Stadtarchivar öffnet Blick in die Geschichte Ehingens

Lesedauer: 4 Min
Am Modell der Stadt im Erdgeschoss des Museums erläuterte Stadtarchivar Ludwig Ohngemach (l.) die Entwicklung von Ehingens Unter
Am Modell der Stadt im Erdgeschoss des Museums erläuterte Stadtarchivar Ludwig Ohngemach (l.) die Entwicklung von Ehingens Unterstadt im Lauf der Jahrhunderte. (Foto: SZ- kurt Efinger)
Kurt Efinger

Auf große Resonanz ist am Sonntag die Einladung zum Tag des offenen Denkmals im Ehinger Museum gestoßen. Rund 60 Personen ließen sich von Stadtarchivar Ludwig Ohngemach die Geschichte der unteren Stadt am Modell erklären und folgten ihm danach auf den Rundgang entlang der Schmiech bis zum Ende der Tuchergasse. Hier wohnte einst der Henker.

Das Haus der ehemaligen Henker und Scharfrichter ist zwar nicht mehr vorhanden. An dessen Stelle endet aber noch heute die Stadt. Dort beendete Ludwig Ohngemach auch seine Führung durch äußerst aufschlussreiche Zeugnisse der Vergangenheit. Struktur und Geschichte des ältesten Ehinger Stadtviertels bestimmen noch heute sein Aussehen.

Kommunales Wirtschaftsunternehmen

„Das Heiliggeistspital war das zentrale Marktlenkungsinstrument“, ordnete Ludwig Ohngemach dem heutigen Museum seine einstige Funktion zu. Seine Verwaltung oblag jeweils dem vormaligen Bürgermeister und einem weiteren Ratsherrn. Das kommunale Wirtschaftsunternehmen stellte einen geschlossenen Stadtrandkomplex mit großem Grundbesitz in Altsteußlingen und Dächingen dar. Seine Handelsstrategie bestimmte den Getreidepreis auf dem lokalen Markt. Spitäler wurden vorzugsweise an Fließgewässern angesiedelt, nicht zuletzt wegen der automatischen Fäkalienentsorgung.

Ehinga hieß die Siedlung an der Schmiech. Die Oberstadt kam erst ab der Mitte des 13. Jahrhunderts hinzu, erfuhren die interessierten Zuhörer. Nach 1353 wurde die Unterstadt ummauert. Eine doppelte Mauer sicherte die südliche Randlage. Ein Einlässer öffnete ein kleines Einlasstor nur während der Ernte für mehrere Tage und sonst nur bei Bedarf. Dem Riedlinger Tor unterhalb der Liebfrauenkirche war ein Stadtgraben mit einer 17 Meter langen steinernen Brücke vorgelagert. 1834 wurde das Torhaus abgerissen, drei Jahre später der Turm. Der an gefährdeter Stelle an der Nordseite errichtete Pfisterturm war mit Schießscharten versehen.

Juden verfolgt und vertrieben

In der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden die Juden verfolgt und vertrieben, 100 Jahre später mussten sie auf kaiserliche Anordnung geduldet werden. Geliebt wurden sie von den Christgläubigen nie. Ob und wo es in Ehingen eine Synagoge und eine jüdische Schule gab, ist nach Aussage von Ludwig Ohngemach ebenso wenig nachweisbar wie ein jüdischer Friedhof außerhalb der Stadt. Die Judengasse sei 1939 in Schmiechgässle umbenannt und erst im Adressbuch von 1950 wieder als Judengasse aufgeführt worden. An der Gerber- und Judengasse vorbei führte Ludwig Ohngemach seine Zuhörer bis zum Ende der Tuchergasse. Hier befand sich einst an der Stadtmauer das Haus der Ehinger Scharfrichter. Eheschließungen fanden vorrangig innerhalb der Scharfrichter- und auch Abdeckerfamilien statt. Das war mit vielen Vorteilen verbunden, wie zum Beispiel soziale und finanzielle Absicherung im Alter und der Nachkommen. Es bildeten sich regelrechte Scharfrichtersippen heraus, die finanziell mit rechtlich höher gestellten Standespersonenen konkurrieren konnten. „Zur wohlverdienten Rekreation in der Oberstadt“ empfahl der auch in heutigen Gepflogenheiten kundige Stadtarchivar seinen Zuhörern am Ende die Kirbe.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen