Trainer von Ehingen-Süd: „Auch 2021 wird ein unruhiges Jahr werden“

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„Man darf den Fokus nicht verlieren in einer Zwangspause, man darf nicht das Gefühl bekommen, die Saison sei gelaufen“: Michael
„Man darf den Fokus nicht verlieren in einer Zwangspause, man darf nicht das Gefühl bekommen, die Saison sei gelaufen“: Michael Bochtler, Trainer des Fußball-Verbandsligisten SSV Ehingen-Süd. (Foto: Manfred Scherwinski)
Schwäbische Zeitung

Seit 2017 spielt der SSV Ehingen-Süd in der Fußball-Verbandsliga, hat sich in dieser Zeit vom Aufsteiger zu einer der besten Mannschaften in der höchsten württembergischen Spielklasse entwickelt. Die Kirchbierlinger belegten im vergangenen Jahr am Ende der abgebrochenen Spielzeit 2019/20 den vierten Platz und mischten auch zu Saisonbeginn 2020/21 ganz oben mit.

Hat sich zu einem Führungsspieler beim Verbandsligisten Ehingen-Süd entwickelt: Jan-Luca Daur (l.).
Hat sich zu einem Führungsspieler beim Verbandsligisten Ehingen-Süd entwickelt: Jan-Luca Daur (l.). (Foto: mas)

Zudem erreichte Süd im Verbandspokalwettbewerb erstmals das Viertelfinale. 2020 war aber auch ein Jahr, in dem Trainer und Spieler mit ungeplanten Zwangspausen umgehen mussten. Wie lange die seit Oktober andauernde erneute Unterbrechung dauern wird, lässt sich derzeit nicht sagen. SZ-Redakteur Andreas Wagner sprach mit SSV-Trainer Michael Bochtler über das Fußballjahr 2020 von Ehingen-Süd, die personellen Veränderungen im Sommer und die Herausforderung, Spieler zu betreuen in Zeiten, in denen normales Training nicht möglich ist.

SZ: Viele waren froh, als 2020 vorbei war. Mit welchem Gefühl sind Sie aus dem Jahr gegangen?

Bochtler: Mit gemischten Gefühlen. Einerseits war ich froh, dass das Jahr 2020 vorüber war, das für außergewöhnliche Situationen sorgte, auf die man hätte verzichten können. Es war also kein Fehler, das Jahr 2020 hinter uns zu lassen. Andererseits ist die Situation nach wie vor unsicher und man fragt sich: Wie geht es weiter? Wann wird es wieder normal? Beschäftigt uns das Virus noch länger? Auch 2021 wird ein unruhiges Jahr werden.

Im Frühjahr 2020 ruhte über Monate der Sportbetrieb, Ende Oktober folgte im Amateursport ein erneuter Stillstand. War 2020 für den Trainer eines Verbandsligisten entspannter oder anstrengender als die Jahre davor?

Sowohl als auch. Ich bin mehr zu Hause und habe mehr Zeit auch für andere Sachen. Andererseits ist man ständig damit beschäftigt, Trainingspläne auszuarbeiten, sie anzupassen, die Spieler bei Laune zu halten. Man muss schauen, den Bezug zur Mannschaft nicht zu verlieren.

Wie gelingt das?

Wir hatten vor ein paar Tagen ein Meeting auf Teams mit einem gemeinsamen Workout, das mit 21 Teilnehmern gut besucht war. Das wollen wir beibehalten und regelmäßig einmal pro Woche machen. Klar ist aber auch: Mit Videochat, Telefonaten und WhatsApp-Nachrichten ist es nicht so einfach, auf Dauer die Spannung aufrechtzuerhalten.

Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?

Gut. Über Weihnachten und Neujahr gab es ein bisschen weniger Kontakt, aber beim Teams-Meeting hat man gesehen, dass die Stimmung sehr gut und sehr ausgelassen ist. Wenn ich sagen würde, in 14 Tagen ginge es wieder los, würde sich jeder freuen. Aber wir wissen im Moment gar nichts. Deshalb geht es darum, die Laune aufrechtzuerhalten, und so haben wir entschieden, den Spielern Übungen an die Hand zu geben, Ausdauerlauf, Treppenlauf, Übungen zu Kraft und Mobilisation. Die Spieler haben damit ein Portfolio, aus dem sie sich etwas auswählen können.

