Auf der Spur von Häftling 29392 in Dachau

Lesedauer: 7 Min

Führung durch das Konzentrationslager Dachau, in das vor 75 Jahren Pater Josef Kentenich eingeliefert wurde. Rund 30 Exkursions
Führung durch das Konzentrationslager Dachau, in das vor 75 Jahren Pater Josef Kentenich eingeliefert wurde. Rund 30 Exkursionsteilnehmer aus Laichingen, Westerheim und Heroldstatt waren bei einer Gedenkfahrt im März dabei. (Foto: Hansjörg Steidle)
Schwäbische Zeitung

Als Häftling Nr. 29392 ist vor 75 Jahren Pater Josef Kentenich ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert worden. Der Gründer der Schönstatt-Bewegung war in der „Hölle von Dachau“ von März 1942 bis April 1945, bevor er nach seiner Entlassung das Kriegsende auf der Schwäbischen Alb in Ennabeuren und Westerheim verbrachte. Zur Erinnerung an die Gefangenschaft Kentenichs hat die Schönstatt-Bewegung unlängst eine Fahrt zur KZ-Gedenkstätte Dachau organisiert, unter der Regie der beiden Marienschwestern Rita Fleck aus Laichingen und Tonia-Maria Hanggartner aus Heroldstatt.

Vor 75 Jahren, am 13. März 1942, ist Pater Josef Kentenich ins KZ Dachau eingeliefert worden, stufte ihn das damals herrschende Regime doch als große Gefahr ein und verurteilte ihn deshalb zur Lagerhaft. Aufgrund seiner strikt ablehnenden Haltung dem Nationalsozialismus gegenüber war Kentenich bereits am 20. September 1941 in Koblenz von der Gestapo verhaftet und dann im März 1942 in das Konzentrationslager Dachau überstellt worden, wo er bis zum 6. April 1945 inhaftiert war. Im KZ in Dachau gründete der Pater am 16. Juli 1942 zwei Schönstatt-Gemeinschaften: das Schönstatt-Institut Marienbrüder und das Schönstatt-Familienwerk.

Auf die Spuren von Pater Josef Kentenich begangen sich rund 30 interessierte Personen aus Laichingen, Heroldstatt und Westerheim, die bei einem Rundgang durch das Konzentrationslager die Schrecken und das Leiden der Inhaftierten nachvollziehen konnten, die dort ohne Namen und nur mit Nummern leben mussten. Eine fachkundige Fremdenführerin begleite die Reisegruppe von der Alb ausgehend vom Besucherzentrum durch das Areal.

Angeschaut haben die Teilnehmer der Gedenkfahrt zunächst die Verbindungsstraße zwischen Bahnhof und KZ, den viele Gefangene gehen mussten, und das Jourhaus, das Dienstgebäude der SS (Schutzstaffel), die die Leitung des Schutzhaftlagers schon im April 1933 übernommen hatte. Gezeigt wurde ihnen dann das ehemalige Wirtschaftsgebäude mit heutigem Museum mit „Häftlingsbad“ und Prügelbock, der Appellplatz, das internationale Mahnmal mit Gedenktafeln von 1968, der Bunker (das ehemalige Lagergefängnis), die Baracken, die Sicherheitsanlagen mit Wachtürmen und Graben sowie das Krematorium.

Beeindruckt zeigten sich die Besucher von den Kirchen in dem Areal, so von der russisch-orthodoxen Auferstehungskapelle von 1995, von der evangelischen Versöhnungskirche von 1967, von der katholischen Todesangst-Christi-Kapelle von 1960 sowie am angrenzenden Karmel-Kloster „Heilig Blut“ von 1964. In der Todesangst-Christi-Kapelle mit offenem Blick auf die ehemaligen KZ-Baracken feierten die Pfarrer Marzell Gekle und Pfarrer Karl Enderle einen ergreifenden Gottesdienst, wobei die Reiseteilnehmer und weiteren Gäste im Halbkreis um den Altar saßen. Wichtiger Appell der beiden Geistlichen war dabei, für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit einzutreten und die Menschenrechte zu achten. Denn jeder Mensch sei einmalig, Gott rufe ihn mit Namen und nicht mit einer Nummer.

Den Besuchern wurde der Weg beschrieben, den Pater Josef Kentenich bei seiner Einlieferung am 13. März 1942 vom Bahnhof Dachau durch das Jourhaus zum Wirtschaftsgebäude gehen musste – durch das Tor mit dem großen Eisengitter, das die Inschrift „Arbeit macht frei“. Diese Aussage des NS-Regimes hatte der ebenfalls inhaftierte Pfarrer Heinz Dresbach als „in Guss gegossene Lüge“ bezeichnet.

Im Gedenkraum des heutigen Museums ist ein Bild von Pater Josef Kentenich neben einem Schönstatter Gnadenbild aufgehängt, das bei seiner Einlieferung aufgenommen wurde. Eine gute Fügung rettete den Pater vor dem sicheren Tod: Am 24. Juni 1942 wurde er vor der Selektion zum Transport nach Schloss Hartheim bei Linz in Österreich bewahrt, wo invalide Gefangene mit Giftgas ermordet wurden. Peter Kentenich war noch im Zugangsblock und noch nicht im Arbeitseinsatz. Der Blockälteste Hugo Gutmann versteckte ihn unter der Nummer von Peter Fischer im Arbeitskommando Desinfektion. Im Bunker musste der Geistliche den 9. und 10. März 1944 verbringen, wegen seines Verhörs über einen illegalen Schriftverkehr.

Für den Gründer der Schönstatt-Bewegung war das Ende der Haft im KZ Dachau am 6. April 1945 erreicht, das Lager wurde von amerikanischen Truppen am 29. April 1945 befreit, als sich noch 30 000 Häftlinge in dem Lager befanden. Nach seiner Entlassung verbrachte Pater Josef Kentenich eine vierwöchige „Wartezeit“ in Ennabeuren bis zu seiner Weiterfahrt am 18. Mai 1945 nach Schönstatt bei Koblenz. Während dieser Zeit hielt er in Ennabeuren wie in Westerheim viele Predigten und stand der Bevölkerung in der schweren Zeit des Kriegsendes schützend und aufmunternd bei. Er kannte Ennabeuren schon von früheren Besuchen.

Das Konzentrationslager Dachau, kurz KZ Dachau, bestand vom 22. März 1933 bis zu seiner Befreiung durch Soldaten der 7. US-Armee am 29. April 1945. Das NS-Regime errichtete es bereits wenige Wochen nach seinem Machtantritt. Insgesamt waren etwa 200 000 Häftlinge in Dachau inhaftiert, darunter zahlreiche bekannte Persönlichkeiten wie Bürgermeister, Kommunalpolitiker oder Reichstagsabgeordnete aller Parteien. Eine Sonderstellung des Lagers war, dass Ende 1940 sämtliche bereits in anderen KZs inhaftierten Geistlichen verschiedener Konfessionen nach Dachau verbracht und im dortigen Priesterblock inhaftiert wurden. 32 000 Menschen soll im KZ Dachau ihr Leben verloren haben.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen