Gegen das Vergessen der „Vernichtung durch Arbeit“

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KZ-Häftlinge auf einem der Todesmärsche im April 1945: Hunderte Gefangene kamen dabei ums Leben. Überlebende der „Wüste“-Lager
KZ-Häftlinge auf einem der Todesmärsche im April 1945: Hunderte Gefangene kamen dabei ums Leben. Überlebende der „Wüste“-Lager auf der Schwäbsichen Alb versteckten sich auch in der Region – mit Hilfe der Bevölkerung. (Foto: KZ-Gedenkstätte Dachau/USHMM Photo Archives)
Heinz Surek

Zu einer unter die Haut gehenden Veranstaltung über die „Todesmärsche aus den ,Wüste’-Lagern und dem Spaichinger KZ-Außenlager in Richtung Bodenseevorland und Alpen im April 1945“ hatte der Geschichtsverein Laichinger Alb eingeladen. Vorsitzender Heinz Pfefferle begrüßte am Montag im großen Rössle-Saal eine stattliche Besucherzahl und Gertrud Graf und Eugen Michelberger als Referenten, die von Wolpertswende (Kreis Ravensburg) nach Laichingen angereist waren und die seit fünf Jahren mit akribischem Fleiß dieses bislang weitgehend unbekannte Kapitel der Nazi-Diktatur erforschen.

Auch der Laichinger Geschichtsverein befasse sich seit 2015 mit diesem Thema, führte der Vorsitzende aus. So habe der ehemalige Suppinger Ortsvorsteher Ernst Baisch ältere Mitbürger als Zeitzeugen aufgespürt, die im Dezember 2015 in Laichingen über 180 jüdische Frauen aus dem KZ Calw berichteten, die auf ihrem Todesmarsch in südöstlicher Richtung in Suppingen Halt machten und vom 10. auf den 11. April 1945 in der Zehntscheuer untergebracht waren.

Gertrud Graf und Eugen Michelberger haben in den vergangenen Jahren zu den Todes-Märschen aus den so genannten „Wüste“-Lagern recherchiert, die verschiedenen Marschwege rekonstruiert, und sie sind in den einzelnen Gemeinden und Städten von Haus zu Haus gegangen, um Zeitzeugen aufzuspüren – sie wurden fündig. Hunderte von Augenzeugenberichte sind registriert worden, und nach und nach entstand ein Bild jener chaotischer Tage im letzten Kriegsmonat, in dem noch einmal so viel nicht zu beschreibendes Leid und Elend herrschte. Unterstützt wurden sie bei ihrem Projekt von der Landeszentrale für politische Bildung.

Bei den „Wüste“-Lagern handelt es sich um sieben KZs zwischen Hechingen und Spaichingen, die heute fast in Vergessenheit geraten sind und selbst in der Fachliteratur nur selten erwähnt werden. Sie lagen in dünn besiedelten „Wüsteneien“ – in verlassenen Gebieten, in denen es aber Ölschiefervorkommen gab. In diesen Lagern wurden vor allem Widerstandskämpfer aus den von Deutschland besetzten Gebieten, etwa aus Frankreich, Belgien, Luxemburg, Polen, Jugoslawien und anderen Ländern beim Ölschieferabbau eingesetzt. Diese Häftlinge wurden besonders hart behandelt und zu Tode geschunden. „Vernichtung durch Arbeit“, lautete der Slogan bei den SS-Schergen.

Im April 1945 näherten sich die französische Armee von Westen und die amerikanische von Norden der Gegend zwischen Alb und Schwarzwald. Kein KZ-Häftling sollte den Alliierten in die Hände fallen. Also „musste“ man sie umbringen oder wegführen; und so machten sich die Häftlingskolonnen der Lager in Schörzingen, Schömberg, Bisingen, Frommern, Erzingen, Dormettingen, Dautmergen, Schörzingen und Spaichingen, begleitet von SS-Wachmännern, in südöstlicher Richtung auf den Weg. Die Kolonnen bestanden aus 600 bis 1000 Elendsgestalten. Marschiert wurde nachts, tagsüber versteckte man sich wegen der alliierten Luftangriffe in Wäldern oder den Scheuern der Bauern. Die Verpflegung war karg; es gibt Berichte von Überlebenden, dass Häftlinge Gras und Baumrinde aßen und den eigenen Urin tranken.

Fanatisierte Hitlerjungen

Schlimmes spielte sich in einzelnen Orten auf der Strecke ab. Augenzeugen aus Riedlingen, Ehingen, Biberach, Ostrach, Bad Waldsee und anderen Orten berichten über Erschießungen von flüchtigen Häftlingen, wobei die Todgeweihten ihre Gruben, in denen sie verschüttet wurden, selbst ausheben mussten. In Ittelsberg haben am 26. April mehrere 16- bis 18-jährige fanatisierte Hitlerjungen, die beim Reichsarbeitsdienst (RAD) eingesetzt waren, zwei entkräftete Häftlinge in einer Gastwirtschaft eingesperrt, sie dann auf den RAD-Übungsplatz getrieben und dort erschossen. Der Anstifter der jugendlichen Mörder wurde dann vom Landgericht Memmingen zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Später sind diese Haftstrafen, auch durch den Einsatz von führenden deutschen Politikern, später verkürzt oder ganz erlassen worden.

Aber auch über großartige Hilfe konnten Gertrud Graf und Eugen Michelberger berichten, so in der Bäckerei Knecht in Ziegelbach (bei Bad Wurzach). Bäckersfrau Berta Knecht versteckte im Keller einige junge deutsche Soldaten, die sich von ihrer Truppe entfernt hatten. Hätte man sie erwischt, wären sie wenige Tage vor Kriegsende als Deserteure erschossen worden, so wie es in Laichingen am 17. April 1945 geschehen ist. Aber dem nicht genug: Im Heuschober unter dem Dach hatte Berta Knecht KZ-Häftlingen Unterschlupf ermöglicht und sie auch mit dem Nötigsten versorgt. Doch dann kamen SS-Männer, die angeblich eine Verteidigungslinie aufbauen wollten. Diese beschlagnahmten die Wohnräume der Bäckersfamilie und ließen sich bewirten. Bei einem französischen Luftangriff geriet das Haus der Familie Knecht in Brand. Einer der Häftlinge verhinderte, indem der mit bloßen Händen brennende Holzteile vom Dachboden hinunterwarf, ein Übergreifen des Feuers auf andere Gebäude. Gertrud Graf und Eugen Michelberger ist es gelungen, den Namen des Retters von Ziegelbach zu ermitteln: Jean-Pierre Polver aus Luxemburg.

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