Interessante historische Wanderung durch Ennabeuren

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Rudolf Schauflinger wartete mit vielen Daten und Fakten auf.
Rudolf Schauflinger wartete mit vielen Daten und Fakten auf. (Foto: Steidle)

Weitere Fotos zu der historischen Wanderung mit Rudolf Schauflinger finden Sie im Internet unter

www.schwaebische.de/historischewanderung2018-ennabeuren

Viele weitere historische Daten und Fakten von ihrer Heimat haben die rund 200 Besucher bei einem weiteren Streifzug durch die Geschichte Ennabeurens erfahren. Rudolf Schauflinger, der die Geschichte seines Heimatortes intensiv aufgearbeitet hat, führte die Gäste durch den Ort – diesmal zu den Kirchen und Pfarrhäusern auf den Heiligen Berg und dann über die Steinstetter Straße hinunter vorbei an den Gasthäusern Krone, Rössle und Engel zum Backhaus in der Hülbenstraße, bei der einst die große Hüle im Ort zu finden war. Schauflinger verriet, was er in vielen Archiven in langjähriger Arbeit zusammengetragen hat. Und er garnierte seine Ausführungen mit einigen Anekdoten.

Die Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins und die Trachtenkapelle Ennabeuren haben die historische Wanderung durch den Heroldstatter Ortsteil veranstaltet. Bereits vor zwei und drei Jahren stieß ein Streifzug durch die Ortsgeschichte generationsübergreifend auf sehr großes Interesse. So ist es auch bei der jüngsten Neuauflage wieder der Fall gewesen. „Traditionelles gilt es auch in Ennabeuren zu bewahren“, erklärte die Vorsitzende beider Vereine, Sabrina Hertrich, bei ihrer Begrüßung. Sie freute sich über das enorme Interesse so vieler Teilnehmer, die Neues von ihrem Heimatort erfahren wollten. Ihr Dank galt Hobbyhistoriker Rudolf Schauflinger, der bei dem Rundgang durch den „Großen Stock“ sowie mit einer interessanten Bildpräsentation im Festzelt den Gästen ein Stück Heimatgeschichte näherbrachte.

900 Jahre Ortsgeschichte

„900 Jahre Zeitgeschichte, das bedeutet aus vielen Zahlen und Fakten aus Kirchenbüchern, Archiven, Zeitungen und einem breiten privaten Fundus die wichtigsten Schlagzeilen kompakt darzustellen, was kein leichtes Unterfangen ist“, legte Schauflinger dar und lud die Besucher zu seinem spannenden Gang durch die Geschichte Ennabeurens ein. Die beiden Kirchen im Ort bildeten zwei Schwerpunkte der Tour.

Vor der Cosmas- und Daminankirche ließ der Hobbyhistoriker wissen, dass auf Anordnung von Herzog Christoph die Kirchhöfe mit einer Mauer zum Schutz der Bevölkerung und der Fracht- und Salzfuhrwerke zu umfassen waren. Die heutige evangelische Kirche sei erstmals 1275 urkundlich erwähnt worden und war einst eine Volks- oder Fliehburg oder Wehrkirche. Vermutlich sei die Cosmas- und Damiankirche auf den Grundmauern einer Peterskapelle gebaut worden.

Die Rache des Herzogs

Und zu dieser Kapelle hatte Rudolf Schauflinger Interessantes zu sagen: 1129 habe Herzog Friedrich II, der „Einäugige“ und der Vater von Friedrich Barbarossa, den Flecken Oninburrin „mit Feuer und Schwert“ total verwüstet und seine Mannen hätten nicht mal Halt vor dem romanischen Kirchlein gemacht. Der Altartisch sei den Heiligen Berg hinunter geworfen worden und lag 800 Jahre unbenutzt als Fußboden im Totenhäuschen, bis der Tuffstein seit 1980 zum Altar in der Friedhofskapelle wurde: Der Grund für den Rachefeldzug und die Verwüstungen: Zwei Jahre zuvor, 1127, hätten Bauern Ennabeurens in „wahnsinniger Verblendung“ Herzog Friedrich II. verjagt.

Schauflinger machte Ausführungen zum Wiederaufbau und zu Umbauten der evangelischen Kirche und setzte dann zu einem großen Zeitsprung in die Jahre 1907 und 1988 an, als Kirche und Kirchturm renoviert wurden. Interessant waren seine Daten zu den vier Kirchenglocken: zur Betglocke von 1502 bei (rund 650 Kilogramm), zur Kreuzglocke von 1498 (rund 400 Kilo), zur Taufglocke von 1517 (rund 50 Kilo) und zur Zeichenglocke von 1963 (rund 200 Kilo). Schauflinger stellte einen interessanten Vergleich an: Die mit 202 Tonnen schwerste Zarenglocke im Moskauer Kreml (1733 bis1735) sei nie geläutet worden und die Schwörglocke im Ulmer Münster wiegt 3,5 Tonnen. Seit 1961 erfolgt das Glockenläuten elektrisch. 1988 wurde bei der Renovierung die Kirchturmkapsel geöffnet, interessanter Inhalt tauchte auf.

Während die Reformation in Württemberg 1534 erfolgte, sei sie erst 1594 in Ennabeuren umgesetzt worden und gewaltige soziale Spannungen habe es in den Jahren 1596 bis 1935 – also 339 Jahre lang – gegeben, als die Cosmas- und Damiankirche als Simultankirche genutzt wurde. „Man wollte damals möglichst nichts miteinander zu tun haben, schon gar nicht aufeinander angewiesen sein“, schilderte Schauflinger die Situation zwischen Protestanten und Katholiken, die etwa den eigenen Dorfschmied und die eigenen Kolonialläden hatten und die einander das Obst von den Bäumen schüttelten. Hunde sollen gar auf den evangelischen Pfarrer Martin Rebstock gehetzt worden sein. Wer zu welcher Kirche gehörte, ist in einer Quelle nachzulesen: „Ab 1593 gingen die helfensteinischen und ab 1627 die fürstenbergischen Untertanen zur katholischen Messfeier, die grafeneckischen und württembergischen Untertanen besuchten die evangelische Predigt.“

Kirchweih lockt Bettler an

Ab 1758 feierten die Katholiken ihre eigene Kirchweih verbunden mit dem Kirchenpatrozinimum am 26. September, was 600 bis 700 Bettler und Vaganten in den Ort zog, bei gerade mal knapp 350 Einwohnern. „Eine unvorstellbare Zahl“, wie der Hobbyhistoriker sagte. Deshalb habe sich er evangelische Pfarrer Seefried beim Königlichen Oberamt beschwert: „Von dem häufig eindringenden Schwarm solcher meist verdächtiger Gauner und Vaganten wären Brand und Raub zu erwarten.“

Ennabeuren war bis 1806, bis zum großen Einfluss Napoleons, zwischen den Häusern Fürstenberg und Württemberg de jure hälftig geteilt gewesen, wobei de facto die Württemberger das Übergewicht hatten, ist in Quellen nachzulesen. Jede Herrschaft besteuerte ordentlich ihre Untertanen und sprach Recht. Von 1773 an durfte übrigens kein Mann vor dem 25. Lebensjahr heiraten, da der Herzog Soldaten brauchte.

Auf dem Heiligen Berg wusste Schauflinger Interessantes zu den beiden Pfarrhäusern, dem evangelischen und dem ehemaligen katholischen: So habe der evangelische Pfarrer Seefried schon 1747 zum Zustand des Wohnhauses von einer „verdrießlichen Angelegenheit“ gesprochen, in dem die Kühe im Untergeschoss mit den Hörnern gegen den Fußboden gestoßen haben sollen und er mit seiner Frau fast durch die verfaulten Bretter in den darunter gelegenen Stall gefallen sei. Auch Pfarrer Schnizer schrieb 1882, wie „beschämend“ es sei, „in einem alten hässlichen Haus wohnen zu müssen“, während der katholische Kollege gegenüber „in einem trefflich ausgestatteten Haus“ leben dürfe.

In einer langen Prozession und einer Pilgergruppe gleichend zogen die rund 200 Exkursionsteilnehmer dann zur katholischen Kirche Mutter Maria, die 1936 gebaut wurde und die 1986 ihr 50-jähriges Bestehen feierte. Geprägt habe das Leben der katholischen Kirchengemeinde im vergangenen Jahrhundert vor allem Pfarrer Josef Kulmus in den Jahren 1925 bis 1974, der seelsorgerisch und missionarisch sehr aktiv gewesen sei und ein ausgeprägtes Organisationstalent mitbrachte, so Schauflinger.

Sich dem Hitler-Gruß widersetzt

Er berichtete von den Begegnungen der Ennabeurer mit Pater Josef Kentenich im April und Mai 1945 nach dessen Entlassung aus dem Konzentrationslager Dachau nach mehrjähriger Haft. Pfarrer Kulmus sei während der Nazi-Diktatur – auch wegen des Schulhausstreits – Repressalien ausgesetzt gewesen und 1936 von der Gestapo gar verhaftet und verhört worden, weil er bei der Hand nach oben nicht „Heil Hitler“, sondern „Gelobt sei Jesus und Maria“ gesagt habe.

„Westbahnhof“ in Ennabeuren

Unter der Regie von Pfarrer Kulmus sind gebaut worden 1950 das Heim „Marienkron“, das 1986 aufgegeben und dann als Pfarrhaus diente, sowie 1967 der Kindergarten „Mariengart“, der seit 2012 katholisches Gemeindehaus ist. Das frühere Josefshaus konnte deshalb abgerissen werden. Bei der 1927 geweihten Schönstatt-Kapelle habe nach dem Zweiten Weltkrieg der Schwarzmarkt geblüht und die Stelle sei als „Westbahnhof“ bezeichnet worden, verriet Schauflinger.

Weitere Stationen der Exkursion in die Geschichte Ennabeurens bildeten die zahlreichen Gasthäuser, die einst in dem Ort zu finden waren, bevor die Besucher im Festzelt Bilder von früher und heute in einer interessanten Präsentation sahen und die rasante und wechselvolle Entwicklung des Orts erlebten. Zu erfahren war, dass das älteste Haus Ennabeurens in der Steinstetter Straße steht und aus dem Jahr 1575 stammt.

Weitere Fotos zu der historischen Wanderung mit Rudolf Schauflinger finden Sie im Internet unter

www.schwaebische.de/historischewanderung2018-ennabeuren

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