Der Barkeeper der Zukunft

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Nikolai Braun (li.) und Jonas Autenrieth mit ihrem Mixer „Lazybar“ am Stand von „Jugend forscht“ in Stuttgart.
Nikolai Braun (li.) und Jonas Autenrieth mit ihrem Mixer „Lazybar“ am Stand von „Jugend forscht“ in Stuttgart. (Foto: Jugend forscht)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter

Hauptberufliche Cocktail-Mixer sollten sich warm anziehen – eine Maschine aus Laichingen könnte sie bald alt aussehen lassen. Sie heißt „Lazybar“ und wurde entworfen von Nikolai Braun (17) aus Laichingen und Jonas Autenrieth (19) aus Machtolsheim. Die komplexe Konstruktion kann selbstständig nicht nur bis zu 300Cocktails mixen, sondern bereitet diese in nur wenigen Sekunden und das auch noch so lecker zu, wie ein professioneller Barkeeper. Sie brachte den beiden nach dem Regionalsieg jetzt auch den Landessieg bei „Jugend forscht“ ein. Jetzt geht es zum Bundesentscheid.

Die Party ist klasse, nur leider dauert es viel zu lang, bis auch alle Gäste mit Cocktails versorgt sind. Klar, der Barkeeper mischt die Getränke von Hand, schüttelt und rührt mit viel Liebe zum Detail. Das kostet jedoch Zeit. Muss das so sein?

Diese Frage haben sich auf Festen schon oft die Freunde Nikolai Braun und Jonas Autenrieth gestellt. Und auf einer „etwas langweiligen Busfahrt“ mit ihrer Klasse ins Europaparlament nach Straßburg kam ihnen die Erleuchtung: Nein – es muss doch möglich sein, eine Maschine zu konstruieren, die auf Knopfdruck die beliebtesten Cocktails mixt und in Gläser füllt. Die beiden waren angefixt von dieser Idee; das war vor einem guten Jahr.

In der vergangenen Woche standen die beiden jungen Laichinger, die in Ulm das Technische Gymnasium besuchen, strahlend hinter ihrem Stand in Stuttgart-Fellbach. Sie hatten allen Grund dazu: Die Jury von „Jugend forscht“ hatte ihnen den Landessieg bei dem renommierten Wettbewerb im Bereich Technik zugesprochen. Auch Sonderpreise (Sieger der Herzen, Einladung zur Nobelpreisträgertagung in Lindau und Teilnahme an einem Business coaching-Programm) nahmen sie mit nach Hause.

Überzeugen konnten sie mit einem Gerät, das entfernt aussieht wie eine Zapfanlage, die auf einem Kühlschrank sitzt. Der Name: „Lazybar“. Und sie vollbringt das Kunststück, innerhalb von nur vier, fünf Sekunden Cocktails zu mixen, die den von Hand gemixten im Geschmack in nichts nachstehen. Natürlich musste die „Lazybar“ ihr Können in Stuttgart des Öfteren unter Beweis stellen. Und was sie kann, ist erstaunlich. Menschen, denen es nach fruchtigen Cocktails dürstet, tippen lediglich den Cocktail ihres Wunsches ein – und fertig sind sie: alkoholfreie oder alkoholische.

Im Mai geht’s für die Laichinger nach Paderborn, zum Bundesentscheid. Doch um solche Ehren ging es Nikolai Braun und Jonas Autenrieth eigentlich gar nicht. Sie bewarben sich bei dem Wettbewerb erst im Nachhinein. Ihnen ging es darum, unter Zuhilfenahme der Informatik, allgemeiner Physik, Hydrostatik, Thermodynamik und „ganz viel Mathematik“, so Nikolai Braun, ein Gerät zu bauen, das eben einwandfreie Cocktails mixt.

„Wir haben es geschafft, die Theorie so zu perfektionieren, so dass unsere Maschine Herr der Flüssigkeiten ist. Die ,Lazybar’ kennt alle Eigenschaften unserer Zutaten bis ins Detail. Daher gibt sie Drinks ohne Messtechnik mit einer Mengentoleranz von nur 0,3 Prozent aus“, sagt Nikolai, nicht ohne Stolz. Aber zu Recht.

Wie ein Uhrwerk

Mehrere hundert Stunden des Entwerfens, Planens, Programmierens und Bauens liegen jetzt hinter ihnen. Noch bevor es an die Konstruktion ging, zeichneten sie ein 3D-Modell der „Lazybar“. „Wir sind das ganze ziemlich perfektionistisch angegangen“, sagt Nikolai Braun. Und mit dem Ergebnis seien sie jetzt zufrieden.

