhörerin kaufte ein Exemplar) und die VHS.

Petra Durst-Benning; „Die Wanderphotographin“, erschienen 2018 im Verlag Blanvalet München, auszuleihen auch in der Stadtbücherei, so Büchereileiterin Marion König.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen