Neujahrsempfang in Heroldstatt: „Migranten sind wir alle“

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Ein Höhepunkt beim Heroldstatter Neujahrsempfang ist ein interessanter Vortrag von Professor Harry Harun Behr von der Goethe-Universität Frankfurt gewesen, der im voll besetzten Karl-Ehmann-Saal in der Berghalle zum Thema „Von der Kunst da zu sein – Identität als Wanderbaustelle“ sprach. Es war die erste Neujahrsbegegnung in Heroldstatt, die der Partnerschaftsfonds „Miteinander Füreinander in Heroldstatt“ der Bürgerstiftung Laichinger Alb veranstaltete. Deren Vorsitzender Hartmut Wager hatte den Neujahrsempfang mit Grußworten und Musik organisiert, bei dem die Begegnung der Bürger im Vordergrund stand. Neubürger und „alteingesessene Heroldstatter“ sollten sich kennenlernen und austauschen.

„Migration ist im Leben eines einzelnen Menschen immer eine Ausnahmesituation und in der Menschheitsgeschichte der Normalfall“, betonte Professor Behr in seiner Neujahrsansprache. Menschen seien durch alle Jahrhunderte hindurch immer in Bewegung gewesen und da bilde die Gegenwart keine Ausnahme, im Gegenteil. „Migranten sind wir alle“, legte der Gastredner dar, der an der Uni Frankfurt in der Fakultät der Erziehungswissenschaften lehrt und dabei insbesondere religiöse Lehrkräfte betreut – christliche wie jüdische und islamische. „Migration ist nicht das Problem, Migration ist eine Herausforderung“, sagte Professor Behr.

Ausgehend von dem Satz „Von der Kunst da zu sein“ des Philosophen Heraklit von Ephesos, meinte Behr, dass es ein Privileg des Menschen sei, „irgendwo sein zu dürfen“ – ein Privileg, das er im Verlauf seines Lebens verliere, denn irgendwann müsse jeder Mensch weichen.

Jeder Mensch sei zuhause und doch in der Fremde, dessen müsse man sich bewusst sein. Insgesamt sei Migration ein interessanter Prozess, „weil sich bei diesem immer zwei Menschen begegnen, die sich vorher nicht kannten.“ Das erste Treffen zweier fremder Personen stelle eine „kontingente Situation“ mit offenem Ausgang dar, da beide nicht wissen, wie das jeweilige Gegenüber reagiere. Diese „Kontingenz als Bedrohung oder Chance“ gelte es für einen guten Ausgang für beide Personen zu nutzen, führte der Referent aus.

„Migration und Begegnung begleitet uns das gesamte Leben“, sagte Harry Harun Behr, nicht nur mit Menschen aus anderen Völkern. Antipathie und Sympathie könnten bei Begegnungen aufeinander stoßen. Sich Kennenlernen funktioniere über die Kommunikation und am besten von Herz zu Herz und nicht von Kopf zu Kopf. Migration sei eine Wanderbaustelle mit Verunsicherung und Chancen zugleich und mit vielen Empfindungen: „Denn zur Migration gehören eine psychologische, geografische, soziale, spirituelle, ethische und zeitlich Komponente und Bestandteil eine Gesamtgesellschaft, und das weltweit.“ Bei Migration gehe es auch von anderen Sprach- und Kulturgemeinschaften zu lernen und „das Andere in uns zu sehen“, erläuterte Behr.

Integration sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, erläuterte dann der Gastredner und meinte: „Integration ist die Kunst, bei dem anderen zu sein, ohne sich selbst zu verlieren.“ Integration und Identität bedeute, sich zunächst in Frage zu stellen und sicher geglaubtes Terrain zu verlassen, um sich gemeinsam zu verständigen, und das auch auf lange Sicht: Zu beantworten sei die Frage, wo der Migrant und Einheimische in zehn oder 20 Jahren stehen wollen und welche Ressourcen der Zugewanderte einbringen könne.

Harry Harun Behr sprach in diesem Zusammenhang von der Bring-Kompetenz des anderen. Außer Frage sei, dass die geflüchtete Menschen Begleitung und Betreuung brauchen, um sich im neuen Land zurecht zu finden. Und da lobte er den Integrationskreis von Heroldstatt, der sich seit Jahren um Menschen mit Migrationshintergrund kümmere.

„Es gibt keine Gesellschaft ohne Parallelgesellschaft“, führte Harry Harun Behr im weiteren Verlauf seiner Neujahrsrede aus, der 1962 in Koblenz geboren wurde und aus einer katholisch-jüdischen Familie stammt, aber als Jugendlicher in Indonesien zum islamischen Glauben wechselte. Pluralismus in Gesellschaften habe es zu allen Zeiten und in allen Völkern gegeben. Den müsse es ein Stück weit auch geben, sagte Behr. Die Integration sei eine humanitäre Verpflichtung, einst wie heute. Er verwies auf die Geschichte von Medina in Saudi-Arabien, wo einst Fremde auf der Mitte der Straße und mitten in der Stadt beherbergt wurden.

Toleranz leben

Damals wie heute hätte dieser Grundsatz Widerstand hervorgerufen, den sich allerdings „Leute mit Verstand nicht anschlossen“, so Professor Behr, der seine Promotion zum Thema „Islamischer Religionsunterricht in Deutschland“ verfasste und der zunächst an der Uni Erlangen-Nürnberg lehrte, bevor er dem Ruf nach Frankfurt zur Goethe-Universität folgte. Toleranz definierte der Familienvater von sechs Kindern wie folgt: „Toleranz ist die Kunst mit dem fruchtbar umzugehen, was man nicht mag.“ Toleranz sei ein Gebot zu allen Zeiten.

Bereits eine Brücke zu anderen Ländern und Kulturen und vor allem zu Kindern mit Behinderungen in Peru hatten einige Gruppen der Heroldstatter Sternsinger vor der Festrede von Professor Harry Harun Behr geschlagen. Sie erfreuten die Gäste mit einigen Liedern und stellten das diesjährige Dreikönigssingen mit dem Leitwort „Segen bringen, Segen sein. Wir gehören zusammen – in Peru und weltweit!“ vor, das vom Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) ausgerichtet wird. Ihr Ziel sei in diesem Jahr, vor allem Kindern mit Behinderungen zu helfen und ihnen eine gute Schulausbildung zu ermöglichen.

Bürgermeister Michael Weber würdigte den engagierten und großartigen Einsatz der „Dreikönige von Heroldstatt“ wie den der Sternsinger bundesweit. Geschenke hatte er mitgebracht als Zeichen der Wertschätzung ihres Einsatzes in guter Mission. Zudem steckte er ihnen einen Geldschein in die Opferbüchse.

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