„Lazybar“ ist aber weit mehr als ein Cocktail-Mixgerät. Im Grunde ist es eine Maschine, in der – abstrahiert betrachtet – durch verschiedene Pumpen, überwacht durch Sensoren im Zusammenspiel aller Komponenten wie in einem Uhrwerk Flüssigkeiten vermischt werden. „Wir können durch unsere einzigartige Ansteuerung Kaffeemaschinenpumpen nehmen, die haben nur elf Euro gekostet. Normalerweise kosten Pumpen mit gleichen Fähigkeiten über 120 Euro“, erklärt Nikolai Braun.

Unzählige Parameter

Im Kühlschrank unter der Zapfanlage finden bis zu zehn Zutaten Platz, denkbar sind 80 verschiedene. Und bis zu 300 Cocktails mixt das Gerät daraus. Alles gesteuert durch komplexe Elektronik, welche ein eigenes von Nikolai Braun programmiertes Betriebssystem besitzt. „Mit zehn, elf Jahren habe ich angefangen, mit Java zu programmieren. So ging das mit der Programmiersprache ,C’ ganz gut.“ Übersetzt für Laien: Unzählige Parameter galt es, in die Software einzubinden und miteinander in Einklang zu bringen. Eigentlich ein Projekt, mit dem sich Studenten beschäftigen, in einer Gruppe, als Semesterarbeit.

Nikolai Braun und Jonas Autenrieth waren auf sich allein gestellt. Gewerkelt wurde daheim, in Laichingen wie in Machtolsheim. Und sie mussten sich noch mit ganz anderen Dingen herumschlagen: Mit der Viskosität, einem Maß für die Zähflüssigkeit eines Fluids, mit Fragen zur Dichte, beziehungsweise Eigendruckerzeugung von Stoffen und dem magnetischen Fluss ihrer Bauteile.

Nikolai Braun schätzt, dass es eben auch dieses Zusammenspiel vieler Faktoren aus dem Feld der Naturwissenschaften war, das ihnen den Sieg beim Landeswettbewerb beschert hat. Aber natürlich auch der Umstand, dass die Welt ein solches Gerät für Cocktails wohl noch nicht gesehen hat. Zwar existierten, so Braun, Mixgeräte für Getränke, diese würden jedoch die Zutaten einzeln ansaugen und dann auch einzeln, also ungemixt, ins Glas geben. Der Clou von „Lazybar“: Die Flüssigkeiten würden innerhalb von Sekundenbruchteilen, pulsierend und gegenseitig interagierend, eingespritzt und durch eine speziell berechnete und dimensionierte Form des Ausgabebehälters vermengt. Somit stimme das Mischungsverhältnis des Cocktails auch bei vorzeitigem Abbruch. Und anders als vergleichbare Maschinen, verfüge „Lazybar“ über eine „flexible und dynamische“ Pumpenregelung. Der Benutzer entscheidet selbst, welche und wieviele Zutaten er in seinem Cocktail haben will. Auch versucht das Gerät über zwei Ultraschallsensoren anhand statistischer Daten zu ermitteln, ob und welches Glas sich unter dem Ausgabebehältnis befindet. Und es berechnet die stochastische Wahrscheinlichkeit, mit der der Cocktail tatsächlich im Glas landet. Die Maschine entscheide somit selbst, ob der Cocktail ausgegeben werden darf oder nicht. All das diene der Betriebssicherheit. Funfact am Rande: Sie hätten durch Doppelblindstudien rausgefunden, dass das Verrühren von Flüssigkeiten die beste Möglichkeit sei, diese zu vermischen. Wer hingegen schüttelt, der erhöhe den Geschmack.

Patentanwalt im Boot

Bisher ist die „Lazybar“ ein Einzelstück. Doch das muss nicht so bleiben. „Wir können uns vorstellen, das Gerät in irgendeiner Form zu vermarkten“, sagt Nikolai Braun. Derzeit klären sie mit einem Patentanwalt ab, wie sich ihre Erfindung schützen lässt. Bis „Lazybar“ also wirklich den echten Cocktail-Mixer hinter der Theke verdrängt, dürften noch so einige Cocktails die Kehlen herunter rinnen. Nikolai Brauns Lieblings-Cocktail übrigens: Mai Tai, aber auch den „Bahama Mama“ habe er ganz gern.

Seine und die Freunde von Jonas Autenrieth, sie haben bei Festen jetzt auf jeden Fall eine riesen Cocktail-Auswahl. „Lazybar“ sei schon des Öfteren im Einsatz gewesen, habe sich im „Dauerbetrieb“ bewährt. So dass allen Partygästen jetzt Zeit bleibt für die wirklich wichtigen Dinge bei einem Fest. Schwätzen, Flirten, Tanzen. Und nicht anstehen in einer ewig langen Schlange vor der Cocktail-Theke.

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