Hammer-Mord am Anglersee war womöglich albanische Blutrache

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Polizisten entdeckten am 22. Mai 2017 am Erbacher Anglersee die Leiche eines 19-jährigen Albaners.
Polizisten entdeckten am 22. Mai 2017 am Erbacher Anglersee die Leiche eines 19-jährigen Albaners. (Foto: Polizei Ulm/dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Thomas Burmeister

Barsche, Karpfen und Hechte tummeln sich in idyllischen Anglerseen beim Donaustädtchen Erbach. Doch was Polizisten dort im Mai 2017 ans Ufer ziehen, ist kein Fisch. Sie bergen die in Folie gewickelte Leiche eines 19-Jährigen aus Albanien. Er sei an den See gelockt und dort „mit einer Vielzahl an wuchtig geführten Schlägen, mutmaßlich mit einem Hammer, gegen den Kopf“, getötet worden, sagt die Staatsanwaltschaft. Bei dem Mord habe es sich „um die Fortführung einer Blutrache“ gehandelt. Das hätten Ermittlungen bis nach Südosteuropa ergeben.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf eine Selbstjustiz, die in den Bergen des nördlichen Albanien entstand und vor Deutschlands Grenzen keineswegs halt macht. Von diesem Montag an muss sich ein 46-jähriger aus Albanien stammender Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft wegen Mordes vor dem Landgericht Ulm verantworten. Er soll den 19-Jährigen aus niederen Beweggründen erschlagen haben. Das mutmaßliche Motiv wirkt haarsträubend: Der junge Mann musste demnach mit dem Leben für einen Mord bezahlen, den 17 Jahre zuvor ein Onkel von ihm in Albanien verübt haben soll.

„Blut für Blut“

„Blut für Blut“ – so sieht es das Gewohnheitsrecht „Kanun“ vor. Jahrhundertelang hätten sich patriarchalisch-katholisch geprägte Familien in den Bergen danach gerichtet, sagt Herbert Schedler, Albanien-Experte des Osteuropa-Hilfswerks der katholischen Kirche (Renovabis) in Freising. Verboten und Aufklärungskampagnen zum Trotz werde Blutrache noch praktiziert, wenngleich viel seltener als einst.

Mit Verbrechen, die anscheinend auf „Kanun“-Vorschriften beruhen, wird auch die deutsche Justiz immer wieder mal konfrontiert. So wurde Anfang 2017 ein 46 Jahre alter Albaner vor einer Grundschule im niedersächsischen Visselhövede erschossen. Auch dabei ging es laut Staatsanwaltschaft um Blutrache. Das Landgericht Verden verurteilte einen 23-jährigen Albaner wegen Mordes zu lebenslanger Haft.

Wie oft in Deutschland die archaisch-christliche Blutrache oder auch islamistisch motivierte Morde im Namen einer vermeintlichen Ehre vorkommen, wird in den Statistiken des Bundeskriminalamtes (BKA) nicht erfasst. Derartige Motivlagen sind keine geltende Strafrechtskategorie. Gleichwohl seien solche Verbrechen „fester Bestandteil des Kriminalitätsgeschehens und damit der Gesellschaft in Deutschland“, erklärte 2010 der damalige BKA-Präsident Jörg Ziercke.

Geprägt von der Heimat

„Man kann allgemein sagen, dass manche Migranten noch sehr stark von Normvorstellungen in ihren Herkunftsländern geprägt sind“, sagt Professor Dietrich Oberwittler vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. „In diesem Kulturkonflikt kollidiert das alte Normensystem mit dem modernen.“

Bei der Urteilsfindung werde jedoch allein das bei uns geltende Recht angewandt. „Dass Leute in anderen Rechtsordnungen verwurzelt sind, wird keineswegs als Entschuldigungsgrund anerkannt“, sagt der Freiburger Professor. Zudem sei die Rechtssprechung bei Morden unter Berufung auf die Wiederherstellung einer „Ehre“ tendenziell sogar strenger. „Richter gehen in solchen Fällen eher von niederen Beweggründen aus, die strafverschärfend zu werten sind.“

Zweifel an „echter“ Blutrache

Unabhängig davon zweifelt Albanien-Kenner Herbert Schedler daran, dass es bei dem Anglersee-Mord überhaupt um „echte“ Blutrache ging. Eine Tötung mit einem Hammer an einem Ort, zu dem das Opfer heimtückisch gelockt wurde, entspreche keineswegs alten „Kanun“-Regeln. „Danach müsste das Opfer auf offener Straße von vorn angesprochen werden, ehe es erschossen wird.“ Heutzutage werde in Albanien aber nicht selten „normale Kriminalität, etwa Raubdelikte, verbrämt durch Hinweise auf die ,Kanun’-Blutrache, um einen Anschein von Ehre zu vermitteln“.

Ein häufiges Problem in derartigen Verfahren ist laut Professor Oberwittler, dass Ermittler auf eine Wand des Schweigens stoßen. „Familienmitglieder, Unterstützer, Anstifter wollen keine Aussagen machen.“ Das gehört wohl auch zu den Schwierigkeiten in diesem Fall. Der Beschuldigte bestreitet die Tat. Der Prozess beruht weitgehend auf Indizien und auf der Befragung von rund 30 Zeugen – darunter aus dem Umfeld des Opfers und des Beschuldigten – sowie von fünf Sachverständigen. Geplant sind acht Verhandlungstage bis zum Sommer. Das Gericht hat aber 25 weitere Tage reserviert. Mit einem Urteil wäre dann erst im Januar 2019 zu rechnen.

64-Jähriger wurde getötet

Am Montag entdecken Spaziergänger eine Leiche in einem Erbacher Anglersee. Am Dienstagabend finden Feuerwehrleute bei einem Wohnungsbrand in Ulm die Leiche eines 64-Jährigen. In beiden Fällen geht die Polizei von einem Gewaltverbrechen aus. Die jeweiligen Ermittlungen der Kriminalpolizei laufen auf Hochtouren - Wir haben den aktuellen Ermittlungsstand der beiden Fälle zusammengefasst.

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