Senioren informieren sich über Geschichte des Landes

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 Referent Michael Knapp.
Referent Michael Knapp. (Foto: Senioren)
Schwäbische Zeitung

Hitzige Debatten, schwierige Abstimmungen und ein schwarzer Tag für die CDU: Über die bewegte Geschichte des Landes Baden-Württemberg haben sich die Senioren des öffentlichen Dienstes vom Regionalverband Ehingen kürzlich umfassend informiert. Beim Monatstreff im Gasthof Schwanen hat Michael Knapp einen Vortrag gehalten und diesen mit Anekdoten gewürzt.

Das Gebiet im Südwesten sei nach der Kapitulation 1945 willkürlich und ohne Rücksicht auf geografische, soziale oder wirtschaftliche Verhältnisse dreigeteilt worden, erklärte Knapp den Senioren. Die Grenze zwischen amerikanischer und französischer Besatzungszone verlief mitten durch Baden und Württemberg entlang der Autobahn Karlsruhe-Stuttgart-Ulm. Die Amerikaner formten aus den von ihnen besetzten Gebieten Nordbaden und Nordwürttemberg den Übergangsstaat Württemberg-Baden mit der Hauptstadt Stuttgart, in dem der Landesbezirk Baden jedoch eine weitgehende Verwaltungsautonomie inne hatte. Die Franzosen machten aus dem Süden Württembergs und Hohenzollern das Land Württemberg-Hohenzollern mit der Hauptstadt Tübingen. Aus dem südbadischen Landesteil wurde Baden mit der Metropole Freiburg.

Neu sei die Idee nicht gewesen, Baden und Württemberg zu vereinen, so Knapp: Bereits im 19. Jahrhundert und während der Weimarer Republik hatten einige Politiker laut darüber nachgedacht. Theodor Heuss, der spätere Bundespräsident und „ waschechter Württemberger“ hatte im Jahr 1919 in einer Rede in Stuttgart bereits den Zusammenschluss von Baden und Württemberg vorgeschlagen. Der erste „Signalstoß“ zur Vereinigung der Länder nach 1945 kam erneut aus Stuttgart.

Am 1. Juli 1948 erteilten die drei Militärgouverneure den elf Regierungschefs im westlichen Teil Deutschlands mit dem Frankfurter Dokument Nr. 2 den Auftrag, Vorschläge für eine Neugliederung der Länder zu erarbeiten.

Verhandlungen ohne Ergebnis

Verhandlungen zwischen den drei Regierungschefs im Südwesten kamen zunächst zu keinem Ergebnis. Nach dem Willen der drei westlichen Besatzungsmächte beschäftigte sich ein Vorparlament, der „Parlamentarische Rat“, mit der Ausarbeitung einer Verfassung für den deutschen Staat. Bevor dieser das Verfassungswerk im Mai 1949 vollendete, gelang es dem Ministerpräsidenten Gebhard Müller, im Einvernehmen mit seinem Kollegen Reinhold Maier in letzter Sekunde eine Sonderregelung für die Neugliederung im deutschen Südwesten als Artikel 118 unterzubringen. Im April 1950 stimmten die Besatzungsmächte dieser Regelung zu.

Nach einem heftigen Abstimmungskampf, in dem es an kräftigen Worten nicht fehlte, fiel am 9. Dezember 1951 schließlich die Entscheidung über den Südweststaat. Insgesamt nahmen mehr als 60 Prozent der Bevölkerung an der Volksbefragung teil, wovon sich knapp 70 Prozent für einen einzigen Südweststaat aussprachen. In den drei Abstimmungsbezirken Nord- und Südwürttemberg sowie Nordbaden votierte die Mehrheit der Bevölkerung für den Südweststaat. In Württemberg waren es über 92 Prozent, die zustimmten, in Nordbaden immerhin noch 57 Prozent. In Südbaden sprachen sich dagegen nach wie vor, wie bei der vorherigen Probeabstimmung, über 62 Prozent der Abstimmungsberechtigten für die Wiederherstellung des alten Landes Baden aus. Die Verfassungsgebende Versammlung des neuen Landes Baden-Württemberg wurde am 9. März 1952 gewählt, erklärte der Referent den Ehinger Senioren.

Am 25. April 1952, dem Tag, der in der Geschichte der CDU als „schwarzer Freitag“ einging, siegte in der Abstimmung der DVP-Politiker Reinhold Maier mit 64 zu 50 Stimmen gegen den CDUler Gebhard Müller, der später Präsident des Bundesverfassungsgerichts wurde. Zur großen Überraschung und in einer der turbulentesten Szenen („handstreichartig“), die das Parlament erlebte, gab Reinhold Maier unmittelbar nach der Wahl die Vereinigung der drei bisherigen Länder zu einem neuen Bundesland bekannt.

Am 11. November 1953 verabschiedete die Landesversammlung die Verfassung mit 70 zu 39 Stimmen. Sie trat am 19. November 1953 in Kraft. Mit der Verfassung hieß das neue Bundesland nun auch offiziell Baden-Württemberg.

Die Altbadener, die sich zum Heimatbund Badenerland zusammengeschlossen hatten, führten auch nach der Gründung des Landes Baden-Württemberg ihren Kampf um die Wiederherstellung des früheren Landes Baden fort. Sie zogen bis vor das Bundesverfassungsgericht. Dieses gestand ihnen im Jahr 1956 zu, dass die badische Bevölkerung in einer nochmaligen Volksabstimmung über den Verbleib ihrer Heimat im Land Baden-Württemberg entscheiden dürfe. Erst am 7. Juni 1970 kam es zu dieser erneuten Volksabstimmung. Das Ergebnis war eindrucksvoll: Bei einer Beteiligung von mehr als 62 Prozent stimmten knapp 82 Prozent für den Verbleib beim Land Baden-Württemberg, erklärte Knapp abschließend.

Im August, so hieß es bei der Versammlung, wird der Vortrag von Franz Xaver Schmid aus organisatorischen Gründen ins evangelische Jugendhaus verlegt. Im September fahren die Senioren an den Bodensee.

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