Nach OP: Warum eine Syrerin erst jetzt nach 14 Jahren wieder richtig essen kann

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OP-Saal
Eine OP in Ehingen führte jetzt zum Erfolg. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

14 Jahre lang konnte sich eine 40 Jahre alte Frau, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, nur von Flüssigkeiten und püriertem Essen ernähren. Sogar drei Kinder hat die Syrerin in dieser Zeit geboren und groß gezogen. Nun wurde ihr im Alb-Donau Klinikum Ehingen das Magenband entfernt, durch das ihre jahrelangen Einschränkungen verursacht wurden. Doch der Reihe nach.

Mit 18 Jahren ist die 1,56 Metergroße Frau 42 Kilo schwer, mitten in ihrer Ausbildung zur labortechnischen Assistentin und glücklich. Ein starker Hautausschlag bringt sie schließlich zum Hautarzt, der ihre Beschwerden mit Kortison behandelt.

Zwölf Spritzen erhält sie in den darauffolgenden sechs Monaten, dazu kommen Tabletten, die sie von da an ununterbrochen nimmt. Sechs Monate später ist sie fast doppelt so schwer, wiegt jetzt 82 Kilo. Die Zunahme erfolgte nicht gleichmäßig über den Körper verteilt, sondern konzentriert sich auf die Region von Oberschenkeln und Hüfte.

Verzweifelt versucht sie abzunehmen. Einmal isst sie 14 Tage nichts, nimmt in dieser Zeit 15 Kilo ab, aber landet nach dieser Fastenzeit erst einmal im Krankenhaus.

Sie probiert verschiedene Abnehmmethoden, nimmt Tabletten mehrerer Hersteller, aber nichts hilft ihr, ihren ehemals schlanken Körper zurückzuerhalten. Im Gegenteil: Durch die zahlreichen Hungerkuren steigt ihr Gewicht immer mehr.

Kinderlos wegen Übergewicht

Mit 25 heiratet sie, aber das Paar bleibt zunächst kinderlos. Die Ärzte sehen die Ursache in ihrem Übergewicht. Ein Jahr nach der Hochzeit lässt sie sich ein Magenband einsetzen. Zu diesem Zeitpunkt hat sie mit 107 Kilogramm ihr Maximalgewicht erreicht.

Direkt nach der Operation ist ihr übel. Sie kann nichts essen und daran wird sich auch nichts mehr ändern. In den ersten Tagen ist aber nicht einmal die Aufnahme von Flüssigkeit möglich. Der syrische Chirurg begründet dies damit, dass sie im Jahr vor der OP immer wieder versucht habe, durch willentlich herbeigeführtes Erbrechen an Gewicht zu verlieren. Deshalb ist das Magenband so extrem eng, dass Nahrung nur hinein, aber auf keinen Fall mehr herauskommen soll.

Durch muskelentspannende Zäpfchen kann sie wenigstens flüssige Nahrung bei sich behalten. Sie ernährt sich von Milch, Tee und warmem Saft – kalte Getränke kann sie nicht trinken. Sie nimmt schnell ab, wiegt inzwischen 71 Kilo. Dennoch geht es ihr nicht gut, ihrem Körper fehlen Vitamine und Elektrolyte und die ganze Situation belastet sie psychisch sehr.

Der Chirurg erklärte ihr, das Band dürfe nur drei Jahre im Körper verbleiben, danach müsse es raus. Die Idee dahinter war möglicherweise, dass sich der Magen wieder etwas verkleinert. Die Angst der jungen Frau vor einer erneuten Zunahme war aber so groß, dass sie es nicht wieder rausmachen lassen wollte.

Im Alter von 30 Jahren entbindet sie ihr erstes Kind

Mit 30 entbindet sie ihr erstes Kind, nach der Entbindung entzündet sich jedoch der Port, ein unter der Haut platzierter Ballon, über den man mittels Wasser die Weite des Magenbandes beeinflussen kann. Der Chirurg entfernt den Port in örtlicher Betäubung, belässt das Magenband jedoch an Ort und Stelle. Warum? Darüber können sich die Ärzte der Chirurgischen Klinik nur wundern.

Als ich das Magenband soweit freigelegt hatte, ließ es sich zunächst ohne Probleme herausziehen. Doch plötzlich stoppte das Band und nichts ging mehr.

2015 kommt die Frau als Flüchtling nach Deutschland. 2018 kommt ihr drittes Kind zur Welt. Nach wie vor kann sie nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. Manches püriert sie und trinkt es dann als Smoothie, aber Reis, Fleisch, Kartoffeln, Brot und Salat kann sie nach wie vor nicht essen.

Anfang 2019 kommen dann neue Symptome dazu – sie klagt über Schwindel, Ohnmachtsgefühle und einen instabilen Kreislauf. Der Hausarzt stellt einen Multivitaminmangel fest, ebenso, dass wichtige Spurenelemente fehlen. Er überweist sie zum Gastroenterologen und nach diesem Termin als dringenden Fall ins Alb-Donau Klinikum Ehingen. Dort wurde sie nun vom Sektionsleiter der Viszeralchirurgie und Adipositaschirurgie Bernd Nasifoglu operiert.

Unvorhersehbare Wendung bei der OP

Das 14 Jahre alte Band war in den Magen eingewachsen, teilt die Ehinger Klinik mit. Vorsichtig schneidet der erfahrene Chirurg das narbige Gewebe heraus, um am Ende eine echte Überraschung zu erleben.

„Als ich das Magenband soweit freigelegt hatte, ließ es sich zunächst ohne Probleme herausziehen. Doch plötzlich stoppte das Band und nichts ging mehr. Wir mussten also an der Milz erneut Gewebe lösen und plötzlich sahen wir, was das Band festgehalten hatte. Das Ende des Bandes war verknotet! Allem Anschein nach hat der Chirurg bei der Portentfernung das Ende des Bandes einfach verknotet und dann wieder in den Bauchraum zurückgelegt.“

Nach 14 Jahren kann die Syrerin jetzt endlich wieder feste Nahrung zu sich nehmen. Noch traut sie sich aber nicht richtig und bleibt bei weicher Kost.

„Das ist nach dem langen Leidensweg aber auch keine Überraschung. Sie muss erst mal wieder lernen, normal zu essen und die Angst vor einer starken Zunahme mit Hilfe einer Therapie bewältigen. Deshalb werden wir sie in unserem Adipositas-Netzwerk betreuen und ihr Experten an die Seite stellen.

Ihre Geschichte zeigt aber auch ein Problem am Magenband – es wirkt mehr oder weniger gut, während es drin ist. Aber es ist nicht auf Dauer angelegt und wenn es raus muss, ist alles wieder beim Alten. Wenn der Patient dann nicht gelernt hat, sein Verhalten nachhaltig zu verändern, ist eine Zunahme die zwangsläufige Konsequenz. Außerdem müssen die Patienten im Durchschnitt wegen Komplikationen drei Mal operiert werden. Heute wird dieser Eingriff daher in vielen spezialisierten Kliniken nicht mehr gemacht.

Durchaus zum Bedauern vieler Patienten, denn bei rund jedem Zweiten ist dies der primäre Wunsch, wenn er in meine Sprechstunde kommt. Aber wenn sie dann die anderen Methoden kennenlernen, sind sie schnell zu überzeugen, dass heute bessere Behandlungsmethoden zur Verfügung stehen“, so Nasifoglu.

„Noch viel wichtiger ist es, die für den Patienten individuell richtige Therapie auszuwählen. Patienten mit verhaltensbedingter oder medikamentös bedingter Adipositas sollten primär nicht operativ behandelt werden. Die ideale Therapie für den einzelnen Patienten zu finden, geht nur in einem Team aus Experten bestehend aus Ernährungsmedizinern, Ernährungs- und Verhaltenstherapeuten, Psychiatern und Chirurgen, so wie wir es im Adipositas-Netzwerk Alb-Donau realisiert haben.“

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