Also ohne Leistungsnachweise und Kontrolle?

Wir sind noch nicht in der Phase, in der wir etwas einfordern. Wenn wir zu früh anfangen und es zieht sich noch viele Wochen hin, verlieren die Spieler die Lust, weil kein Ziel erkennbar ist, auf das man hinarbeitet. Jeder ist erst mal selbst gefragt, sich fit zu halten, um bestmöglich vorbereitet zu sein, wenn es wieder losgeht.

Nach dem Lockdown im vergangenen Frühjahr stellte sich im Sommer rasch eine weitgehende Normalität ein. Profitiert man von den damaligen Erfahrungen, wenn es dann schnell wieder losgehen sollte?

Das größte Problem ist der Kopf. Man darf den Fokus nicht verlieren in einer Zwangspause, man darf nicht das Gefühl bekommen, die Saison sei gelaufen. Deshalb müssen wir versuchen, die Mannschaft bei Laune und die Spannung zu halten, ohne zu übertreiben. Wenn man die Spieler zu sehr motiviert und dann verschiebt sich der Start nochmal um zwei oder drei Wochen, geht die Spannung verloren.

Tauschen Sie sich derzeit auch mit Trainerkollegen aus?

Wenig. Mit Daniel di Leo vom VfB Friedrichshafen habe ich mal telefoniert, auch mit dem einen oder anderen Trainer, den ich privat kenne. Aber im Prinzip machen alle das Gleiche, alle mit Videokonferenzen, inhaltlich teilweise mit etwas unterschiedlichem Fokus. Momentan sind die Möglichkeiten eingeschränkt.

Wenn Sie auf das vergangene Jahr blicken, in dem der SSV Ehingen-Süd in der abgebrochenen Runde 2019/20 Platz vier und damit das beste Verbandsliga-Ergebnis erreicht hat und im Verbandspokal erstmals das Viertelfinale erreicht hat – wie fällt Ihr sportliches Fazit für 2020 aus?

Ich denke, dass wir eine sehr gute Runde 2019/20 gespielt und gut abgeschlossen haben. Denkbar schlecht war zwar der Abschluss mit dem Spiel in Gmünd (Anfang März verlor Süd bei Normannia Gmünd 1:9; Anm. d. Red.), aber in Summe war es eine super Saison. Wir sind dann gut reingekommen in die Saison 2020/21, wir haben es geschafft, gut zu starten und im Pokal Erfolg zu haben, doch der Oktober war dann nicht mehr so erfreulich. Unterm Strich haben wir zwei Spiele zu viel verloren, die wir nicht hätten verlieren müssen – wie in Tübingen, als wir einen sehr schwachen Tag erwischt haben. Im Großen und Ganzen können wir aber zufrieden sein.

Im Sommer vergangenen Jahres gab es einen größeren Umbruch. Langjährige Leistungsträger wie Philipp Schleker, Michael Turkalj, Hannes Pöschl und Stefan Hess hörten auf oder verließen den Verein. Wie groß war die Herausforderung bei der Personalplanung für 2020/21?

Sie alle waren wichtige Spieler, Stefan und Hannes bis zuletzt Stammkräfte. Gerade Stefan Hess, der in der Abwehr sehr vielseitig ist, und Hannes Pöschl, der pro Saison seine 15 Tore schießt, zu ersetzen, war eine große Herausforderung. Was die Verteidigung angeht, haben wir das mit Nico Hummel ganz gut geschafft. Außerdem hat sich Jan-Luca Daur zu einem Führungsspieler entwickelt, zeigt konstant gute Leistungen, ist immer präsent und gehört auch dem Spielerrat an. Fabio Schenk partizipiert mit, hat eine ganz gute Saison gespielt. Etwas Flexibilität in der Abwehr ist allerdings verloren gegangen mit dem Weggang von Stefan Hess, der alle Positionen – rechter und linker Außenverteidiger, Innenverteidiger – spielen kann. Einen solchen Spieler haben wir aktuell nicht.

