Als Menschen und Schafe vor dem Wolf in Württemberg bangten

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 Die Urkunde der Stuttgarter Forstbehörde für den Donnstetter Jagdpächter David Munderich, der als der Erleger des letzten Wolfs
Die Urkunde der Stuttgarter Forstbehörde für den Donnstetter Jagdpächter David Munderich, der als der Erleger des letzten Wolfs in Württemberg gilt. In Wirklichkeit war sein Bruder Friedrich der erfolgreiche Schütze, aber leider ohne Jagdschein. (Foto: Heimatbuch Donnstetten)
Heinz Surek

Donnerstag, 26. November, 2015: Bei Merklingen wird am Rande der Autobahn ein überfahrener toter Wolf gefunden. Der Kadaver wird von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg untersucht, und dort wird bestätigt, dass es sich bei dem Tier tatsächlich um einen jungen Wolfsrüden handelt. Die Freiburger Spezialisten können den „Merklinger Wolf“ sogar zuordnen: Er stammt aus den Schweizer Alpen, wo es bereits mehrere Wolfsrudel gibt, und er ist der Bruder eines kurz zuvor bei Lahr in Südbaden überfahrenen Wolfes.

Kommt der Wolf nun auch auf die Alb zurück? So fragt man sich immer wieder. Die einen haben Bedenken, die anderen heißen den Beutegreifer willkommen. Tatsächlich kann man von der Rückkehr des Wolfs erst dann sprechen, wenn sich Rudel gebildet haben, die für Nachwuchs sorgen und ihre großen Reviere „abstecken“. So weit ist man im deutschen Südwesten noch nicht, wohl aber in anderen Bundesländern, etwa in Brandenburg, Thüringen und Niedersachsen. Das Wolfsmonitoring der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt ermittelte bis jetzt 73 Wolfsrudel, die mittlerweile in Deutschland ansässig geworden sind, also über 400 Tiere. Somit braucht man kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass sich auch hier auf der mittleren Alb in absehbarer Zeit Wölfe ansiedeln, vielleicht im ehemaligen Truppenübungsplatz.

Er war ja schon hier, und zwar bis ins 19. Jahrhundert hinein, genauer bis zum 16. Dezember 1893, als der letzte Wolf in Württemberg bei Donnstetten – vorübergehend – erlegt wurde, worüber im Folgenden berichtet wird.

Schäfer sollten gut auf ihre Tiere aufpassen

Zunächst aber soll auf jene Zeit verwiesen werden, als auch die Laichinger Alb noch „Wolfsgebiet“ war. In den Protokollen des „Gerichts“, also des damaligen Gemeinderats, wird immer wieder beklagt, dass Wölfe große Schäden bei Schafherden angerichtet hätten. Die Schäfer werden angewiesen, auch nachts bei ihrem Pferch zu bleiben und besonders wachsam zu sein. Im Jahre 1698 klagt der Landwirt Bernhard Erb vor dem Laichinger „Gericht“, dass Wölfe seine Kuh in der Nähe seines Anwesens „zerrissen“ hätten. Schuld seien die Kuhhirten, die nicht genug aufgepasst hätten, so dass sich die Kuh von der Herde auf der Weide entfernen konnte, abends allein den Weg zum heimischen Stall gehen musste und dabei getötet wurde. Noch in den 1830er-Jahren wird immer wieder von Wölfen berichtet, die in den Oberämtern Blaubeuren und Münsingen namentlich in Schafherden eingefallen sind und viele Lämmer gerissen haben.

Dann aber kam es zu jenem denkwürdigen 16. Dezember 1839 im Donnstetter Wald „Salenhau“. Schon Wochen zuvor hatten der Donnstetter, der Westerheimer, der Schopflocher und der Wiesensteiger Jäger festgestellt, dass das ansonsten so standorttreue Rehwild stark beunruhigt war und beinahe täglich in andere Walddistrikte wechselte. Auch fand man Überreste von gerissenem Wild. Es mussten also, so vermutete man, Wilderer unterwegs sein oder ein besonders bissiger Schäferhund oder gar ein Wolf zwischen Donnstetten und Reußenstein sein Unwesen treiben. Spuren konnte man auf dem trockenen Waldboden nicht ausmachen, aber endlich, am 14. Dezember, schneite es und da erkannte man auch die Tritte eines großen Tiers.

88 Pfund schweren Wolf erlegt

Hund oder Wolf? Das war hier die Frage. Wo man besonders viele Spuren gefunden hatte, postierten sich der Donnstetter Jagdpächter David Munderich und sein Bruder Friedrich als Schützen im Wald „Salenhau“ bei der großen Buche. Friedrich stand direkt unter dem Baum. Lange Zeit hörte er gar nichts und fror entsetzlich. Dann aber vernahm er das Hecheln eines großen Tieres – Hund oder Wolf? Und schon kam dieses auch auf ihn zu. Mit einem Meisterschuss brachte er die „Bestie“ zur Strecke, aber noch lebte sie und bekam nun den Fangschuss.

Die Untersuchungen bei der Landesforstdirektion haben dann einwandfrei ergeben, dass es sich um einen sechsjährigen, 88 Pfund schweren, starken Wolfsrüden handelte. Weil man in den nächsten Wochen von Wölfen im Lande nichts mehr bemerkte und vernahm, wurde der „Donnstetter Wolf“ als der letzte seiner Art in Württemberg festgehalten.

Nun hatte die Sache aber einen Haken: Der Schütze, Friedrich Munderich, hatte keinen Jagdschein und konnte somit unmöglich als der erfolgreiche Erleger des letzten Wolfes in Württemberg in die Geschichte eingehen. Somit musste sein jagdberechtigter Bruder David diese Rolle einnehmen. Er wurde in der königlichen Forstdirektion in Stuttgart auch sehr gelobt und geehrt und erhielt eine Belohnung von 50 Gulden. Der Wolf wurde präpariert und im Stuttgarter Naturalienkabinett ausgestellt. Die große Buche aber, bei der sich alles abgespielt hatte, erhielt den Namen „Wolfsbuche“, und so heißt diese Stelle, bei der sich auch ein Gedenkstein befindet, heute noch.

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