Angefeindet und vergöttert – wie rechts ist Frei.Wild wirklich?

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Redaktionsleiter

Es dürfte kaum eine Band im deutschsprachigen Raum geben, die dermaßen polarisiert wie die Gruppe Freiwild. Ende Juli geben sich die Deutschrocker bei der zweiten Auflage des „Rock dein Leben“-Festivals auf dem Laichinger Flugplatz abermals die Ehre. Sie werden angefeindet – und vergöttert. Sie spielen Rechtsrock, sagen Kritiker – das sei Blödsinn, entgegnen Fans. Und was stimmt jetzt? Eine differenzierte Annäherung unternahm am Dienstag im Alten Rathaus ein Referent aus dem Allgäu. Seine Analyse klang durchaus beunruhigend. Eine Nazi-Band sei Freiwild aber nicht.

Zumindest an der Oberfläche scheint die Sachlage klar. Weder sind Songs von Freiwild verboten, noch lässt Frontmann Philipp Burger kaum eine Gelegenheit aus, sich von Rechtsradikalen, Faschismus oder Gewalt zu distanzieren. Und auch Sebastian Lipp, Journalist aus Kempten und spezialisiert auf Bands im rechten Spektrum, bewertet die Gruppe als zwar tendenziell eher rechts – Nazi-Musik würden Freiwild jedoch nicht machen. Also alles kein Problem? Ist ja nur Musik und Kunst, Bühne frei für ein sorgenfreies, unpolitisches Festival in Laichingen?

Mittwochabend spielte die Band übrigens in Ravensburg. So war die Stimmung an der Oberschwabenhalle: 

„Rechts“ ist ein dehnbarer Begriff, er reicht von konservativ, wenn man so will, bis hin zu verfassungsfeindlich und offen rechtsradikal. Die Spanne ist sehr breit und Lipp wollte ausloten, wo Freiwild zu verorten sind. Auch die sogenannte Identitäre Bewegung gehört beispielsweise dem rechten Spektrum an. Sie ist zwar nicht verboten, wird allerdings vom Verfassungsschutz beobachtet. Zu dieser Gruppierung später mehr.

Am Dienstag referierte Sebastian Lipp vor 30 Zuhörern im Bürgersaal des Alten Rathauses über die Inhalte der Freiwild-Songs und wie diese zu bewerten sind. Eingeladen hatte das Bündnis „Ulm gegen Rechts“.

Das Weltbild der Musiker

Um zu verstehen, welche Botschaften die Gruppe auch im Juli wieder auf dem Laichinger Flugplatz unters feiernde Volk bringen werde, müsse man deren Texte anschauen, so Lipp. Nur so könne man sich auch dem Weltbild der Musiker nähern. Für völlig überzogen hält er Forderungen, Konzerte oder Musik der Gruppe zu verbieten. Laut Lipp brauche es aber tatsächlich eine inhaltliche Auseinandersetzung mit ihren Liedern und auch eine gesellschaftliche Debatte darüber, was in diesen eigentlich gesungen, gesagt und verbreitet wird. In der Pflicht sieht Lipp hier vor allem Veranstalter von Freiwild-Konzerten. Vertreter des Flugsportvereins waren bei dem Vortrag nicht zugegen. Veranstalter ist der Verein zwar nicht, er stellt aber sein Gelände zur Verfügung.

Und was sagen Freiwild jetzt? Konkret?

Konkret scheinen sie auf jeden Fall mit antisemitischen Motiven zumindest zu spielen. Das zeigte Lipp anschaulich anhand von an die Wand geworfenen Songtexten. Aus Sicht des Referenten würden einzelne Passagen auch den Holocaust als „singuläres Ereignis“ in der Menschheitsgeschichte relativieren.

Im Song „Wir reiten in den Untergang“ singt Freiwild-Sänger Burger beispielsweise: „Heut’ gibt es den Stempel, keinen Stern mehr“ – diese Passage sei bei genauerer Betrachtung bedenklich, so Lipp. Hebe sie doch die von den Nationalsozialisten betriebene Stigmatisierung von Juden durch die Verpflichtung, einen gelben Davidstern zu tragen, auf eine Ebene, auf der sich offenbar Freiwild sehen: nämlich abgestempelt, von der Gesellschaft in die „rechte Ecke“ gedrückt. Das Problem dieses Vergleichs: Indem das „Abstempeln“ gleichgesetzt wird mit dem Tragen des Davidsterns von Menschen, die später von den Nazis vergast wurden, werde der Holocaust letztlich relativiert, verharmlost.

 Sebastian Lipp bei seinem Vortrag im Alten Rathaus über Freiwild.
Sebastian Lipp bei seinem Vortrag im Alten Rathaus über Freiwild. (Foto: rau)

Freiwild selbst, so Lipp, würden den Vorwurf freilich abstreiten, den Holocaust relativieren zu wollen. Mit seinen Textbeispielen wollte der Referent aber aufzeigen, dass manche Passagen trotzdem entsprechend gedeutet werden könnten. Wenn man denn wolle. Doch er stellte klar: Auch er könne nicht in die Köpfe der Musiker schauen, wisse nicht, wie solche Anspielungen letztlich gemeint seien.

Da Sänger Philipp Burger aber „ein sehr intelligenter Mensch“ sei, müsse davon ausgegangen werden, dass auch dieser wisse, dass Hörer, die tatsächlich zu weit rechts stehen, für solche Texte empfänglich seien und ihr rechtes Weltbild womöglich weiter zementiert werde.

