Tante-Emma-Läden kämpfen ums Überleben

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Aus seinem Wagen heraus verkauft Harald Hutter alles, was man zum Leben braucht. Jeden Tag fährt er dafür durch die Gemeinden in
Aus seinem Wagen heraus verkauft Harald Hutter alles, was man zum Leben braucht. Jeden Tag fährt er dafür durch die Gemeinden in der Region. (Foto: Jonathan Mayer)
Jonathan Mayer

Leise brummt die Kühlanlage des weißen Verkaufswagens vor sich hin. Im kurzärmligen Hemd, dreiviertellanger Jeans und mit Sonnenbrille auf der Nase steht Harald Hutter neben dem Gefährt vor seinem Haus in Illerrieden und raucht eine Zigarette. Mit dem Glimmstängel im Mund rollt er das Kabel auf, das von der Wand zum Wagen führt und die Kühlung in der Nacht am Laufen hält. Es ist Donnerstag, 8.15 Uhr. In 45 Minuten eröffnet Hutter seinen Stand in Rennertshofen. Bis dahin liegen noch knapp 25 Minuten Autofahrt und 23 Kilometer Strecke vor ihm. Gemächlich macht er sich auf den Weg. Er wirkt nicht gehetzt. Schon am Abend hat er Filterkaffee, Gewürzpackungen und Nudeln wieder aufgefüllt. „Sonst ist man morgens so im Stress und vergisst noch was.“

Seit drei Jahren führt Hutter „Barni’s Lebensmittelservice“ und tingelt täglich mit seinem Dorfladen auf vier Rädern durch die Gemeinden der Region. Aus dem Wagen heraus verkauft er alles, was man zum Leben braucht. In der gekühlten Warenausgabe liegen unter anderem Wurst, Käse, Schokoriegel und Butter. Im Regal an der Wand reihen sich Chipstüten an Kosmetika, Küchenrollen und Kaffeedosen. Jeden Donnerstag ist Hutter im Landkreis Neu-Ulm unterwegs. Dann führt ihn seine Tour nach Rennertshofen, Christertshofen, Ritzisried, Nordholz, Dietershofen und Gannertshofen. Seit März fährt er die Strecke schon ab. Mit seinem fahrenden Dorfladen will Hutter die Orte versorgen, in denen es keine Geschäfte mehr gibt. „Viele alte Menschen können ja nicht mehr Auto fahren.“

In Rennertshofen angekommen stellt er seinen Wagen auf dem Parkplatz hinter dem Vereinsheim ab. Geduldig rollt er das Kabel für die Kühlanlage aus und schließt es am Gebäude an, wischt mit einem Tuch über die angelaufenen Scheiben des Kühlfachs und lehnt sich schließlich an sein Mobil. Jetzt heißt es: Warten. Auf den Straßen des 160-Seelen-Dorfes sind kaum Menschen unterwegs. „Viele kommen hier nicht“, sagt Hutter. „Bei meinen Touren in Baden-Württemberg ist das besser.“ Anfangs hätten in Rennertshofen noch knapp zehn Kunden regelmäßig eingekauft, am heutigen Tag sind es null. „Ich habe Flyer verteilt und am Schwarzen Brett einen Zettel aufgehängt. Trotzdem bleiben die Kunden aus.“ Erklären kann er sich das nicht. „Wahrscheinlich liegt das an den großen Discountern.“

Geschlossen wegen Personalmangel

Tatsächlich haben viele Betreiber von Tante-Emma-Läden in der Region zu kämpfen. Erst Ende April musste ein Geschäft in Unterroth aus Personalmangel schließen. Übernommen hat den Betrieb daraufhin ein Großunternehmer aus Ulm. Offizielle Zahlen, wie viele Dorfläden es im Landkreis noch gibt, liegen nicht vor. Weder das Landratsamt in Neu-Ulm noch das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten oder das Amt für ländliche Entwicklung in Krumbach haben Informationen. Lediglich eines ist zu erfahren: Um dem Dorfladensterben entgegenzuwirken, gibt es Förderungen im Rahmen der Dorferneuerung. Im Landkreis steht derzeit aber keine an, heißt es vonseiten der Behörde.

In Jedesheim gibt es in der Ortsmitte einen kleinen Dorfladen. Dort versteht man sich als wichtigen Teil des gemeinschaftlichen Lebens. „Sonst wäre gar keine Bewegung mehr im Ort, nur noch die Schulkinder morgens und am Sonntag die Leute, die in die Kirche gehen“, sagt Verkaufsleiterin Helga Hörmann. Sie sitzt an der einzigen Kasse und zieht die Waren über den Scanner. Hörmann kennt fast jeden der täglich knapp 160 Kunden beim Namen. „Ich komme ja schließlich von hier, da kennt man die meisten.“

Viel übrig bleibt nicht

Das Geschäft ist genossenschaftlich organisiert. Einige Bewohner haben zusammengelegt und den Laden vor 17 Jahren eingerichtet. Vom erwirtschafteten Gewinn bekommen die Gesellschafter dann einen Anteil. Nach ein paar Jahren sollte die investierte Summe wieder drin sein. „Bis heute ist das aber noch nicht passiert“, sagt Hörmann. Sie kämen zwar über die Runden, viel übrig bleibe aber nicht. „Es gibt eben doch sehr viele, die lieber im Supermarkt einkaufen.“ Auch andere Dorfläden haben mit der Konkurrenz der Discounter zu kämpfen. Dana Neuhäusler, die in Tiefenbach ein kleines Geschäft mit dem Namen „Um’s Eck“ betreibt, sagt: „Wir können mit ihren Preisen einfach nicht mithalten.“ Viele Menschen würden lieber die vier Kilometer nach Illertissen fahren, um dort in einem der Supermärkte einzukaufen. Manuela Sauter, eine der Geschäftsführerinnen des Kellmünzer Dorfladens, berichtet von ähnlichen Sorgen: „Die großen Supermärkte zahlen bei ihren Angeboten drauf, locken damit aber Kunden in den Laden. Wir können uns so eine Strategie nicht leisten.“ Sauter sagt: „Es ist ein täglicher Existenzkampf.“

Die traditionellen Dorfläden versuchen, ihre Kunden an sich zu binden: In Tiefenbach, Kellmünz und Jedesheim setzt man auf regionale Produkte. Helga Hörmann hat für den Laden in Jedesheim sogar eigene Kreationen entwickelt. Sie nennt es den „Illertisser Korb“. Darin befinden sich nur Produkte aus der Region: Schokopralinen, Eier, Wurst, Honig. „Der kommt recht gut an. Regionales mögen die Leute“, sagt sie. Die Verkäuferin findet: „Produkte aus der Region machen Dorfläden aus.“ Doch selbst dieses Markenzeichen ist in Gefahr. Denn auch Supermarktketten setzen seit einigen Jahren auf Regionalität.

Kunderverhalten maßgeblich

Die Schuld nur den Supermärkten zu geben, wäre jedoch falsch, findet Harald Hutter. Er steht wieder vor seinem Wagen, hat sich abermals eine Zigarette angesteckt. „Dass viele Dorfläden kaputt gehen, daran sind auch ein bisschen die Kunden schuld.“ Schließlich seien sie es, die lieber im Internet oder im Supermarkt einkaufen und wenn überhaupt nur noch in einen Dorfladen gehen, wenn sie beim Wocheneinkauf im Discounter etwas vergessen haben. Er geht hinter sein Mobil, rollt wieder einmal geduldig das Kabel der Kühlung auf und klappt die Abdeckung nach unten. Heute hatte er keinen Erfolg. „Ich mach’ noch mal Werbung. Wenn’s dann nicht besser wird, such’ ich mir eine andere Route.“

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