Seit 25 Jahren geistern die Ehinger Eschengeister

Lesedauer: 5 Min
Schriftführer Rainer Hermansa, Vorsitzender Matthias Leicht und Pressewartin Miriam Lebsanft (v.l.) würden sich über die Teilnah
Schriftführer Rainer Hermansa, Vorsitzender Matthias Leicht und Pressewartin Miriam Lebsanft (v.l.) würden sich über die Teilnahme vieler Eschengeister am Jubiläumsabend freuen. (Foto: SZ- kurt efinger)
Schwäbische Zeitung
Kurt Efinger

Seit einem Vierteljahrhundert besteht in Ehingen die Narrengruppe Eschengeister. Zur Zeit zählt sie knapp 100 Mitglieder und feiert unter dem Motto „Ritter, Knappen und Mägdelein“ am 11. November ihr Jubiläum im Rosenstadel.

Die Eschengeister sind ein eigenständiger Verein und nicht Mitglied der Ehinger Narenzunft Spritzenmuck. Wie es vor 25 Jahren zur Gründung des neuen Narrenclubs kam, erzählt dessen Gründer und heutiger Schriftführer Rainer Hermansa: Weil seine Eltern nicht wollten, dass er sich den auch als wilde Weiber bezeichneten Ehinger Hexen anschließe, und es in Ehingen nicht ganz einfach sei, in die hiesige Narrenzunft Spritzenmuck aufgenommen zu werden, habe er beschlossen, eine eigene Gruppe zu gründen. „Das kannst du doch nicht machen“, hätten ihn Freunde gewarnt. Doch Hermansa wagte 1992 den Start und erweckte mit 17 Erwachsenen und acht Kindern die Gruppe der Eschengeister zum Leben. Die 25 Mitglieder gründeten im Januar 1993 die zwei Jahre später ins Vereinsregister eingetragene Narrenzunft Eschengeister. Elf Gründungsmitglieder sind heute noch dabei.

Auf Eschengeister als neue Fasnetsfiguren kam Rainer Hermansa durch eine Sage, die er in einem in der Stadtbücherei ausgeliehenen Buch gefunden hatte. Darin war vom letzten Ritter von Eschenbach die Rede. Sein Geist soll sich zuweilen tief betrübt beim Gesundheitsbrünnelein der Nähe der Ruine der Burg Eschenbach zeigen. Der Grund seiner Traurigkeit ist, dass er von der verlockenden und angeblich gesundheitsfördernden Quelle nicht trinken darf, weil er sich geschworen hatte, niemals auch nur einen Tropfen Wasser zu sich zu nehmen. Nur ein unschuldiges Mägdelein mit blondem Haar und blauen Augen, das in seinem Leben nur Milch und Wasser getrunken hat, könnte den Ritter von der traurigen Gestalt von seinem eigenen Fluch erlösen. Auf die strikte Befolgung des verhängnisvollen Schwurs durch den letzten Eschenbacher achten die wachsamen Eschengeister. Bis schließlich ein den Bedingungen entsprechender Unschuldsengel erscheint. In Ehingen soll sich ein solcher bis jetzt noch nicht gefunden haben.

Den vor Sehnsucht nach dem Wasser des Gsundheitsbrünneles schier verschmachtenden Ritter haben die Ehinger Eschengeister, um ihn permanent bewachen zu können, schon vor einigen Jahren in ihre Reihen aufgenommen. Als neue Fasnetsfigur soll am 11. November beim Jubiläum im Rosenstadel das Milch und Wasser trinkende blonde und blauäugige Mädchen endlich Wirklichkeit werden und den Ritter von seinem Zwang, anderes als Wasser konsumieren zu müssen, erlösen. Ob der bärtige Ritter bei Umzügen in Begleitung der der auf ihre Unschuld versessenen Blondine freundlicher in die Welt schaut, bleibt abzuwarten. Für närrisches Treiben ist eine Sage mit fantasiereichem Weiterentwicklungspotenzial allemal gut.

So todernst wie die ihnen auferlegte Vereinssatzung sind die Eschengeister glücklicherweise nicht, dass sie die Erhebung Ehingens zur Bierkulturstadt statt zum Gesundheitsbrünneledorf bedauern würden. Möglicherweise bleibt der durstige Ritter trotz Erlösungsmädchen bei seinem Schwur, wenn ihm klar wird, was eifrige Gesundheitsapostel heutigentags den reinsten Wasserquellen andichten.

Das von den Eschengeistern an der Fasnet getragene Häs ist grün und schwarz. Grün symbolisiert die Farbe des Waldes, Schwarz seine hintergründige Tiefe. Die Zähne und die Fuchsschwänze an der Maske erinnern an Waldtiere. Unten an der Hose und an den Ärmeln sind schwarze Flammen angebracht. Sie stehen für die sich im Wald hochrankenden Pflanzen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen