Die Ruhe vor den drohenden Abschiebungen

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Die beiden Flüchtlingsbeauftragten Giacomo Mastro und Birgit Tegtmeyer in der Sitzung des GVV.
Die beiden Flüchtlingsbeauftragten Giacomo Mastro und Birgit Tegtmeyer in der Sitzung des GVV. (Foto: memu)
Brigitte Scheiffele

Seit gut einem Jahr sind die Flüchtlingsbeauftragten Birgit Tegtmeyer und Giacomo Mastro in den GVV-Verbandsgemeinden im Einsatz. Zeit für eine Bilanz. Diese haben sie am Donnerstag bei der Sitzung des Gemeindeverwaltungsverbands in Nellingen gezogen.

Aktuell gestalte sich die Situation der Asylbewerber auf der Laichinger Alb aufgrund vieler begünstigender Faktoren ruhig, sagte Giacomo Mastro. In nur wenigen Fällen gab es bisher Probleme, weswegen gar die Polizei eingeschaltet werden musste. „Dazu kommen Fälle, wie sie auch unter Deutschen vorkommen“, so Mastro. Beispielsweise werde manchmal der Müll falsch entsorgt. Auch Merklingens Bürgermeister Sven Kneipp äußerte sich. „Wer einmal da ist, bleibt da. Und bei extremen Problemen, die trotz vieler Anläufe nicht gelöst werden können, muss die Gemeinde damit alleine zurecht kommen“, bemängelte dieser.

Aus „bildungsfernen Schichten“

Mühsam sind zudem laut Mastro und Tegtmeyer die behördlichen Auflagen, die eine Integration in den Arbeitsmarkt erschweren. Es sei einfacher, eine Beschäftigungsmöglichkeit zu finden, „als die Verfahrensdauer auszuhalten“. Ein rechtlicher Rahmen müsse selbstverständlich vorhanden sein, die Behörden hätten viel zu tun. Aber die Kommunikation mit diesen sei ermüdend. Teilweise sei es „zäh, jemanden zu erreichen und es vergeht viel Zeit bis zu einer Rückmeldung“.

Auf Rückfrage von Gemeinderat Dietmar Frenzel aus Heroldstatt bezeichnete Tegtmeyer den vorhandenen Bildungsabschluss der neuen Mitbürger als „eher schlecht“. Viele seien aus „bildungsfernen Schichten“ und hätten Probleme bei der sprachlichen Entwicklung. Wer ein Abitur in der Tasche habe, müsse noch viel lernen, um an einen Uni-Besuch überhaupt zu denken. „Wir müssen uns die Fachkräfte selbst ausbilden und unser Problem ist es immer wieder, klar zu machen: Ihr könnt nicht alles, auch wenn ihr das glaubt.“

Und wie sehen die Perspektiven aus? Laut der beiden Flüchtlingsbeauftragten befindet sich knapp ein Drittel der 213 Flüchtlinge in den GVV-Gemeinden noch im Asylverfahren. Die meisten hätten schon die Anhörung beim BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) hinter sich. Die Folge? Mit Abschiebungen müsse gerechnet werden. Bisher, so sagt Tegtmeyer, dürfte noch keiner der Flüchtlinge von der Laichinger Alb abgeschoben worden sein (in der Anschlussunterbringung). Dies werde sich aber ändern. Die besten Bleibeperspektiven hätten Syrer, wohingegen schon jeder zweite Afghane mit der Abschiebung rechnen müsse (über den Einzelfall sagt dies allerdings nichts aus). Die geringste Hoffnung dürften sich unter anderem Flüchtlinge aus Nigeria, Indien und Pakistan machen. Und wann werden die Abschiebungen vollzogen? Laut Birgit Tegtmeyer könne dies schon morgen sein; oder auch erst in zehn Jahren. Diese Ungewissheit sei es, die die Menschen zermürbe.

Zur Frage, ob die Flüchtlinge überproportional kriminell in Erscheinung treten, bemerkte Kaufmann, der Vorsitzende des GVV (siehe „Leute“): „Das kann ich bei uns nicht feststellen.“ Und er ergänzte: „Vieles, was in anderen Gemeinden beklagt wird, gibt es bei uns nicht“. Weiter meinte er: „Wir kamen in diese Situation wie die Jungfrau zum Kind und wissen noch genau wie die Zahl der Menschen, die wir unterbringen mussten, von null nach oben schnellte.“ Das habe die Gemeinden des GVV bewogen, zwei Flüchtlingsbeauftragte einzustellen.

Eine goldrichtige Entscheidung, befand das gesamte Gremium mit ausschließlich lobenden Worten. „Es war für uns alle neu und für das, was unsere Flüchtlingsbeauftragten tun, sind sie weit über das Gebiet des GVV hinaus bekannt“, so Kaufmann. Ziel sei es jetzt, den Schritt zur nächsten Stufe hinzubekommen, „denn bürokratische und rechtliche Hemmnisse sind vorhanden“, so Klaus Kaufmann.

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