Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz glänzt in Ehingen beim Neujahrskonzert

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Als „Typewriter“ beherrscht Schlagzeugerin Dessi Slava Kepenerova ihr „Instrument“ perfekt.
Als „Typewriter“ beherrscht Schlagzeugerin Dessi Slava Kepenerova ihr „Instrument“ perfekt. (Foto: SZ- kurt efinger)
Kurt Efinger

Was haben das Wiener Neujahrskonzert 2020 und das in Ehingen gemeinsam? Die Musiker, soweit männlichen Geschlechts, trugen Frack, die Dirigenten eine schlichte schwarze Jacke. Aber auch sonst braucht die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz den Vergleich mit den Wiener Philharmonikern nicht unbedingt zu scheuen.

Unter der Leitung ihres finnischen Chefdirigenten Ari Rasilainen legten die Musiker ein 600 Zuhörer in der ausverkauften Lindenhalle zu Beifallstürmen hinreißendes Konzert hin. Am Ende waren vier Zugaben fällig.

Ehinger Sängerin stellt Stimmpotenzial unter Beweis

Dabei versprach das Programm nach der „Fledermaus“-Ouvertüre von Johann, der Polka „Feuerfest“ von Josef und dem Galopp „Mit Extrapost“ von Eduard Strauss alles andere als den Glanz der Wiener Hautevolée. Mit der Arie der Kunigunde „Glitter and be Gay“ aus Leonard Bernsteins „Candide“ fand man sich unmittelbar vor der New Yorker Broadway-Bühne, wo sich eine eigene Operettentradition etabliert hatte. Dank eines schlechten Librettos war das Werk als Operette zwar ein Flop, kam aber dank hervorragender Musik in überarbeiteter Fassung als Musical groß heraus und gab in Ehingen der Sängerin Judith Caspari Gelegenheit, ihr Stimmpotenzial in einer Bravourleistung überzeugend unter Beweis zu stellen. Als elegante Moderatorin machte Insa Pijanka, die Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie, gute Figur.

Die von Johann Strauss bei seinem Gastspiel 1872 in Boston hinterlassenen Spuren fanden sich bei Artur Fiedlers Boston Pops und den von Leroy Anderson dafür komponierten, witzigen Stücken wie „The Waltzing Cat“. Das Miauen der Walzer tanzenden Katze verfehlte seine Wirkung ebenso wenig wie „Fiddle Faddle“ mit den lustigen Pizzicatosechzehnteln der Streichinstrumente. Ansonsten hätte das Teil durchaus von Johann Strauss gemacht sein können. Ja, und bei allem amerikanischen Humor stellte sich ein bisschen Walzerseligkeit denn auch ein, als die Solistin umwerfend zu singen begann „I could have danced all night!“ Auch Frederick Loewes Musical verleugnet seine Herkunft von der Operette nicht.

Ein Songe geht besonders unter die Haut

Nach der Pause ging es weiter mit der Ouvertüre zu „South Pacific“ von Richard Rodgers. Zwar war er der erste Mensch, der alle vier großen Preise der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gewinnen konnte, doch nicht jedes seiner Werke wurde hierzulande so populär wie „Oklahoma“. „South Pacific“ wird als eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten angesehen, allerdings nicht im deutschen Sprachraum, wo es sich nie durchsetzen konnte und bis heute fast unbekannt ist. War das 1949 so eine befremdliche Welt, wo sich auf einer Insel im südlichen Pazifik eine amerikanische Krankenschwester im Rang eines Leutnants während des Krieges in einen französischen Plantagenbesitzer verliebte? Mehr sprach das Publikum vor 60 Jahren „The Sound of Music“ mit der anrührenden Geschichte der legendären Trapp-Familie an. Der Song „I Have Confidence“ ging am Samstag besonders unter die Haut. Klavierakkorde setzten starke Akzente .

Nach intensiven Gefühlen war mit Leroy Andersons „The Typewriter" zwischendurch wieder einmal Humor angesagt. Aus der hinteren Reihe brachte die Schlagzeugerin Dessi Slava Kepenerova das für die perfekte Beherrschung der Schreibmaschine nötige Talent mit nach vorne an die Rampe und stimmte sich zur allgemeinen Erheiterung sehr sorgfältig mit der Oboistin ab.

Ganz groß kam war Sopranistin Judith Caspari heraus, als sie in „Moon River“ aus Henry Mancinis Filmmusik zu „Breakfast at Tiffany's“ bewies, dass sie auch die tieferen Lagen ihres Fachs perfekt beherrscht. Stark beeindruckt war man am Schluss von der bombastischen Schaurigkeit mit scharfen Xylophonschlägen bei Andrew Lloyd Webbers „Phantom of the Opera“. Tosendem Applaus folgte als erste Zugabe die von Johann Strauss als musikalischer Scherz bezeichnete „Champagner-Polka“ mit Papierschlangen als Schampuseffekt.

Bei der zweiten Zugabe sang Dirigent Ari Rasilainen gekonnt Frank Sinatras „My Way“. Nicht zu bändigender Jubel zwang zur Auflage einer dritten, bevor die Trommel in den Applaus hinein als definitiv letzte Nummer den Radetzky-Marsch ankündigen durfte. Heraus aus der Operette – hinein ins Musical: Der Erfolg rechtfertigte den gelungenen Versuch.

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