Vorurteil vom reichen Juden

Er präsentierte ein weiteres Beispiel, das aus seiner Sicht zeige, wie subtil Freiwild mit antisemitischen Bildern hantiere. So heißt es in „Gutmenschen und Moralapostel“, dass jene (Gutmenschen und Moralapostel) „bestimmen, was gut, was böse ist“ und dass diese dies täten, „nur um Geschichte, die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen zu lassen“; dabei seien diese „selber die größten Kokser, die zu Kinderstrichern gehen“. Laut Lipp sei in dieser Textzeile – so könne man dieses durchaus lesen – das Vorurteil vom reichen Juden verpackt, der aus seinem Schicksal, der Shoa, noch Kapital schlagen will. Außerdem das immer wieder von Rechtsextremen ins Feld geführte Motiv des lasterhaften Juden.

Um solche Zeilen einordnen zu können, sei es hilfreich zu wissen, so Lipp, aus welcher Szene Freiwild kommen, so der Referent. Gegründet wurde die Gruppe 2001 in Südtirol von Philipp Burger, kurz nachdem er seine vorherige Band, die Kaiserjäger, aufgelöst hatte. Letztere war eine stramme Nazigruppe, da gebe es nichts zu deuteln, bei der auch ein heutiges Mitglied der Gruppe Unantastbar dabei war. Auch Unantastbar treten im Juli wieder in Laichingen auf. Was kein Zufall sei.

Unter Vertrag sind auch sie, wie Freiwild, beim Musiklabel „Rookies & Kings“, das von Freiwild gegründet wurde. Lipp verwies auf ein Foto, das einer Kaiserjäger-CD beigelegt war, auf dem Burger den Hitlergruß und das heutige Unantastbar-Mitglied den ebenfalls bei Nazis beliebten Kühnengruß zeigt.

 Bei der anschließenden Diskussion.
Bei der anschließenden Diskussion. (Foto: rau)

Es könne aber durchaus der Wahrheit entsprechen, so Lipp, wenn Burger sagt, was er oft tut, dass er sich von dieser Vergangenheit losgesagt habe. „Das mag sein“, so der Referent aus dem Allgäu. Allerdings unterstellt er Burger, dies aus womöglich falschen Motiven heraus zu tun. Immer wieder betone Burger zwar, dass er Faschisten hasse; mit einer Begründung allerdings, die da sinngemäß laute: Weil diese unterm Strich seiner Heimat, Südtirol, geschadet hätten. Echte Distanzierung sehe anders aus, findet Lipp.

Nazis würden die Musik lieben

Genug der Textkritik, aber die Frage blieb: Wie weit rechts sind Freiwild jetzt tatsächlich? Lipp wählte noch einen anderen Zugang und präsentierte dazu die Meinung eines bekennenden und in Deutschland bekannten Neonazis, Patrick Schröder. Dieser hält die Band für „überragend“; zwar seien „Freiwild“ aus Sicht von Schröder (dessen Aussagen zur Gruppe belegt sind) „nicht zu 100 Prozent auf Linie des nationalen Widerstandes“. Dies könne man aber auch nicht erwarten, da die Gruppe sich großem öffentlichen Widerstand habe beugen müssen.

Die größte Gefahr, die aus Lipps Sicht von Freiwild ausgehe, bestehe darin, dass Freiwild mit seiner Musik, in der es vor „Blut und Boden“-Rhetorik nur so wimmele, kaum spürbar rote Linien immer weiter nach rechts verschiebe. Ähnlich gehe Thilo Sarrazin vor. Früher undenkbar, würden heute sogar CDU-Politiker (wenngleich am rechten Rand der Partei angesiedelt) von „Umvolkung“ sprechen. Ein typischer Begriff der „neuen Rechten“, die zwar nicht mit Nazis gleichzusetzen seien, welche „Ausländer raus“ schreien – aber kaum minder gefährlich. Oder sogar gefährlicher?

Die „Reinhaltung“ von Staaten

Auch die Identitäre Bewegung sei der „neuen Rechten“ zuzuordnen. Ihre Anhänger, die auch in der Ulmer Region aktiv sind, geben sich schick, elitär, intellektuell. Sie propagieren einen „Ethnopluralismus“. Ein Konzept, das die „Reinhaltung“ von Staaten und Gesellschaften nach „Ethnien“ anstrebt. Auch beim ersten „Rock dein Leben“-Festival in Laichingen seien einige bekannte regionale Vertreter der Identitären Bewegung vor Ort in Laichingen gewesen, so eine Vertreterin des Bündnisses „Ulm gegen Rechts“ am Dienstag in Laichingen.

Dass auch Freiwild-Sänger Philipp Burger ein Problem mit Überfremdung zu haben scheint, belegte ein von Sebastian Lipp an die Wand des Alten Rathauses geworfener Post bei Facebook. Es handelt sich um einen „Witz“, in dem ein Lehrer vor einer Klasse steht und einen arabisch klingenden Namen nach dem anderen aufruft. Dabei geht völlig unter, dass auch ein Mädchen mit deutschem Namen der Klasse angehört; weil der Lehrer auch ihren Namen arabisch-klingend ausspricht. Eine Horror-Vorstellung für Burger? Zumindest gab er an, dass ihm dieser Beitrag gefällt.

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Demo gegen Festival in Laichingen
Knapp 100 Menschen gehen auf die Straße. Gegen das Festival „Rock Dein Leben“ – aus ihrer Sicht das größte rechte Rockfestival in Süddeutschland. Ab Donnerstag soll es drei Tage lang auf den Flugplatz in Laichingen stattfinden.
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