Urteil: Körperliche Misshandlung eines Kindes nicht erwiesen

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Der Richter hat die Angeklagte freigesprochen.
Der Richter hat die Angeklagte freigesprochen. (Foto: Archiv)
Dominik Prandl

Freispruch hieß es am Ende – nach einer mehrstündigen Verhandlung mit acht Zeugen und einem Sachverständigen. Die Staatsanwaltschaft verdächtigte eine 22-jährige Frau, im Januar vergangenen Jahres das knapp dreijährige Kind ihres damaligen Partners heftig geschlagen zu haben.

„Körperliche Misshandlung“, so lautete der Vorwurf: Die junge Frau soll dem Kleinkind mindestens zwei kräftige Ohrfeigen verpasst haben, was zu einem Schädel-Hirn-Trauma sowie Hämatomen im gesamten Gesicht geführt haben soll. Besonders die rechte Gesichtshälfte des kleinen Kindes, inklusive Ohr, soll sich in der Folge blau-schwarz verfärbt haben.

Während der Verhandlung wurde der Tag des Geschehens so genau wie möglich rekonstruiert: Der damals fast dreijährige Junge war im Januar vergangenen Jahres etwas verschnupft. Eigentlich sollte er wieder in die Kita gehen, doch die Angeklagte schlug ihrem damaligen Partner aus Schelklingen vor, noch einen Tag auf den Kleinen zu Hause aufzupassen. Morgens fuhren sie mit dem Zug zum Vater nach Ulm und kauften dort ein. Zurück in Schelklingen machte das Kind einen Mittagsschlaf. Am frühen Nachmittag wachte es auf und hatte Hunger. Die Angeklagte schmierte ihm in der Küche, ein Nutella-Brot. Plötzlich habe der Junge im Wohnzimmer „Aua, Hilfe“ geschrien, erzählt sie. Weinend habe er vor dem Fernsehtisch gesessen. Sie sei davon ausgegangen, dass er von dort heruntergefallen sei und habe ihn hochnehmen wollen – doch der Junge habe sich wohl in einem Kabel verheddert und fiel nochmals.

Kontakt über WhatsApp

In der Folge nahm die junge Frau Kontakt zu verschiedenen Menschen auf, unter anderem zu ihrer Mutter und dem Vater des Kindes. „Dein Kind ist gegen den Tisch geschlagen“ schrieb sie diesem per WhatsApp und etwas später: „Der heult voll und wird blau.“ Ihre Mutter riet ihr, das Gesicht des Kleinen zu kühlen, was sie mit einem Kühlhandschuh versuchte. Mit dem Vater wurde der Junge schließlich in die Uniklinik gebracht.

Als untypisch für einen Sturz beurteilten die Kinderärzte die sichtbaren Hämatome. Zum einen, da das Ohr stark betroffen, zum anderen weil beide Gesichtshälften in Mitleidenschaft gezogen waren. Hinzu kommt: Vom Unterkiefer bis zum Ohr war ein streifenförmiges Muster erkennbar.

Der Junge äußerte sich zum Tathergang in der Folge lediglich mit den Worten: „Hüpfen, aua.“ Fast ein Jahr später allerdings, als ein Krankenwagen an ihm vorbeifuhr, erzählte er, dass er auch einmal in so einem Wagen gefahren sei, weil ihn die Angeklagte geschlagen habe. Mehrere Zeugen berichteten zudem, dass sich der Junge seit dem Vorfall ängstlich und distanziert gegenüber Frauen zeige.

Mehrere Zeugen sagten aus, dass die Angeklagte immer liebevoll mit dem Kleinen umgegangen sei. Während der Verhandlung wurde zudem mehrmals der Frage nachgegangen, ob der kleine Junge wegen einer Behinderung häufig gestolpert sei und wie „quirlig“ er vor einem Jahr gewesen sei.

Unfall laut Rechtsmediziner unwahrscheinlich

Belastend war die Einschätzung eines Rechtsmediziners, der als Sachverständiger an der Verhandlung teilnahm. Er erklärte, dass die Verletzungen im Gesicht nicht durch zwei Stürze auf den Fernsehtisch, gegen die Wand oder auf den Boden erklärbar seien. Zum einen, weil die Hämatome vom Unterkiefer bis zum Ohr reichten und so eher durch eine biegsame Hand erklärbar seien. Zum anderen, weil es sonst keine Erklärung für das streifenförmige Muster im Gesicht gebe. Würde man die Verletzungen in den verschiedenen Gesichtsregionen durch einen Unfall erklären wollen, hätte der Junge zweimal auf die linke und zweimal auf die rechte Seite fallen müssen, so die Einschätzung des Sachverständigen.

Der Richter hielt es letztendlich aber zumindest für möglich, dass der Junge doch mehrmals gestürzt sei. Und zwar auch an anderen Orten in der Wohnung, wo er sich auch die Striemen im Gesicht zugefügt haben könnte. Dass er dann erst am Fernsehtisch geschrien habe, könne an einem vorherigen Schockzustand gelegen haben. „Wir waren alle nicht dabei“, sagte der Richter in seinem Urteil. Trotz des Gutachtens habe er nicht unerhebliche Zweifel, dass es zu Schlägen gekommen sei. Um das zu belegen, bräuchte es noch mehr an Material. So ließ er am Ende den Grundsatz gelten: Im Zweifel für die Angeklagte.

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