Viele junge Spieler haben eine wichtige Rolle. Wie beurteilen Sie die Entwicklung von Danijel Sutalo sowie Semir Telalovic, Max Vöhringer, Aaron Akhabue und Fabio Schenk, die alle vier vor wenigen Jahren aus der Jugend in die Männer-Verbandsliga gewechselt sind?

Danijel hatte kein so gutes Jahr, war immer mal wieder verletzt oder krank; es lief nicht rund bei ihm. Aber es war für ihn auch eine schwierige Situation im defensiven Mittelfeld, mit Marco Hahn als Stammkraft und Kevin Ruiz, der seinen Part spielt. Aber Danjiel hat seine Qualitäten, eine gewisse Aggressivität, die uns im einen oder anderen Spiel fehlte. Aaron war in den letzten zwei Jahren hinten dran, erzielte Jokertore. Ihm haben wir vor der Saison das Vertrauen geschenkt – und er ist auf einem guten Weg, den er fortsetzen muss. Max ist unglaublich konstant, hat eine hohe Qualität in der Spielauffassung, im Passspiel. Das hat man auch gesehen im Spiel gegen den Regionalligisten Ulm. Semir ist unheimlich ehrgeizig, teils schon zu sehr und er will es erzwingen. Aber er hat seine Qualitäten schon in den letzten Jahren gezeigt, mit Toren und Torvorlagen, spielt sehr konstant. Auch ihm traue ich den nächsten Schritt zu. Fabio hatte gut reingefunden in die Saison, war im Pokalspiel gegen den Oberligisten Ilshofen bärenstark. Wir haben immer wieder mal gewechselt, dann haben sich Daur und Hummel als Innenverteidiger-Duo eingespielt und Fabio kam etwas ins Hintertreffen.

Von den fünf Zugängen im Sommer hat sich der vom Regionalligisten Illertissen gekommene Marco Hahn erwartungsgemäß als Verstärkung und Führungsspieler herausgestellt. Wie bewerten Sie die Leistungen der anderen Neuen – zumindest der drei, die bisher zum Einsatz kamen, denn Narciso Filho fällt durch seinen Achillessehnenriss schon in der Vorbereitung aus?

Ilir Tupella ist erfahren und clever, hat aber etwas gebraucht, um körperlich auf das Niveau zu kommen. Aber er hat gezeigt, dass er in der Lage ist, Tore zu schießen, auch wichtige. Er war auf einem guten Weg, schade für ihn, dass die Runde im Oktober unterbrochen werden musste. Nico Hummel ist sehr robust im Spiel, hat eine gute Geschwindigkeit und, was mir besonders gefällt, eine große Passschärfe im Spiel nach vorn. Auch vom Typ her ist er ein Gewinn für uns. Von Robin Stoß wünschen wir uns, dass er sich mehr zutraut; klar ist die Verbandsliga eine andere Liga als die Bezirksliga und er hat eine Klasse übersprungen, aber er muss sich weiterentwickeln. Doch jede Woche, die er länger bei uns ist, tut ihm gut. Als Typ ist er Weltklasse, zieht in jeder Einheit voll mit, beißt immer auf die Zähne und ist bei jeder Teamsitzung dabei, auch wenn sie freiwillig ist.

In der Hinterhand haben sie noch einige Spieler, die seit Längerem verletzt sind und die bei Fortsetzung der Runde womöglich wieder zur Verfügung stehen. So gesehen hat die Zwangspause auch ihr Gutes?

Das ist etwas, das ich direkt nach der Unterbrechung gesagt habe. Die Pause ist gut für die angeschlagenen und verletzten Spieler. Jan Deiss hatte schon wieder voll mittrainiert, im Dezember aber noch eine OP, um die Platten im Fuß zu entfernen. Auch Stjepan Saric musste noch einmal operiert werden, weil der Mittelfuß nicht richtig zusammengewachsen ist. Bei Fabian Sameisla spielt die Zeit ebenfalls für uns, er macht schon wieder Läufe. Benjamin Gralla, dessen Kreuzbandriss vor einem Jahr war, war schon wieder regelmäßig im Torwarttraining und die Ärzte sagen, dass sein Knie stabil ist und die Bänder halten; jetzt muss er wieder Vertrauen bekommen. Aber da ist er auf gutem Weg, das weiß ich von unserem Torwarttrainer Roland Schmuker. Wenn ein Spieler nicht mehr zögert, ist das ein Zeichen dafür, dass er seine Verletzung überwunden hat.

Deiss, Sameisla und Gralla sind beim Neustart im Frühjahr wahrscheinlich wieder dabei, während Filho und Saric wohl noch länger ausfallen.

Ja. Außerdem war Daniel Maier auch schon wieder ein bisschen dabei; er hatte lange Zeit Probleme am Sprunggelenk. Inwieweit es hält, muss man sehen. Aber er will es noch mal probieren.

Wann es wieder losgeht, ist derzeit völlig offen. Klar dagegen dürfte sein, dass in der Verbandsliga mit 20 Mannschaften der normale Modus mit Vor- und Rückrunde zeitlich nicht mehr machbar ist. Wie beurteilen Sie die Situation?

Der Modus mit Vor- und Rückrunde ist für diese Saison passé, das ist klar. Damit sind auch alle einverstanden. Die Frage stellt sich, ob es nach Abschluss der Vorrunde anschließend eine Auf- und Abstiegsrunde gibt. Dies hängt davon ab, wann wir starten. Wenn es am 1. März oder 1. April losgeht, wird die Vorrunde zu Ende gespielt und anschließend eine Auf- und Abstiegsrunde. Wenn der 1. April nicht haltbar ist, kommt Plan B: Dann wird es darum gehen, die Vorrunde abzuschließen und Auf- und Absteiger zu ermitteln. Die dritte Möglichkeit, die der WFV ebenfalls kommuniziert hat, ist: Wenn die Politik sagt, es geht gar nichts mehr, wenn sich die Zwangspause bis in den Juni zieht, dann wird die Saison annulliert, es gibt keine Auf- und Absteiger und man beginnt im Sommer neu.

Bei einer Annullierung wären alle bisherigen Verbandsliga-Spiele in dieser Saison hinfällig. Wäre das in Ihrem Sinn?

Wenn es zu wenige Spiele sind, ist das eine Option. Am liebsten ist mir aber, die Vorrunde fertig zu spielen und danach eine Auf- und Abstiegsrunde auszutragen. Dann würde es sportlich entschieden.

Auch wenn man nicht weiß, wann und wie es mit der Saison 2020/21 weitergeht, richtet sich im Winter normalerweise der Blick auch schon auf das Folgejahr. Plant Ehingen-Süd bereits für 2021/22?

Momentan noch gar nicht, weder was meine Person, noch was den Kader betrifft. Aber es wird passieren müssen, schließlich wird es eine neue Saison 2021/22 geben, in welcher Form auch immer.

Der SSV Ehingen-Süd ist für Kontinuität bekannt und hat in den vergangenen Jahren immer versucht, die Mannschaft zusammenzuhalten. Daran dürfte sich wohl nichts ändern.

Ja. Erst recht nach den Erfahrungen im vergangenen Jahr. Da war es schwierig, Spieler zu bekommen. Im Frühjahr war alles unsicher, man wusste nicht, wie es weitergeht. Das ist in diesem Jahr ähnlich. So lange der Spielbetrieb ruht, kann man sich nicht profilieren. Außerdem weiß man bei Süd, was man hat.

Vom Gefühl her: Wann glauben Sie, dass die laufende Saison fortgesetzt wird?

Meine Prognose ist, dass Anfang April der Ligabetrieb wieder startet und dass man zum Training im März wieder auf den Platz kann. Bis 31. Januar aber geht auf jeden Fall gar nichts. Mindestens. Ich schätze, dass, bevor der Amateursport wieder zugelassen wird, erst Restaurants und Friseursalons wieder öffnen werden, damit die Leute zum Schaffen gehen können.

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