Orchester imponiert in Ehinger Lindenhalle

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Kurt Efinger

Das International Regions Symphony Orchestra (IRO) hat am Freitag in der voll besetzten Lindenhalle mit Mozarts Klarinettenkonzert und Mahlers erster Sinfonie einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Unter der Leitung von Wolfgang Christ gelang der jungen Elite aus Baden-Württemberg und seinen Partnerregionen in Europa, Amerika und Asien eine brillante Wiedergabe beider Werke.

Mit dem von Wolfgang Amadeus Mozart in seinem Todesjahr 1791 für Anton Stadler komponierten Konzert in A-Dur KV 622 für Klarinette und Orchester eröffnete das mit den besten jungen Musikern ihrer Herkunftsländer besetzte Orchester das Programm. Stadler war bekannt für sein schönes Spiel mit meisterlicher Beherrschung der tiefen Register der Klarinette sowie der Bassettklarinette. Er hatte der normalen Klarinette durch Verlängerung die tieferen Töne Dis, D, Cis und C hinzugefügt.

Musiker verblüfft

Nach Mozarts Tod wurden die tiefsten Passagen des Konzerts nach oben oktaviert, um es auf der verbreiteten A-Klarinette spielen zu können. Martin Spangenberg spielt eine um 18 Zentimeter längere Bassettklarinette und ist somit in der Lage, wie einst Anton Stadler bei der Uraufführung in Prag ein authentisches Bild des Werks zu vermitteln. Er tat es auf wunderbare Weise und verblüffte vor allem mit dem Chalumeauklang im tiefen Register. Dazu stützte er sein Instrument mit dem rechten Knie ab. Spangenbergs in allen Lagen exzellente Intonation ergab sich aus perfektem Ansatz und der dazu erforderlichen permanenten Körperbewegung. Der agogische Elan seines betörenden Klarinettenspiels inspirierte das Orchester zu schwungvoller Reaktion.

Der 1965 in Wangen im württembergischen Allgäu geborene Martin Spangenberg war 1988 bis 1995 Soloklarinettist der Münchner Philharmoniker und danach bis 1997 Mitglied des Bayreuther Festspielorchesters. Nach einer sechsjährigen Professur für Klarinette an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar wechselte er 2013 an die renommierte Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin und ist seit 2016 deren Prorektor. Mit Mozarts einmaligem Klarinettenkonzert ist er unter der Leitung des unvergesslichen Sergiu Celibidache bei zahlreichen Konzerten aufgetreten.

Der als einer der führenden Bratschisten bekannte Wolfram Christ nahm dieses Jahr seinen Platz in der jährlich wechselnden Reihe der Orchesterleiter des Iro ein. Dabei erwies sich der langjährige erste Solobratschist der Berliner Philharmoniker und Professor an der Musikhochschule Freiburg bei Mozart wie auch nach der Pause bei Mahler als souveräner Dirigent ersten Ranges.

Um einiges umfangreicher als bei Mozarts Konzert war die Orchesterbesetzung naturgemäß, als nach der Pause Gustav Mahlers erste Sinfonie angesagt war. Mit der vollen romantischen Instrumentation einschließlich Harfe wartete das International Regions Symphony Orchestra bei einem Werk auf, das eine neue Epoche der Musikgeschichte einleitete.

Rückgriff auf die schlichte Melodie

Die Uraufführung am 20. November 1889 in Budapest stieß auf geteilte Meinung von Begeisterung bis zu Entrüstung und Häme. Das ist verständlich angesichts der schwer vermittelbaren Eingliederung von Trivialmusik in die Sinfonik. Das Nebeneinander von Blaskapelle, Klezmermusik und Vogelstimmen auf der einen und schwerstem Blech wie von Wagner oder Bruckner auf der anderen Seite schockierte das abgehobene Publikum von damals. Nicht so in Ehingen. Hier entfachte die vom Iro einmalig präzise wiedergegebene Klangwelt aus der Natur einen Beifallssturm ohnegleichen. Der Rückgriff auf die schlichte Melodie eines bekannten französischen Kanons wird heute nicht als „billiger Jakob“ verstanden, sondern als ein naturgegebenes Motiv mit großer Entfaltungsmöglichkeit. Der Gehalt in Mahlers Musik war seiner Epoche voraus und wurde vom Bildungsbürgertum missverstanden. Die Zeit war noch nicht reif für ein Verständnis jüdischer Freigeistigkeit als Grundlage unbefangener Naturempfindung und seriöser Wissenschaft.

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