Raus aus dem Klassenzimmer, rein in die Betriebe

Lesedauer: 8 Min
Hat ihr Praktikum im Finanzamt in Ehingen absolviert: Sophie Renz (rechts) mit Alice Hucker,Auszubildende im Finanzamt Ehingen.
Hat ihr Praktikum im Finanzamt in Ehingen absolviert: Sophie Renz (rechts) mit Alice Hucker,Auszubildende im Finanzamt Ehingen. (Foto: SZ- Kiem)
Romy Kiem

Einmal mit Politikern im Plenarsaal vom Landtag sitzen, in einem echten Porsche mitfahren oder zum ersten Mal eine Steuererklärung ausfüllen: Im Rahmen des Bogy-Praktikums haben die Schüler der zehnten Klassen des Joachim-Hahn-Gymnasiums in Blaubeuren in der zurückliegenden Woche in Betriebe hineingeschnuppert. Die Berufsorientierung am Gymnasium, kurz „Bogy“, bietet Schülern die Möglichkeit, eine Woche lang aus dem Schulalltag auszusteigen und sich die Berufswelt anzusehen. Dazu haben sie sich bei einem Betrieb ihrer Wahl beworben.

„Die Schüler werden im Rahmen des Gemeinschaftskundeunterrichts auf das Bogy-Praktikum vorbereitet. Beispielsweise über den Besuch des Bildungsinformationszentrums in Ulm, oder auch über den Kompetenzcheck der IHK“, erklärt Katja Schmoranzer, Lehrerin am Blaubeurer Gymnasium und Bogy-Ansprechpartnerin für die Schüler. Um sich mit dem Schreiben einer Bewerbung vertraut zu machen, vermittelte Schmoranzer den Schülern Informationen und Tipps, die nicht nur für die Praktikumswoche, sondern auch für das spätere Berufsleben der Schüler nützlich sein sollen. Um einen Praktikumsplatz zu bekommen, sollten die Schüler aktiv und eigenständig auf Praktikumsbetriebe zugehen, was auch gut geklappt hat: Alle Schüler haben einen Platz gefunden.

Sophie Renz verbrachte ihr Praktikum im Finanzamt in Ehingen. „Davor wusste ich gar nicht genau, was man da überhaupt macht. Es hieß immer nur ,irgendwas mit Steuern’“, sagt die Schülerin, die sich darüber freut, dass sie auch selbst beim Ausfüllen und Überprüfen von Steuererklärungen helfen durfte. Außerdem hat sie ein Heft bekommen, in dem alle wichtigen Informationen zu Steuern und auch Begriffserklärungen zu finden sind. Jeden Tag schaute Sophie Renz sich eine andere Abteilung an, sodass sie am Ende alles gesehen hat. „Überall werde ich mit ,Frau Renz’ angesprochen. Das war am Anfang schon etwas ungewohnt“, erzählt die Schülerin. Mit einem Schultag könne man einen Arbeitstag kaum vergleichen, er sei ganz anders und viel abwechslungsreicher, wobei es schon teilweise ein „Beruf im Sitzen“ sei. Ihr Praktikum sieht sie als gute Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, allerdings möchte Sophie Renz noch weitere Praktika in anderen Betrieben machen, um herauszufinden, welchen Beruf sie später wirklich erlernen will.

Erwin Mönch, Ausbildungsleiter am Finanzamt Ehingen erklärt, dass Praktikanten sehr wichtig seien, da die Schüler oftmals später eine Ausbildung im Finanzamt starten. Das Amt mache außerdem durch Auftritte bei verschiedenen Messen, wie zum Beispiel der Ausbildungsmesse in Ehingen, Praktikanten und Auszubildende auf sich aufmerksam. „Am Anfang der Woche bekommen die Praktikanten einen Zeitplan, auf dem steht, wann sie sich welche Stellen ansehen dürfen“, sagt Mönch. Bei den Besuchen der einzelnen Abteilungen sei auch Mitarbeit in einfachster Form für die Schüler möglich.

Unterwegs mit Manuel Hagel

Eine andere Schülerin war mit Landtagsabgeordneten Manuel Hagel in dessen Wahlkreis unterwegs. Johanne Höfer durfte ihre Praktikumswoche im Landtag in Stuttgart verbringen. Den Praktikumsplatz hat sie durch familiäre Kontakte erhalten. Die an Politik interessierte Schülerin war begeistert von den verschiedenen Bereichen, die sie schon besucht hat. Ob Bürgerbriefe beantworten, die Kommunikation der Partei zu beobachten, oder der Mitarbeiterin von Manuel Hagel behilflich sein, „da steckt überall viel mehr dahinter als man denkt“, sagt Höfer. Da täglich verschiedene Termine anstehen, sind die Arbeitszeiten der Schülerin recht unterschiedlich, im Durchschnitt sind es aber ungefähr sieben Stunden am Tag. Johanne Höfer hat Einblicke in verschiedene Berufsfelder im Landtag bekommen, wobei ihr die Arbeit der Abgeordneten und der Referenten am besten gefallen hat.

Eine Woche bei Porsche

Da Benjamin Schray ein großes Interesse an Autos hat, verbrachte er eine Woche bei Porsche in Stuttgart, in der Abteilung Ressourcenmanagement. Dort werden die Budgets für die Entwicklung und Produktion von den Autos geplant, wobei er beim Tabellenausfüllen und Budgetsüberprüfen helfen durfte. Betreut wurde der Schüler dabei von einem anderen Praktikanten, der aber bereits studiert und schon länger im Betrieb ist. „Mir gefällt die Atmosphäre in einem großen Betrieb, man geht zusammen zum Essen in die Mensa und arbeitet im Team“, erklärt Schray. Ein besonderes Highlight für ihn war, als ein Mitarbeiter einen Porsche umparken musste: Der Schüler durfte mitfahren und eine kurze Spritztour über das Gelände miterleben.

„Man kommt nur mit seinem Ausweis von der Firma auf das Gelände“, berichtet er fasziniert. Seine Arbeitszeiten darf der Schüler sich selbst aussuchen, sieben Stunden am Tag sollte er allerdings im Betrieb sein. Da er als Praktikant selbst wenig arbeiten konnte, schaute Benjamin Schray viel zu und ließ sich Dinge erklären. Außerdem fand er die Leute dort alle sehr nett. Insgesamt bewertet er sein Praktikum sehr positiv, wobei er nun weiß, dass ihm die Arbeit in der Abteilung Ressourcenmanagement etwas zu trocken und theoretisch wäre und er sich nicht vorstellen könnte, so etwas später zu machen. Lieber würde er in der Entwicklungsabteilung arbeiten, sagt er. Dort würden neue Technologien entwickelt, um die Fahrzeuge zu verbessern.

Nicht nur herauszufinden, was einem gut gefällt, sondern auch, was man sich für seine Zukunft nicht vorstellen kann, sei ebenfalls ein Ziel des Praktikums gewesen, erklärt Lehrerin Katja Schmoranzer. Wichtig sei „die kritische Reflexion der eigenen Berufs- und Studienwahl“. Im Unterricht wird nun auf die erlebnisreiche Woche gemeinsam zurückgeblickt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen