Häberle über die Proteste der 68er: „Veränderung braucht Engagement“

Lesedauer: 9 Min
Schwäbische Zeitung

Professor Dr. Siegfried Häberle ist in Laichingen durch den mit seiner Frau Ruth gemeinsam errichteten „Häberle-Fonds“ bekannt. Auch er hat 1968 studiert und die Studentenproteste miterlebt. Unsere Mitarbeiterin Gabriele Reulen-Surek stellt seine Gedanken im folgenden Interview vor.

Herr Professor Häberle, wie haben Sie die Proteste der 68er-Studenten erlebt?

Ich habe mit dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Tübingen im Sommersemester 1968 begonnen, also zeitgleich mit dem Beginn der Studentenproteste. Gemessen an den Protesten an anderen Universitäten hielten sich die Aktionen der Tübinger Studenten in Grenzen. Anfänglich begnügten sich die Studenten mit dem Verteilen von Flugblättern und mit kleinen Kundgebungen. Später haben die Studenten einige Male versucht, Vorlesungen der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, an der ich studierte, in Diskussionsforen umzuwidmen, um ihre Ziele und Thesen vorzustellen und zu diskutieren. Gewaltausschreitungen habe ich nicht erlebt.

Welche Ziele hatten die Studenten?

Zum einen wollten die Studenten die Strukturen der Universitäten, die aus ihrer Sicht veraltet und verkrustet waren, aufbrechen. Zum anderen richtete sich der Protest gegen das gesellschaftliche System, insbesondere gegen die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse.

Haben Sie an Protesten teilgenommen?

Ich hatte gerade mit dem Studium begonnen und weder nennenswerte Erfahrungen mit der Organisation und den Strukturen an Universitäten, noch hatte ich mich bislang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandergesetzt. Mit der Teilnahme an Protesten hätte ich mich ungeprüft und unkritisch zum Mitläufer gemacht. Außerdem hatte ich gerade das Abitur neben dem Beruf nachgeholt. Ich wollte mich möglichst schnell dem Studium widmen.

Welche Reaktionen hat die Protestbewegung der Studenten bei Ihnen hervorgerufen?

Bei den bereits angesprochenen Versuchen der protestierenden Studenten, Vorlesungen in Diskussionsforen umzuwidmen, hat sich rasch herausgestellt, dass die angekündigte Diskussion ihrer Ziele und Thesen unerwünscht ist. Die Sprecher der protestierenden Studenten, die nicht der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät angehörten, verkündeten unter Beifall ihrer mitgebrachten Kommilitonen ihre Thesen zur Veränderung des bestehenden Gesellschaftssystems hin zu einem sozialistischen, beziehungsweise kommunistischen System – Thesen, die mich und einige meiner Studienfreunde zum Widerspruch anregten. Gestützt auf meine mehrjährige Bankpraxis habe ich versucht, diesen realitätsfremden, um nicht zu sagen illusorischen Thesen mit tragfähigen Argumenten diskussionsweise zu begegnen – ein erfolgloses Unterfangen, denn diese Studenten waren geradezu fanatisch von ihren unausgegorenen Ideen überzeugt.

Hatte der Studentenprotest gegen das wirtschaftliche System Erfolg?

Einige Studentengruppen wollten das aus ihrer Sicht profitgierige kapitalistische System nach kommunistischem Vorbild durch einen Arbeiterstaat ersetzen. Die Unternehmer und die Unternehmen wurden als Ausbeuter angeprangert. Dass Betriebe Arbeitsplätze schaffen, dass sie mit ihren Produkten, mit ihrer Innovationskraft und mit ihren Steuerzahlungen maßgeblich zum Wohlstand beitragen, wurde ignoriert. Die von den Studenten erhoffte Mobilisierung der Arbeiterklasse ist allerdings ausgeblieben. Das lag daran, dass sich die Arbeiterschaft keineswegs ausgebeutet sah, dass ihre Interessen bereits von den Gewerkschaften vertreten wurden und dass es viele Arbeitnehmer zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatten.

Was spricht aus Ihrer Sicht gegen den Kommunismus als Wirtschaftssystem?

Der Kommunismus läuft mit seiner schwerfälligen Planwirtschaft Gefahr, die Bedürfnisse der Menschen und der Betriebe zu verfehlen. Dagegen erheben die Unternehmen in einer Marktwirtschaft den Bedarf ihrer Kunden, sie passen sich aus eigenem Interesse nicht nur den Änderungen an, sie versuchen mit ihrer Marktforschung auch künftige Bedürfnisse zu erkennen. Hinzu kommt, dass die westdeutsche Bevölkerung das kommunistische System der Sowjetunion und der DDR vor Augen hatte und nicht bereit war, ein gleichartiges System zu akzeptieren.

Sind wenigstens Teilerfolge zur Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse erzielt worden?

Der Staat hat meines Erachtens in die Marktwirtschaft insoweit lenkend eingegriffen und dafür gesorgt, dass mit dem Gewinnstreben der Unternehmen eine ausgeprägte soziale Komponente einhergeht, also eine Soziale Marktwirtschaft im besten Wortsinne besteht und laufend fortentwickelt wird. Ich kann mir vorstellen, dass die oben skizzierten gesellschaftlichen Denkanstöße der dem Sozialismus, beziehungsweise dem Kommunismus nahestehenden Studenten zumindest auf längere Sicht Einfluss auf diese soziale Komponente der Marktwirtschaft hatten. Diese Überlegung wird auch getragen von der Beobachtung, dass viele 68er-Studenten den „Marsch durch die Institutionen“ angetreten haben. Sie haben erkannt, dass ihnen eine politische und wirtschaftliche Revolution trotz aller Proteste nicht gelingt. Viele haben sich ernüchtert ihrem Studium zugewandt und beim Staat oder in der Wirtschaft Karriere gemacht, also den „Marsch durch die Institution“ erfolgreich beschritten. Auf diesem Weg ist es ihnen gelungen, einige ihrer gesellschaftlichen und sozialen Ideen zur Fortentwicklung unserer Gesellschaft einzubringen.

Haben Sie von der Studentenbewegung profitiert?

Ich habe in zweifacher Hinsicht profitiert. Erstens habe ich im Rahmen meiner späteren beruflichen Tätigkeit als Professor manche der Ideen und Denkanstöße der 68er aufgegriffen und reflektierend auf die bestehenden Strukturen übertragen. Zweitens habe ich gelernt, dass man sich engagieren muss, wenn man überzeugt ist, dass Veränderungen notwendig sind. Davon sollte man sich auch nicht abhalten lassen, wenn die Widerstände zunächst unüberwindbar erscheinen.

Ein Beispiel ein?

Vor mehreren Jahrzehnten habe ich in Reutlingen eine Bürgerinitiative gegen die Errichtung einer Müllverbrennungsanlage gegründet, die nur wenige Kilometer vom Stadtrand entfernt geplant war. Müllverbrennungsanlagen waren noch nicht erprobt und es bestand die Gefahr, dass nicht nur die Neubausiedlung, in der ich wohnte, sondern die ganze Stadt einer erheblichen Feinstaubbelastung ausgesetzt sein würde. Um sachbezogene Argumente zu gewinnen, bat ich einen umweltbewussten Physiker, in der Initiative mitzumachen. Auf dieser Grundlage konnten eine kompetente und gute Öffentlichkeitsarbeit und Unterschriftenaktionen mit Übergabe der Unterschriftenlisten an den Oberbürgermeister durchgeführt sowie Versammlungen abgehalten werden. Später gelang es, die Stadtverwaltung von der Problematik zu überzeugen. Als Sprecher der Bürgerinitiative nahm mich der OB zu einem Gespräch mit dem seinerzeitigen Fraktionsvorsitzenden der CDU und späteren Ministerpräsidenten Erwin Teufel in den Landtag mit. Ergebnis: Die Müllverbrennungsanlage wurde nicht im Westen der Stadt gebaut, sondern bei Tübingen, wo sie nach kurzer Zeit wegen gravierender Mängel außer Betrieb genommen werden musste.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen