Verteidigung: Mutmaßlicher Anglersee-Mörder war nur Helfer

Lesedauer: 6 Min
Angeklagter wird in den Gerichtssaal geführt
Der Angeklagte 46-Jährige wird am Montag in den Gerichtssaal geführt. Er soll einen 19-Jährigen aus Blutrache mit einem Hammer erschlagen haben. (Foto: David Drenovak)

Unter einem Vorwand an einen Anglersee in Erbach gelockt – und dann mit Hammerschlägen grausam getötet: So ist aus Überzeugung der Staatsanwaltschaft das Opfer in Zusammenhang mit einer Familienfehde zwischen Albanischen Clans zu Tode gekommen. Die Verhandlung gegen den mutmaßlichen Täter hat am Montag in Ulm begonnen. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, zusammen mit einem Komplizen, der aktuell mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, das Verbrechen begangen und die Leiche in einen See geworfen zu haben. Das unterstellte Motiv: Blutrache. In einer schriftlichen Stellungnahme bestreitet der Angeklagte die Mordvorwürfe. Fragen zur Tat wollte er vorerst nicht beantworten.

Eine lange Reihe von gegenseitigen Blutrache-Morden zweier albanischer Familien soll der Tat in Erbach vorausgegangen sein, wie der Anklage des Leitenden Oberstaatsanwalts Christof Lehr zu entnehmen ist. Der Fall füllt mittlerweile 59 Ordner mit Ermittlungsakten. In Hand- und Fußfesseln betrat der 46-jährige Hauptverdächtige, der in Göppingen wohnt und seit Mitte vergangenen Jahres in Untersuchungshaft sitzt, den Schwurgerichtssaal und verfolgte regungslos die Verlesung der Anklage.

Ausgespäht und gelockt

Er soll einen in Nordrhein-Westfalen wohnenden 19-Jährigen ausgespäht und mit einem Komplizen zu einem fingierten Drogengeschäft gelockt haben, um ihn dabei, nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft, brutal mit neun Hammerschlägen zu töten. Tatort war ein eingezäunter Anglersee bei Erbach, zu dem der Beschuldigte, als Mitglied eines Angelvereins, den Schlüssel hatte. Nach der Tat sollen der Angeklagte und sein Komplize die Leiche in eine Plane gewickelt und mit einer rund 20-Kilogramm schweren Betonsäule in Mafiamanier, zur Vertuschung der Tat, im See versenkt haben.

Nach dem Verlesen der Anklageschrift unterbrach der Vorsitzende Richter, Gerd Gugenhan, die Verhandlung bis zum Nachmittag. Die in großer Zahl erschienenen Familienmitglieder von Opfer und Angeklagtem wurden als mögliche Zeugen vom weiteren Verhandlungsverlauf ausgeschlossen, um sie später vernehmen zu können. Um diesem Ausschluss zu entgehen, machten einige Familienmitglieder und nahe Verwandte, wie die Ehefrau, die Neffen und die Brüder des Angeklagten, Gebrauch von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht.

Leiche mit Beton im See versenkt

Verteidiger Dirk Meinicke betont, dass sein Mandant lediglich Helfer gewesen sei und verlas dessen Stellungnahme zu den Vorwürfen. Darin räumt der 46-Jährige ein: Plane, Draht, Handschuhe und die Betonsäule in einem Göppinger Baumarkt erstanden zu haben. Dies sei jedoch alles auf Geheiß des flüchtigen zweiten Tatverdächtigen geschehen. Von Blutrache habe er nichts gewusst und sich nicht dazu verschworen. Er habe gedacht, die Gegenstände würden zur Vorbereitung eines Drogengeschäfts benötigt.

Es war ein grausamer Fund: In einem See bei Erbach findet ein Angler eine in Plastikplane gewickelte Leiche. Die Polizei ermittelt, gründet eigens dafür eine Soko See. Die Ermittlungen erstrecken sich bis nach Südosteuropa. Anscheinend mit Erfolg. Jetzt steht der mutmaßliche Mörder in Ulm vor Gericht.

Am Tattag habe der Angeklagte den Komplizen und das spätere Opfer am Stuttgarter Bahnhof abgeholt, ohne jedoch zu wissen, wer der 19-Jährige überhaupt sei. Er sei daraufhin mit den beiden Männern nach Göppingen gefahren und habe ihnen dort sein Fahrzeug mit den Baumarktartikeln übergeben. Er habe weder beim Mord geholfen, noch die Leiche verschwinden lassen. Auch das Mordwerkzeug, den Hammer, will er nicht besorgt haben. Er sei zum Tatzeitpunkt gar nicht am Angelsee gewesen. Zwar sei auch ihm in letzter Sekunde aufgefallen, dass etwas anderes als ein Drogendeal im Gange war, aber aus Angst um seiner Familie habe er den anderen weder aufgehalten, noch die Polizei alarmiert. Der zweite Tatverdächtige sei, wie der Angeklagte in seiner Stellungnahme schildert „ein sehr gefährlicher Mann“. Weitere Fragen wollte der 46-Jährige bis auf Weiteres aber nicht beantworten.

Großes Medieninteresse

Für den umfangreichen Indizienprozess sind 33 Sitzungstage bis Januar 2019 anberaumt. Fünf Sachverständige und mindestens 28 Zeugen sollen aussagen. Das Medieninteresse an der Verhandlung ist groß. Zahlreiche Radio- und Fernsehteams sowie Pressevertreter waren bei der Prozesseröffnung vor Ort. Die Verhandlung wird am 7. Mai fortgesetzt.

Am Montag entdecken Spaziergänger eine Leiche in einem Erbacher Anglersee. Am Dienstagabend finden Feuerwehrleute bei einem Wohnungsbrand in Ulm die Leiche eines 64-Jährigen. In beiden Fällen geht die Polizei von einem Gewaltverbrechen aus. Die jeweiligen Ermittlungen der Kriminalpolizei laufen auf Hochtouren - Wir haben den aktuellen Ermittlungsstand der beiden Fälle zusammengefasst.

Kriminalität: Hier werden die meisten Straftaten verübt (2016)

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen