SZ-Telefonaktion: Diese Tipps geben Experten übergewichtigen Menschen

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Ruth Krauss und Bernd Nasifoglu haben in Ehingen im Krankenhaus SZ-Leser beraten, die mit Übergewicht zu kämpfen haben.
Ruth Krauss und Bernd Nasifoglu haben in Ehingen im Krankenhaus SZ-Leser beraten, die mit Übergewicht zu kämpfen haben. (Foto: SZ- DTP)

Die Ärzte Ruth Krauss und Bernd Nasifoglu warten gespannt. Auf dem Tisch vor ihnen im Ehinger Krankenhaus steht ein Konferenztelefon. Leser der „Schwäbischen Zeitung“ hatten am Dienstagabend nämlich die Möglichkeit, bei den Experten anzurufen und sich von ihnen Ratschläge bei starkem Übergewicht einzuholen.

Mit dem Startschuss klingelt bereits das Telefon. Ein Mann, Mitte 50, berichtet von seiner Situation: „Ich habe Adipositas und einen BMI (Body-Mass-Index) von rund 58.“ Eigentlich ziehe er eine Magenverkleinerung, also einen chirurgischen Eingriff in Betracht. „Ich sollte aber erst einmal 30 Kilo abnehmen.“ Seit seiner Kindheit sei er schon übergewichtig. „Und es ist immer mehr geworden.“ Hinzu komme Diabetes, er spritze sich jede Menge Insulin am Tag. Er habe schon verschiedene Rehas hinter sich, ist verrentet. Doch die Kilos, die er während der Reha-Aufenthalte verliere, gewinne er hinterher wieder dazu. Das Problem: „Ich gehe nicht gern ins Schwimmbad. Da bin ich ausgelacht worden.“ Und Fitnessgeräte könne man ab einem bestimmten Gewicht auch nicht mehr nutzen. Nun ist er verunsichert und hofft auf den Rat der Experten.

Fettleibigkeit
Eine übergewichtige junge Frau bei einer Ernährungssprechstunde in der Universität Leipzig. (Foto: Waltraud Grubitzsch/Archiv / DPA)

„Ab einer bestimmten Gewichtsklasse ist es sehr schwierig, abzunehmen, das ist alleine kaum noch zu bewerkstelligen“, sagt Bernd Nasifoglu, Sektionsleiter für Viszeralchirurgie im Alb-Donau-Klinikum. „Ich denke, dass Sie an einer OP kaum vorbeikommen, wenn Sie wirklich Gewicht verlieren möchten.“ Das starke Übergewicht habe sicher auch eine genetische Komponente, ist er überzeugt. Der Vorschlag an den Anrufer: Ein Sprechstundenbesuch bei Ruth Krauss, Allgemeinmedizinerin in Erbach mit Schwerpunkt Ernährungsmedizin. Die gibt ihm bereits mit auf den Weg: „An Fitness werden Sie nicht vorbeikommen, auch nicht nach einer Operation.“

Wir erfinden das Rad nicht neu

Ruth Krauss

Ruth Krauss ist die zentrale Schaltstelle des Adipositas-Netzwerks Alb-Donau, das kürzlich gegründet wurde. „Erfolg kann nur gelingen, wenn alle Spezialisten gemeinsam mit dem Patienten zusammenarbeiten“, fasst Bernd Nasifoglu die Überzeugung der beteiligten Experten zusammen. Das Netzwerk sei einzigartig in der gesamten Region. „Wir erfinden das Rad nicht neu“, sagt Ruth Krauss. „Es gibt schon alle Bausteine. Im Moment ist es aber wie ein Kasten Legosteine ohne Bauanleitung. Im Netzwerk überlegen wir zusammen, welche Bauanleitung angewendet werden muss.“ Ganz wichtig sei ihr dabei, erst einmal herauszufinden, was der einzelne Patient eigentlich will. Es gehe nicht um Vorschriften, sondern darum, dass der Patient die Informationen erhält, um selbst loslegen zu können. Dann müsse für jeden Einzelnen der richtige Weg gefunden werden . Das kann eine konservative Therapie oder auch ein chirurgischer Eingriff sein. Doch auf schnellem Wege durch eine OP eine Bikini-Figur erzielen zu wollen, sei in jedem Fall der falsche Weg, sagt Bernd Nasifoglu. Entscheidend sei zudem, die Krankheit früh anzugehen. Denn eine Folgeerkrankung wie Diabetes könne die Organe zerstören.

Nächster Anruf: Eine Dame, Mitte 40. Sie leide unter starkem Übergewicht, habe schon verschiedene Programme ausprobiert, um ihr Gewicht zu reduzieren. „Aber ich nehme sechs Kilo ab und acht zu.“ Außerdem habe sie schon Knieprobleme. „Ich schaffe es nicht allein und denke schon an chirurgische Eingriffe.“

Erst konservative Therapien ausprobieren

„Der Jojo-Effekt ist der Klassiker“, sagt Bernd Nasifoglu. „Wir sollten erst einmal gucken: Warum funktioniert es mit den Diäten nicht und warum können Sie das Gewicht nicht halten?“ Ruth Krauss rät, erst einmal eine konservative Therapie in Angriff zu nehmen. „Wenn man operiert, gibt es erst mal kein Zurück mehr.“ Wichtig sei, dass die Patientin von verschiedenen Seiten Informationen, Vor- und Nachteile der jeweiligen Möglichkeiten erfahre, damit sie sich entscheiden könne, welchen Weg sie einschlagen will.

„Ich bin fast am Verzweifeln“, sagt eine weitere Anruferin. Vor fünf Jahren habe sie stark zugenommen, bis bemerkt wurde, dass mit ihrer Schilddrüse etwas nicht in Ordnung ist. „Jetzt kriege ich die Kilos nicht mehr weg. Ich kann machen, was ich will.“ Nun habe sie vor, einen Endokrinologen aufzusuchen, um herauszufinden, ob ihr Problem stoffwechselbedingt ist. Eine richtige Entscheidung, findet Ruth Krauss. Doch sollte der Endokrinologe nichts finden, dürfe sie sich gerne bei ihr melden. Dann müsse man die Ernährung genau in den Blick nehmen. „Wichtig ist, dass Sie mehr verbrennen als Sie zu sich zu nehmen.“

Die SZ-Telefonaktion habe eine normale Sprechstunde abgebildet, bilanziert die Erbacher Ärztin am Ende. Häufig würden die Patienten auch psychisch leiden und hätten Probleme im Alltag. Noch immer sei das Thema Adipositas ein Tabu-Thema, sagt Bernd Nasifoglu. Es sei kein Einzelfall, dass übergewichtige Menschen schon in der Kindheit negative Erfahrungen machen. „Traurig, dass das heute in der Gesellschaft noch so ist.“ „Alles liegt nur am Patienten, er müsste einfach weniger essen“, sei leider noch eine weit verbreitete Denkweise, sagt Ruth Krauss. „Oft ist es für Betroffene schon eine große Erleichterung, dass ihnen jemand gegenüber sitzt, der sie versteht und ihnen glaubt“, ergänzt ihr Ehinger Kollege.

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