„Das Kind bei digitaler Entwicklung begleiten“

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Schwäbische Zeitung

Digitale Medien werden für Kinder und Jugendliche immer wichtiger. Über WhatsApp, Instagram, Snapchat und Co. sind sie ständig mit Freunden in Kontakt und dank Smartphones oder Tablets bleiben sie auch unterwegs stets auf dem neuesten Stand. Doch der richtige Umgang mit digitalen Medien will gelernt sein – denn Privatsphäre und Datenschutz rücken insbesondere bei jungen Nutzern häufig in den Hintergrund.

Deshalb sei es entscheidend, dass Eltern und Lehrer die Kinder nicht alleine lassen, sondern sie in ihrer medialen Entwicklung unterstützen. Im Rahmen eines Projektes der Bürgerstiftung Laichinger Alb ist die mecodia Akademie zu Besuch und zwar am Dienstag, 5. November, ab 19.30 Uhr im Auditorium der Volksbank Laichinger Alb. Neben einem Vortrag soll es auch Raum für Fragen und Diskussion geben.

Als Referent kommt Fabian Sauer. Der 30-Jährige hat Kommunikationswissenschaften studiert und ist einer der Mitgründer der mecodia Akademie und damit schon seit fast zehn Jahren im Team. Im Interview mit SZ-Redaktionsleiterin Maike Scholz zeigt er auf, warum die Thematik und Aufklärung rund um digitale Medien so wichtig ist.

Digitale Medien werden für Kinder und Jugendliche immer wichtiger. Wann hat dieser Trend begonnen?

Diesen Trend gibt es, seit es digitale Medien gibt, da diese für junge Menschen Bedürfnisse erfüllen. Wir haben als Menschen schon immer das Bedürfnis, dazuzugehören, uns selbst auszuprobieren und zu entwickeln. Und schon immer nutzen wir dafür alle Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen. Dazu gehören natürlich auch digitale Medien und das Internet.

Wo liegt das Gefahrenpotenzial bei den Nutzern?

Herausforderungen liegen an vielen Stellen. Gerade junge Nutzer müssen insbesondere um den Schutz ihrer Privatsphäre in sozialen Medien aufgeklärt werden. Zudem sind die Herausforderungen bei der digitalen Kommunikation ein großes Thema. Wird nicht besprochen, welche Regeln für den Umgang mit anderen, beispielsweise in der WhatsApp-Klassengruppe gelten, so kann aus einem Streit schnell Cybermobbing werden.

Die mecodia Akademie geht an Schulen. Welche Erfahrungen haben Sie mit Blick auf Cybermobbing gemacht? Ein Thema an Schulen?

Das Thema Cybermobbing ist leider immer noch brandaktuell an jeder Schule, die wir besuchen. Die Fälle sind dabei sehr unterschiedlich. Vom Streit in WhatsApp über das Verbreiten von Fotos über soziale Netzwerke ist alles dabei, was man sich vorstellen kann. Meist finden die Fälle innerhalb der Klasse statt. Das lässt den Rückschluss zu, dass es sich vor allem um Probleme im sozialen Umfeld handelt und es wahrscheinlich wenig ändern würde, wenn allen Schülern das Smartphone weggenommen würde. In Klassen mit intaktem Klassenklima finden Fälle von (Cyber-)Mobbing unserer Erfahrung nur sehr viel seltener statt.

Was raten Sie: Wie lange sollten Kinder und Jugendliche täglich mit dem Smartphone umgehen oder auch im Internet unterwegs sein? Wäre da eine zeitliche Begrenzung sinnvoll?

Diese Frage lässt sich mit einem allgemeinen „X Minuten am Tag“ nur schwer beantworten, da viele Einflussfaktoren eine Rolle spielen. Wie alt ist das Kind? Findet eine Nutzung allein oder gemeinsam mit Freunden statt? Wird nur passiv oder aktiv und kreativ genutzt? Wir empfehlen Eltern: Geht mit dem Smartphone um wie mit Taschengeld! Auf dem Weg zur finanziellen Selbstständigkeit ist es für uns ganz normal, dass wir Kindern zu Beginn nur kleine Beträge und geringe Eigenverantwortung zumuten und Schritt für Schritt mehr Verantwortung abgeben. Eine solche Denkweise sollte auch bei der Begleitung der digitalen Mündigkeit gelten. Schritt für Schritt mehr Verantwortung übergeben und die Entwicklung aufmerksam begleiten.

Digitale Medien werden auch in der Schule eingesetzt. Beispielsweise zu Recherchezwecken. Doch auch da erfordert es den richtigen Umgang. Sollte es Ihrer Meinung nach eine Art Fächerkombination geben, die sich mit dem Thema auseinandersetzt?

Die Vermittlung von Medienkompetenz ist als Querschnittsthema auch schon jetzt Teil des Lehrplans. Beim Umgang mit Informationen – also bei Informationskompetenz – aus dem Netz liegt die Herausforderung vor allem darin, zu vermitteln, dass nicht alles, was ich lese auch der Wahrheit entspricht. Bei der Überprüfung sind die Methoden die gleichen, die schon immer in der Quellenarbeit eine Rolle spielen und die dementsprechend auch schon immer vermittelt werden sollten: mehrere Quellen vergleichen, Verfasser hinterfragen, Aktualität prüfen.

Kontakt über WhatsApp erfolgt ja nicht nur bei Jugendlichen. Teilweise nutzen auch Lehrer, so hört man, die Plattform, um nochmal auf Vokabeln oder Hausaufgaben hinzuweisen oder auch um über den Ausfall einer Unterrichtsstunde zu informieren. Ist das die richtige Art und Weise?

Hier macht das Land Baden-Württemberg klare Vorgaben, was erlaubt ist und was nicht. Ein Kontakt zu Schülern durch Lehrkräfte direkt über WhatsApp ist beispielsweise nicht gestattet. Unserer Erfahrung nach sind sich Lehrkräfte dieser Vorgaben bewusst und das ist auch richtig so. Denn auch Lehrkräfte können und sollten nicht für 24 Stunden am Tag in Anspruch genommen werden.

Kontrolle von Handy-Nutzung der Kinder durch die Eltern: Wichtig ist sicher, dass Eltern über Apps Bescheid wissen, um auch ihre Kinder zu verstehen, oder?

Bescheid wissen, Interesse zeigen und das eigene Kind bei der digitalen Entwicklung begleiten – all das ist für Eltern sehr wichtig. Zu Beginn der Nutzung kann eine technische Unterstützung durch Kinderschutz-Apps möglicherweise helfen. Jedoch darf man nicht den Trugschluss ziehen, dass das Installieren eines Kinderschutzfilters auf dem Smartphone schon als Medienerziehung gilt! Nichts ist so fatal, wie dem Kind das Smartphone in die Hand zu drücken und es dann komplett damit allein zu lassen. Daher versuchen wir bei unseren Vorträgen für Eltern vor allem ein Verständnis für die Bedürfnisse und Wünsche der Jugendlichen bei den Eltern zu wecken und klar zu machen, dass sie ihre Kinder bei deren Entwicklung begleiten müssen.

Ab wann empfehlen Sie, dass ein Kind ein Smartphone nutzen sollte?

Eine klare Altersempfehlung lässt sich nur schwer geben. Viel wichtiger als das Einstiegsalter ist die schrittweise Heranführung und Begleitung durch die Eltern. Schon mit jüngeren Kindern gemeinsam Funktionen am Gerät der Eltern ausprobieren und diese zu erklären ist sicherlich besser, als bis zum zwölften Geburtstag zu warten und kommentarlos ein Smartphone zu überreichen.

Warum ist Ihrer Meinung der bewusste Umgang mit Medien wichtig?

Smartphones und digitale Medien sind ein integraler Bestandteil unseres privaten und auch beruflichen Lebens. Ein mündiger, kompetenter Umgang damit ist daher für eine gesellschaftliche Teilhabe unumgänglich. Medienkompetenz bedeutet aber auch, kritisch zu hinterfragen, was ich eigentlich nutze und welchen Einfluss die digitalen Medien auf mein Leben haben. Denn am Ende möchten wir doch alle nicht von den Geräten kontrolliert werden, sondern sie selbst und selbstbewusst unter Kontrolle haben.

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